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24. Januar 2013

Tocotronic: Androgyn ist besser

Gut angezogen und frisiert wie immer: Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Rick McPhail (von links).  Foto: Universal/Michael Petersohn

20 Jahre und kein Stück älter: Die deutsche Band Tocotronic im Gespräch über Hallplatten, Antiauthentizismus und ihr neues Album „Wie wir leben wollen“.

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20 Jahre und kein Stück älter: Die deutsche Band Tocotronic im Gespräch über Hallplatten, Antiauthentizismus und ihr neues Album „Wie wir leben wollen“.

Der Tod und die Überwindung des Todes, der Körper und die Fremdheit im eigenen Körper, die Androgynie und die Utopie: Das sind die Themen, die Tocotronic auf ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ behandeln; dazu klingt ihre Musik so weich und verwaschen, so operettenhaft plüschig wie noch nie in der inzwischen zwanzigjährigen Karriere der Band. Zum Gespräch über die Platte, die morgen erscheint, trafen wir uns mit dem Gitarristen Rick McPhail und dem Sänger Dirk von Lowtzow.

Ich würde heute sehr gern einmal mit einer sehr abstrakten Frage anfangen.

(Dirk von Lowtzow guckt auf sein Handgelenk.)

Bei „abstrakt“ guckt der Künstler gleich auf die Uhr.

Dirk von Lowtzow: Das ist keine Uhr, das ist ein Schlagring.

Na gut. Die Songs auf Ihrer neuen Platte behandeln vor allem Fragen des Körpers: Sterblichkeit, Krankheit, Androgynie. Die Musik dazu wirkt aber eher entkörperlicht, unscharf, verhallt, verwaschen. Wie kam es zu diesem Widerspruch?

Lowtzow: Wir haben ja schon immer gerne mit Widersprüchen gearbeitet. Denken Sie an „Pure Vernunft darf niemals siegen“, da waren die Texte romantisch und spooky, während die Musik ganz klar und abstrakt aufgenommen war, ohne jeden Hall, einfach so: krk-krk-krk. Auf der neuen Platte ist es nun umgekehrt. Wir wollen auf keinen Fall Eins-zu-eins-Musik machen, darum haben wir uns bewusst für diesen Gegensatz zwischen entkörperlichter Musik und körperlichen Texten entstanden.

Tocotronic

Deutschlands beste Rockband wurde vor 20 Jahren in Hamburg gegründet und schenkte der Welt unsterbliche Zeilen wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“.

Am Freitag erscheint ihr neues Album „Wie wir leben wollen“.

Das Konzert am Sonntag im Lido ist ausverkauft. Am 14. April treten Tocotronic noch einmal in Berlin auf: in der Columbiahalle.

„Wir“ heißt in dem Fall „alle gemeinsam“?

Lowtzow: Ja, klar.

Rick McPhail, Ihre Gitarre ist unter dem ganzen Hall und den Filtern kaum noch wiederzuerkennen, damit haben Sie kein Problem?

RICK McPHAIL: Ach, man hat sich für was entschieden, und dann wird es halt so gemacht. Ich selber benutze nie Hall auf der Gitarre, ich spiele am liebsten furztrocken. Darum wurden meine Sounds in der Produktion fast alle vollständig verändert.

Höre ich da einen gewissen Unmut heraus?

Lowtzow: Offenbar.

McPHAIL: Nee, ich finde es gut, auch mal was abzugeben. Darum hab ich gesagt, lass halt Moses Schneider – unseren Produzenten – an seinen Knöpfchen rumdrehen, der macht das dann schon.

LOWTZOW: Wir haben diesmal auf eine sehr spezielle Art aufgenommen: mit einer Vierspurmaschine und einem Neunkanal-Mischpult aus den Fünfzigerjahren; das Schlagzeug haben wir Mono aufgenommen, auf einer einzelnen Spur. Alles analog!

Alles? Nicht heimlich doch ein bisschen digital nachgeholfen?

LOWTZOW: Nein.

McPHAIL: Doch, wir haben das auf den Rechner überspielt und digital gemischt und geschnitten.

Lowtzow: Na ja, so gesehen...

McPHAIL: Das wäre auch viel zu teuer gewesen, die Bänder von Hand zu schneiden…

LOWTZOW: Wär auch Quatsch.

McPHAIL: … und die Overdubs haben wir auch digital gemacht.

LOWTZOW: Aber der Hall ist analog!

Verstehe. Der Sound, der dabei herausgekommen ist, ist nun nicht gerade der differenzierteste, den Sie je hatten, aber auf jeden Fall der Konzeptuellste.

Lowtzow: Wir wollten dieses alte Equipment auch ausdrücklich nicht zur Garagenrock- oder sonst irgendeiner Retro-Ästhetik nutzen, sondern im Sinne der größtmöglichen Artifizialität. Wir hatten die großen Studioplatten aus den späten Sechzigerjahren im Kopf, von den Beatles oder den Beach Boys, die klingen ja auch irrsinnig artifiziell.

McPHAIL: In dem Studio, in dem wir aufgenommen haben, gab es tolle alte Hallplatten …

Hallplatten?

McPHAIL: Das ist ein Gerät, so groß wie ein Kleinwagen, da wird der Sound durchgeleitet und erhält dann einen ganz warmen, natürlichen Klang. Hat eine deutsche Firma in den Fünfzigerjahren entwickelt.

