Ungläubig staunende Eltern, die einfach nicht fassen können, was sie meinen, ihrem Baby anzusehen, wird man begeistern mit "Kleine Philosophen" von Alison Gopnik (Ullstein, 333 Seiten, 19,90 Euro). Die in Berkeley lehrende Kinderpsychologin zeigt, dass nichts falscher wäre, als den Erkenntniswillen eines Babys zu unterschätzen. Dessen Interesse, stürzt sich zwar selten in der von den besorgten Pädagogen gewünschten Ausdauer auf die von denen vorgegebenen Ziele, dafür aber switcht es ruhelos herum auf dem ganzen Rest der Welt. Das kleine Triebbündel interessiert sich für die sozialen Hierarchien seiner Umgebung und die Gesetze der Schwerkraft ebenso wie für die ewig gelösten und doch ewig unlösbaren Fragen von Gut und Böse. Gopnik hat die Gabe eines blitzklaren Verstandes. Ihr Buch ist von jener witzigen Intelligenz, die sie den Babies zuschreibt. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass Projektion ein Stück Aufklärung wäre.
Für die karrierebewusste junge Dame, die Sie vor ein paar Tagen bei einem Empfang in der Deutschen Bank kennenlernten, könnte "Zur politischen Ökonomie des Tees" (Böhlau Verlag, 161 Seiten, 14,90 Euro) das richtige Geschenk sein. Der an der Wiener Universität "Internationale Wirtschaftsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Globalgeschichte" lehrende Niederländer Peer Vries zeigt, woran es lag, dass Großbritannien den Sprung in die industrielle Moderne schaffte, während China erst einmal scheiterte. Nach einer knappen Einleitung, die einen fit für jedes Gespräch über die Geschichte der Globalisierung macht, folgt eine Untersuchung über den Teehandel zwischen China und Großbritannien von 1680 - 1860. Die junge Dame, die ja alles interessiert, das ihr erklärt, warum wann wer wo wen besiegt, wird die Eleganz genießen, mit der Peer Vries Auffassungen, die er für falsch hält, mit ein, zwei Florettstichen erledigt.
Die Frau, die einen richtigen Mann will, wird nicht ablassen von dieser CD. Countertenor Philippe Jaroussky singt die fast ganz und gar vergessenen Kastratenarien von Johann Christian Bach bewundernswert kräftig, aber ganz ohne Kraftmeierei, innig, aber kitschfrei. "La dolce fiamma" heißt die mit einem umfangreichen Booklet versehene CD (Virgin Classics, 16,95 Euro). Johann Christian Bach war der jüngste Sohn Johann Sebastian Bachs, das 18. von 20. Kindern. Er lebte in London als einer der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit.
Dem achtjährigen Blondschopf, der so gerne über seinem Malblock versinkt, können Sie eine riesige Freude und seinen Eltern einen Schock fürs Leben bereiten, wenn Sie ihm den prächtigen Band "Histoire Naturelle" unter den Weihnachtsbaum legen. Buffons (1707 bis 1788) 36-bändige Naturgeschichte wäre nicht das Richtige, aber dieses Buch sammelt auf 447 großformatigen Glanzpapierseiten (Edition Komet, 49,95 Euro) die Abbildungen aus den Ausgaben von 1828 und 1829 dieses Mammutmonuments der französischen Aufklärung. Der Junge wird Tage und Wochen zubringen mit dem Durchpausen und Abmalen von fliegenden Fischen, fressenden Affen und röhrenden Hirschen.
Für den Abiturienten, der nichts als das Allerernsteste vom Allerernstesten an sich heran lässt, ist - wie könnte es anders sein? - das Naheliegendste "Die Erfahrung des Todes" (Matthes & Seitz, 176 Seiten, 14,80 Euro) von Paul Ludwig Landsberg. Der Autor war, als er 1933 ins französische Exil ging, Privatdozent für Philosophie. Dort arbeitete er mit bei der linksliberalen katholischen Zeitschrift Esprit und in der Groupe philosophique. Unter anderen mit Berdjajew, Jean Wahl und Gabriel Marcel. Er war einer von denen, die versuchten, eine religiöse Antwort auf den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts zu formulieren. 1935 veröffentlichte er "Die Erfahrung des Todes". 1944 starb Landsberg im Konzentrationslager Oranienburg.
