Zwischen all der Aufregung der letzten Tage, zwischen Hessenwahl und Obama-Feier, war eine dieser kleinen, an sich unbedeutenden Meldungen, die streng genommen keine Meldungen sind und die einem trotzdem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Schulklassen, ließ die Stiftung Lesen aus Mainz letzte Woche Freitag verlautbaren, Schulklassen könnten noch bis Ende Januar ihre Lieblingsbücher zum Internationalen Preis der jungen Leser vorschlagen. Das ist doch schön, mögen Sie denken. Ist es ja auch.
Auf der Auswahlliste stehen Kästners "Emil und die Detektive" und Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz", was ohne Zweifel schöne Bücher sind, auch wenn sie nicht mehr ganz frisch sind. Aber nicht das ist der Grund, dass uns die Meldung nicht mehr aus dem Kopf verschwinden will, auch nicht, dass der Zauberer Potter mit nur einem Band vertreten ist ("Stein der Weisen"), beunruhigt uns wirklich.
In der Meldung heißt es weiter: "Geschäftsführer Heinrich Kreibich sagte, der Preis solle eine Orientierungshilfe für junge Leser sein, da Kinder selbst befragt würden." Und das erinnert an eine fatale Praxis, die sich nach unserem selbstredend absolut unrepräsentativen Eindruck im Deutschunterricht breit gemacht hat. Auch da werden, wie eine Blitzumfrage zwischen Weilheim, Frankfurt und Hamburg bestätigt, die Schüler gefragt, was sie denn im Deutschunterricht so lesen wollen.
Das aber, liebe Lehrer, kann doch wohl nicht euer Ernst sein. Mal abgesehen davon, dass einem der Spaß an den Büchern, die man an sich gerne liest, im Unterricht schnell verdorben werden kann: es kann doch nicht wahr sein, dass es jetzt die Schüler sind, die den Kanon festlegen. Woher sollen die denn wissen, wenn nicht von euch, ob sie Schiller, Kleist und Kafka gut finden? Meint ihr wirklich, dass so die Lust am Deutschen vergrößert werden kann? Wo soll denn der Genuss an Literatur herkommen, wenn schon die Lehrer die Mühen der Vermittlung scheuen? Wollt ihr den Schülern wirklich die Möglichkeit vorenthalten, sich mit dem vertraut zu machen, was unsere Sprache kann? So schrecklich, liebe Deutschlehrer, war das damals mit den Reclam-Heften doch auch wieder nicht.
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