LOWTZOW: Sehen Sie, insofern ist es auch kein Widerspruch, dass Rick trocken gespielt hat und der Hall dann etwa durch diese Hallplatten erzeugt wurde, sonst wäre es ja gar nicht artifiziell gewesen.

McPHAIL: Ich hätte auch mit einem 80-Euro-Hallgerät spielen können. Aber wenn man so ein 1000-Euro-Hallgerät schon mal da hat, nimmt man das natürlich auch gerne.

Nicht nur die Gitarre ist extrem bearbeitet, sondern auch Ihre Stimme, Herr von Lowtzow. Waren da auch nur Analog-Modulatoren im Einsatz?

LOWTZOW: Nein, das sind schon ganz normale Effekte. Das hat sich auch erst im Verlauf der Arbeit so ergeben, wir haben festgestellt, dass zu diesem artifiziellen Sound „normaler“, unbehandelter Gesang einfach nicht passt. Außerdem ist das natürlich ein Statement gegen diesen rockistischen Authentizismus.

Apropos Antiauthentizismus: Mit dem Einfachen, Unmittelbaren haben es Tocotronic ja noch nie gehabt, und wenn Sie jetzt über Körperlichkeit singen, dann fühlen Sie natürlich auch wieder gleich fremd im im eigenen Körper. Oder der Körper verfällt, gleich am Anfang der Platte steht eine Todesvision.

LOWTZOW: Lustigerweise hatte ich beim Texten diesmal das Gefühl, ganz bei mir zu sein, gerade wenn es um die Fremdheit im Eigenen ging.

Ein dialektischer Ansatz, gewissermaßen.

LOWTZOW: Sie sind der einzige Journalist, den ich kenne, bei dem man das Wort Dialektik gebrauchen darf. Die anderen gucken dann ganz böse und streichen es hinterher raus. Dabei ist das eigentlich ein ganz guter Begriff.

Ich steh da total drauf. Aber wie kam es jetzt zu dem Körperthema?

Lowtzow: Letztlich hat das natürlich auch mit unserem Alter zu tun. Die Krankheit, die Süchte, die Sterblichkeit, das spielt dann natürlich eine wachsende Rolle.

Das Album beginnt ja mit der Zeile „Hey! Ich bin jetzt alt! Hey! Bald bin ich kalt!“… da bin ich ein bisschen erschrocken, weil ich dachte: Oh je, jetzt machen sie auch auf die Alte-Männer-Nummer, Musiker in der Midlife Crisis …

LOWTZOW: Aber das geht doch ganz optimistisch weiter, wenn ich singe, dass im Keller schon eine neue Version heranwächst, die an meine Stelle tritt …

Ich hatte eher das Gefühl, dass Sie hier als alternde Männer gerne mal in den Arm genommen und getröstet werden möchten. Und es gibt noch mehr Stellen auf der Platte, wo man das denkt: Zum Beispiel in dem Song, in dem Sie im Rückblick auf Ihr Werk dessen Mittelmäßigkeit thematisieren: Wir waren immer Mittelmaß, wir haben nie den Durchbruch geschafft …

LOWTZOW: Ach so, echt, Sie haben das als fishing for compliments verstanden? Nein, ich finde das Mittelmaß eine sehr interessante Kategorie. Niemand will mittelmäßig sein – aber in einer Welt, in der alles und jedes ein Alleinstellungsmerkmal haben muss, ist doch das Dandyistischste, das es noch gibt, das Mittelmaß!

Aber widerspricht das nicht der in dem Song „Abschaffen“ formulierten Hoffnung, dass „die Revolution“ eines Tages auch den Tod abschaffen wird? Nach der Revolution gibt es ja auch kein Mittelmaß mehr.

LOWTZOW: Ich habe mich da an ein Gespräch zwischen Ernst Bloch und Theodor W. Adorno erinnert, in dem Adorno über die Möglichkeit der Abschaffung des Todes spricht – als Grundvoraussetzung für jede Art von Revolution. Der unbedingte Glaube an die Unvermeidbarkeit des Todes ist für Adorno die Quintessenz des reaktionären Denkens.

Wenn man die Revolution als Überwindung des Todes versteht, läuft das unweigerlich auf ein christlich-eschatologisches Projekt hinaus.

LOWTZOW: In unserem Stück verzahnt sich das christliche mit dem marxistischen Vokabular, das ist der Pfiff daran.

Aber halt! In „Neutrum“ wird dann wieder die gar nicht so christliche Utopie des Androgynen besungen. Ist das für Sie selbst auch eine langfristige Perspektive, die Überwindung der Geschlechtsidentität?

LOWTZOW: Wir sind immer eine androgyne Band gewesen, das ist für mich ganz essenziell. Ich hasse Mackertum aller Art …

McPHAIL: Und man muss das gerade heute wieder verteidigen, gegen das ganze abwertende „Du bist aber schwul“-Gerede.

LOWTZOW: Und gegen diese fuchtbare „Nur für Jungs“- und „Nur für Mädchen“-Kultur, das ist ein ganz schlimmer Backlash, da waren wir gesellschaftlich schon viel weiter. Aber wenn ich Sie an dieser Stelle doch mal korrigieren darf: In „Neutrum“ geht es ja gerade nicht ums Androgyne, sondern noch radikaler ums Neutrum, also um die absolute Keingeschlechtlichkeit. Das finde ich als Utopie noch erheblich interessanter.

Das Gespräch führte Jens Balzer.

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