Das Bedürfnis, an etwas teilzuhaben, das später möglicherweise historisch genannt werden wird, ist ungebrochen. So fanden vor einigen Wochen jene Tickets reißenden Absatz, die für die letzten Maschinen vor der Schließung des Berliner Flughafens Tempelhof ausgegeben werden sollten. Es waren dann aber gar nicht die letzten, weil gleich drei Privatmaschinen der Typen Antonov und Beechcraft am 31. Oktober wegen der schlechten Witterung am Boden bleiben mussten. Deren Beharren auf Einzigartigkeit war eher Ungeschick. Gestern war es dann so weit, die Säumigen durften los. Vorausgegangen waren einigermaßen komplizierte Verhandlungen um Sondergenehmigungen. Schließlich konnten sich die Piloten auf einen gemeinsamen Termin verständigen. Kurz nach Mittag waren sie weg.
Der Zeitpunkt des Verschwindens ist unterdessen auch für den Palast der Republik Gewissheit. Im Verlauf der Woche soll nichts mehr von den Türmen zu sehen sein, die zuletzt an Kriegsschauplätze im Kaukasus oder Ähnliches erinnerten. So gewollt modern und dabei doch nie wirklich gegenwärtig das Prunkgebäude der DDR-Architektur auch ausgesehen haben mag, so trutzig und widerständig wirkten seine Reste. Das langsame Verschwinden des "Ballastes" war wie ein schnoddriger Kommentar zur Debatte um Schloss und abgewickelte DDR-Identität. Man darf gespannt sein, was künftig auf der mentalen Stadtwiese alles sprießen wird. Das heiße Herz der Berliner Symbolpolitik erhöht seine Schlagfrequenz.
Auf ganz andere Weise widmet sich der französische Künstler Christian Boltanski dieser Tage den Herztönen der Berliner. Im Restaurant Sale e Tabacchi, wo einst die taz-Redakteure ihre Mittagssuppe einnahmen, hat er eine schwarze Box errichtet, mit der die Herztöne der Restaurantgäste aufgezeichnet werden. Wer will, kann so Eingang finden in das akustische Archiv, das Boltanski Les Archives du Coeur nennt. Die Probanden werden aufgefordert, ein Stethoskop an die Brust zu halten, das Pochen wird vom Computer aufgezeichnet. Vergleichbare Sammelaktionen hat der Künstler bereits in Paris und Stockholm unternommen. Es ist eine im buchstäblichen Sinn leise Maßnahme gegen das Verschwinden.
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