Eine rare Spezies sind bekanntlich Männer, die sich für Aufnahmen nackter Frauen interessieren. Darum ist es so schwierig, ihnen etwas Passendes zu schenken. "Barely Private" (Taschen, 299 s/w und farbige Fotos, 29,99 Euro) des Fotografen Sante D´Orazio füllt die tief empfundene Lücke. In diesem Buch können die Vertreter dieser verschwiegenen Männergemeinde zum Beispiel Christy Turlington oder Pamela Anderson betrachten. Für besonders phantasiebegabte Perverslinge gibt es eine Postkarte von Julia Roberts - eine Postkarte, kein Foto! -, auf der sie dem glücklichen Fotografen für ein schönes Wochenende mit ihm dankt. Bei Büchern dieser Art wird gerne für ein Alibi gesorgt. Hier sind es Schnappschüsse von Robert Rauschenberg, Francesco Clemente, Damien Hirst. Man kann sich auch ansehen, wie der Promifotograf Sante D´Orazio im Priestergewand ausschaut. Aber die Wahrheit ist: Nichts geht über Christy Turlington. Und ihren eingezogenen Bauch.
Wer gerne dick im Geschäft ist, aber dem gleichzeitig über sein möchte, der findet Gefallen an "Die Schule der Neuen Prächtigkeit - Bluth, Grützke, Koeppel, Ziegler" (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 192 Seiten, zahlreiche farbige und s/w Abbildungen, 29,95 Euro). Der lustvoll-monströse, egomane Realismus der frühen Bilder der Gruppe war ein Schlag ins Gesicht derjenigen im Westen, die in den 60er Jahren nichts sahen als die Alternative Abstrakt oder Pop. Die Begabung zum hohen Ton und seiner ironischen Brechung zugleich macht einige dieser Arbeiten heute viel aktueller, als sie es damals waren.
Ein Fressen für ältere Liebhaber detailreicher Verschwörungstheorien ist "Die Königsfälschung" (Osburg Verlag, 463 Seiten, sw und farbige Abbildungen, 22,90 Euro). Das beginnt mit dem Namen des Verfassers. Max Melbo heißt er. Aber für alle die, die sich fragten, wohin denn Volker Elis Pilgrim verschwunden ist, der in den siebziger Jahren die Onanie pries und den Untergang des Mannes diagnostizierte, die frohe Botschaft: Pilgrim ist auferstanden. Er hat sich als Max Melbo neu erfunden und einen spannenden Schlafräuber geschrieben, in dem er die These vertritt, Ludwig XIV., der Europa überstrahlende Sonnenkönig, sei nicht der Sohn seiner unfruchtbaren Eltern, sondern ein diesen vom Kardinal Mazarin aus Gründen der Staatsräson zugeschobener kleiner, armer Italiener gewesen. Eine umgekehrte Weihnachtsgeschichte.
Der klugen Kollegin, der es Spaß macht, Ihnen zu widersprechen, sollten Sie - sie interessiert sich für Kino - unbedingt schenken: "The Pervert´s Guide to Cinema" (Zweitausendeins, DVD, 17,90). Sophie Fiennes lässt den postmodernen universalen Symphilosophen Slavoj Zizek Filme zeigen. Der ist natürlich ganz in seinem Element, wenn er zum Beispiel im Keller von Hitchcocks Psycho-Haus sitzt. Es macht ihm sichtlich Spaß, wild drauflos zu psycho-analysieren und rauszulassen, was und wie es ihm gerade einfällt. Filmausschnitte aus "Solaris", "Matrix", "Der große Diktator", "Exorzist", "Mulholland Drive", "Persona", "Die roten Schuhe" usw., usw.. Ein endloses Vergnügen und jede Menge Steine zum Anstoßen. Die junge Kollegin wird begeistert und wütend sein.
