Von einem der Redaktion bekannten Journalisten mit großem Textausstoß ist der Ausspruch überliefert: "Das bisschen, was ich lese, schreibe ich lieber selbst." Im Zeitalter der allgemeinen Bücherschwemme scheint dies auch jenseits des Kalauers eine weit verbreitete Haltung zu sein. Allein 12 000 deutschsprachige Belletristik-Titel kommen jedes Jahr auf den Markt, dazu kommen Politiker-Biographien, Eheratgeber und Sushi-Kochbücher, bis sich die Regale biegen. Da kann man es den potenziellen Konsumenten des gedruckten Stoffes kaum mehr verdenken, dass sie panisch in die Häppchenkultur des Internets fliehen. Dort tut die neue Kulturtechnik des Bloggens ihren Teil dazu: Ja, man würde ja gern mal wieder was lesen, bekommt nur leider nicht lang genug die Finger von der Tastatur.
So war es nur eine Frage der Zeit, bis der Leser eine im Aussterben begriffene und deshalb subventionswürdige Spezies werden musste. Doch nun hat die Grazer Literaturzeitschrift "Schreibkraft" zu ihrem zehnten Jubiläum ein so genanntes Lesestipendium ausgerufen. Ein Leser oder eine Leserin bekommt eine Wohnung in Graz gestellt, in der er oder sie drei Wochen lang nach Herzenslust lesen kann, zusätzlich versorgt durch die Stipendiumssumme von 1100 Euro. Doch mit einem Stephen King und drei Tageszeitungen darf man sich hier nicht durchschummeln: Eine Literaturliste mit zehn Titeln soll im Bewerbungsbrief stehen (bis 22. September an schreibkraft@mur.at), davon mindestens fünf Titel lebender deutschsprachiger Autoren und mindestens drei aus dem Programm deutschsprachiger Kleinverlage. Und nach der erfolgreichen Lesezeit muss der Leser oder die Leserin in einem Gespräch öffentlich darüber Auskunft geben, wie das so war, allein in Graz mit all den lebenden Büchern aus deutschsprachigen Kleinverlagen.
Ob die Stipendiumswohnung Fernsehen und Internetanschluss besitzt, ist im übrigen nicht bekannt. Vielleicht könnte man ja noch eine Webcam einrichten, damit all die Nicht-Leser da draußen mal wieder jemandem beim Lesen zuschauen können. Haltungsnoten verteilen, anfeuern, vielleicht noch Lesewettbewerbe ausrichten. Die deutschsprachige Literatur sucht den Super-Leser. In dem Format steckt Potenzial.
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