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04. Januar 2013

Tod von Günter Rössler : Der Verliebte

 Von Jutta Voigt
Der Leipziger Fotograf Günter Rössler, 1926 - 2012  Foto: Dpa/peter endig

Geheimnisvoll und selbstbewusst, so wirkten die nackten Schönheiten, die der Aktfotograf Günter Rössler fotografierte. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

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Unvergessen, dass Günter Rössler ein Pionier der Aktfotografie gewesen ist. Das begehrte, in Ost-Berlin erscheinende Magazin druckte ab Mitte der Fünfzigerjahre alle vier Wochen ein Aktfoto, Sensation für die Männer der Republik. Ich habe voriges Jahr ein Heft antiquarisch gekriegt und für diesen Text durchgeblättert, November 1957, im Impressum steht: Rößler (1), S. 65. Gespannt schlug ich die Seite auf: Rausgerissen. Und ans Herz gepresst, vermutlich.

Er war so schwärmerisch, erinnerte sich eine Freundin, mit der Günter Rössler in den 60er-Jahren Fotos für eine Modezeitschrift gemacht hatte; so schwärmerisch, wiederholte sie und lächelte.

Ich habe ihn vor ein paar Jahren in seinem Haus in Markkleeberg besucht. Man konnte aus der Leipziger Innenstadt mit der Straßenbahnlinie 11 direkt bis vor Rösslers Tür fahren, Endhaltestelle. Eine junge Frau mit Baby auf dem Arm kam mir entgegen, Kirsten, Modell, Mitarbeiterin und Lebensgefährtin. Dann ihr Mann, der Fotograf, ein zarter alter Herr mit lockigem weißen Haar und runden, blauen Augen, in denen immer noch das Staunen stand, am Ende wie am Anfang das Staunen.

„Ich hab immer schöne Arbeit gehabt“, sagte Rössler in einem Fernsehinterview wenige Wochen vor seinem Tod. Schöne Arbeit, wohl wahr. Wenn er an etwas glaubte, dann an die weibliche Schönheit, sie war sein Altar, zu ihr sah er auf, sie betete er an. Er war hingerissen von den Frauen, die er fotografierte, angezogen und ausgezogen, für „Sybille“, „Modische Maschen“ und „Das Magazin“, über sechs Jahrzehnte lang.

Mehr und mehr konzentrierte er sich auf die Aktfotografie, Schwarzweiß, nicht Farbe. Natürlich sei die reale Welt bunt, antwortete er in sanftem Sächsisch auf eine diesbezügliche Frage, aber nicht seine künstlerische Welt. An der Stilisierung, die das klassische Schwarz-Weiß bietet, hielt er fest bis zum Schluss. Sie gibt den Körpern Erhabenheit und Nähe gleichermaßen, Zugewandtheit und Autonomie, Unschuld und Verführung, der Fotograf formte die Formen nach seiner Vision von Licht und Schatten, bis sie zur Offenbarung wurden, zum poetischen Geständnis der Vergänglichkeit von Jugend und Schönheit.

Ein Foto dauert manchmal Monate

In den Zeitungen steht, dass Sie ihre Modelle auf der Straße ansprechen, sagte ich zu ihm, damals in Markkleeberg, „er zieht sie mit seinen Augen schon auf der Straße aus“, schreiben die. Quatsch, hatte Rössler geantwortet, das mache ich nur, wenn ich Mode fotografiere. Ein Aktfoto aber dauert lange, manchmal zwei, drei Monate, man muss sich doch kennenlernen, man erzählt sich die privatesten Dinge. Öfter wurden seine Mode-Modelle auch seine Aktmodelle.

Tatsächlich schwebt in Rösslers Aktfotografien eine vertraute Privatheit, wir kennen die Mädchen von den Titelseiten, Gisela, die Blonde im weißen Trenchcoat, Renate mit dem Grübchen im Kinn, Barbara, die dunkle Schöne. Sie haben Generationen ostdeutscher Frauen begeistert und bestätigt in ihrem Streben nach Individualität und Selbstbewusstsein. Dass sie sich nicht nur bekleidet, sondern auch nackt fotografieren ließen, schien selbstverständlich. Rösslers Frauen wirken emanzipiert und geheimnisvoll, zuweilen ist da eine Spur von Traurigkeit, wie sie Paare nach der Liebe befällt. Der größte Reiz aber ist die Unabhängigkeit, die aus ihrer Nacktheit leuchtet.

Günter Rössler mochte partout nicht als „Helmut Newton des Ostens“ bezeichnet werden, wie es passierte, seit er 1984 im Playboy eine Fotostrecke unter dem Titel „Mädchen der DDR“ veröffentlichte. Seine Erotik sei etwas anderes als die, wie er es nannte, „künstliche Geilheit“ mit Peitsche, Maske, Stöckelschuh und ähnlichen Accessoires der Beherrschung oder Unterwerfung. Auf seinen Bildern gibt es keine bösen Mädchen, keine Dominas, keine Sklavinnen. Keine Ware, die sich anbietet, für Parfüm und Rum wirbt. Die schwellenden Brüste, schamlosen Schöße, die direkten Blicke oder verträumten Posen – Weiblichkeit in ihrer natürlichen Attraktivität. Nicht nur Körper, immer auch Geist. Die ganze Frau mit Hüftschwung, Verstand und Seele, eine Art Hingabe ohne Verlust, wie es scheint.

Wenn die Fotos des Günter Rössler für das Land stünden, in dem er zwei Drittel seines Lebens verbrachte, dann müsste es ein zärtliches Land gewesen sein, ein offenes Land, ein ehrliches Land. In seinen Bildern gibt es keine Phrasen, keine leeren Versprechen, keinen Verrat.

Von Jutta Voigt erschienen zuletzt: „Spätvorstellung. Von den Abenteuern des Älterwerdens.“ Aufbau Verlag, 2012 und: „Im Osten geht die Sonne auf. Berichte aus anderen Zeiten“ be.bra Verlag, 2009

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