Die Frau, die gerne glaubt, aber noch nicht weiß, woran, wird "Das Buch der Geheimnisse" (Goldmann, 29,95 Euro) nicht lesen. Es hat 1313 Seiten. Jede davon zweispaltig bedruckt. Es liegt schwer in der Hand. Keine Bibel, aber für viele doch auch fast ein Heiliges Buch. Sie wird es also nicht lesen, aber darin lesen wird sie sicher. Und sie wird, wie es ihre Art ist, sich immer wieder wiedererkennen. "112 Meditations-Techniken zur Entdeckung der inneren Wahrheit" ist der Untertitel. Das Buch gibt sich als Kommentar eines Buches, des Vigyan Bhairav Tantra, das Shiva höchstselbst der Welt überbracht haben soll. "Nicht eine einzige Methode kann diesen 112 Methoden Shivas hinzugefügt werden", meint der Autor, Meditationslehrer Guru Osho (einst als Bhagwan bekannt). Religionen erkennt man daran, dass alles, was man weiß, schon bekannt ist. Am Anfang steht eine Offenbarung, und danach kommt der Gehorsam. Eine 113. Methode wäre Gotteslästerung. Wen diese bürokratische Pedanterie bei der Offenbarung des Göttlichen nicht erheitert, der wird möglicherweise auch den Rest nicht komisch finden. Wer aber Sinn hat für das erhaben Groteske, der wird eine oder zwei lustige Stunden mit dem Buch verbringen.
Wer Verrückte kennt und liebt, braucht dieses Buch nicht. Wer sie gerne lieben würde und darum erst einmal einen literarischen Kontakt sucht, der wird begeistert sein von den vier Essays des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi (Illegale Publikation, belleville Verlag, 47 Seiten, 8 farbige Abbildungen, 14 Euro). Surrealismus live. Was ist ernst, was nicht? Weiß Gaddafi es selbst? Wer sich gemütlich vom Sessel aus gerne versichert, die Welt sei nun einmal völlig absurd eingerichtet, der wird dieses Buch lachend lesen. Bei der Vorstellung aber, er müsse Gaddafi gehorchen, bekommt er eine Gänsehaut.
Die kleine, freche Freundin, die sich lustig macht über meine Lettre-Begeisterung, habe ich heftigst bestraft. Ich habe ihr ein Jahresabonnement von Lettre International geschenkt. Lettre ist nun mal die wichtigste deutsche Kulturzeitschrift. In der neuesten Ausgabe ein unbedingt zu lesender Text von Abdelwahab Meddeb über den Westen in den Augen des Islam, fünf bisher unbekannte Gedichte von Jorge Luis Borges, eine Fotoreportage aus Äthiopien von Juan Manuel Castro Prieto und im Heft verteilt immer wieder Computer-Tomographien des von den chinesischen Sicherheitsbehörden verletzten Kopfes von Ai Weiwei. Und natürlich vieles, vieles mehr. Da ich gerade beim Abonnieren war, schenkte ich mir gleich ein Dreijahresabo dazu: 112 Euro.
Nur für Modemuffel erträglich ist die Box "Abécédaire Deleuze" (Zweitausendeins, 49,90 Euro). Drei DVDs. 450 Minuten lang spricht Gilles Deleuze. Deutsche Untertitel. Er sitzt. Blaue Socken, blauer Pullover, weißes struppiges Haar und eine große braune Brille. Denken - denkt man, sieht man Deleuze dabei zu - ist ein behaglich leises, kontinuierliches Schnurren, das Höhepunkte zu vermeiden sucht, ein ruhiges, nur leicht sich bewegendes schmales Gewässer, das alles, was sich ihm an Fragen entgegenstellt, aufnimmt und freundlich verzehrt. Ein Bescheidwissen, das nicht müde wird zu behaupten, es verstehe nichts von dem, was es sagt. Je länger man ihm zuhört, desto misstrauischer wird man. Wer so wenig Wert darauf legt, sich selbst zu verblüffen, wie will der andere überraschen? Eine Entziehungskur für Deleuze-Abhängige.
Christen, die Heilige Kriege führen, sind Mangelware geworden. Wer sie kennenlernen möchte, kann auf Faksimile und Übersetzung der "Chronik der Kreuzzüge" von Sébastien Mamerot (Taschen, zwei Bände im Schuber, 100 Euro) zurückgreifen. Sébastien Mamerot (wohl 1418 bis 1474) stand im Dienst des Louis de Laval, eines französischen Granden, der sich für Kreuzfahrer- und Heldengeschichten interessierte. So kompilierte ihm Mamerot eine Geschichte der Kreuzfahrten von der Befreiung Jerusalems durch Karl den Großen bis zur Niederlage gegen die Türken 1396 in Nikopolis. Eine Geschichte - wie man hier schon sieht -, in der fiction und nonfiction eins wurden. Die Handschrift wurde prächtig illustriert von Jean Colombe.
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