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Touristenattraktion in China: Großgrundbesitzerbonbons

In Dayi erinnert "Der Hof für die Pachteinnahme" chinesische Touristen eher an die Wonnen als an die Verbrechen der Feudalherrschaft. Von Bernhard Bartsch

Eine Mutter wird von ihrem Säugling weggeschleift, damit Liu seinem besonderen Genuss frönen kann - frischer Muttermilch..
"Eine Mutter wird von ihrem Säugling weggeschleift, damit Liu seinem besonderen Genuss frönen kann - frischer Muttermilch.".
Foto: Schirn

Kennste die noch?" schallt es von links. "Und schau mal den da!" kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der "Hof für die Pachteinnahmen", zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. "Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China", knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten.

"Früher waren diese Figuren alle in unseren Schulbüchern abgebildet", erzählt ein Besucher mittleren Alters, während er mit dem Handy die Figur einer jungen Frau fotografiert, die erschöpft auf der Tragestange zwischen zwei Körben sitzt. "Wir mussten darüber Aufsätze schreiben: über die Ausbeutung der Bauern, den Sieg der Revolution und die Weisheit des Vorsitzenden Mao." Er knipst noch einen bulligen Schlägertyp mit seinem Schäferhund und muss dann

grinsen. "Verrückte Zeiten, aber so war das damals halt."

Welches Kunstwerk könnte eine bessere Diskussionsvorlage über das moderne China bieten? Während Chinas Kulturministerium die Skulpturen als ein Stück revolutionärer Hochkultur versteht, sehen Kritiker darin Propagandakunst von riefenstahlscher Qualität. "Was Mao unter dem Deckmantel des Klassenkampfes an Katastrophen und Leid über sein Volk gebracht hat, lässt sich mit den Verbrechen Hitlers vergleichen", findet die Autorin Dai Qing, die kürzlich beim Auftaktsymposium der Buchmesse für Tumulte sorgte und bei ihrem Frankfurtbesuch auch die Plakate der Ausstellung sah - mit gemischten Gefühlen. "Wenn man dieses Propagandawerk in Deutschland zeigt, sollten die Besucher genau wissen, unter welchen Umständen es entstanden ist", meint Dai. "Kunst und Politik sind beim Pachthof nicht zu trennen."Genau darauf hoffen auch die damals beteiligten Künstler. "Natürlich ist der Pachthof nicht von seiner Zeit zu trennen, aber sein künstlerischer Wert ist trotzdem zeitlos", sagt Wang Guanyi. Der 73-Jährige pensionierte Professor der Kunstakademie von Sichuan war seinerzeit einer der Künstler des 14-köpfigen Bildhauerkollektivs. In seiner engen Dozentenwohnung ist er umgeben von den Werken eines von politischer Instrumentalisierung geprägten Künstlerlebens: Neben dem Sofa steht eine Bronzestatue von Deng Xiaoping, im Regal Büsten diverser Arbeiterhelden und auf seinem Arbeitstisch das Tonmodell eines Kriegsdenkmals - alles nicht geeignet, das Stigma der Propagandahandwerker abzuschütteln. Doch der Pachthof, davon ist man in

China überzeugt, werde in die Kunstgeschichte eingehen. "Für alle Beteiligten war es das wichtigste Werk ihres Lebens", glaubt Wang. "Nirgends

auf der Welt existiert eine Skulpturengruppe ähnlicher Größe und Qualität, nicht einmal von Michelangelo oder Rodin."

Was die Größe der Anlage angeht, hat Wang sicher Recht. Michelangelos Grabmonument für Papst Julius nimmt sich bescheiden aus, neben der Mammutanlage in Dayi. Auch Rodins Bürger von Calais, an die der Hof für die Pachteinnahme auch in seiner Gegensätzlichkeit stark erinnert, wirken winzig neben diesem Monument des Klassenkampfes. Ob aber der Vergleich, was die künstlerische Qualität angeht vor der Kunstgeschichte bestehen kann, darf bezweifelt werden.

Doch zumindest die Entstehungsgeschichte der Gruppe könne es an Dramatik mit jedem anderen künstlerischen Weltwunder aufnehmen, meint Wu Mingwan, damals Parteisekretär der Fakultät für Bildhauerei an Sichuans Kunstakademie. "Es war eine äußerst aufregende Zeit." Im Frühjahr 1965 ging bei Wu ein ideologischer Notruf ein: Im ehemaligen Anwesen des Großgrundbesitzers Liu Wencais in Dayi, nahe Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu, müsse schnellstens ein pädagogisches Kunstwerk geschaffen werden, um den Bauern den Sinn des Kommunismus zu erklären.

Es handelte sich um eine undankbare Aufgabe, an der bereits ein Stab lokaler Propagandabeamten gescheitert war. Kurz nach Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 hatten Maos Politpädagogen den Großgrundbesitzer Liu Wencai in ihr Pantheon revolutionärer Antihelden aufgenommen und zum Vorzeigeausbeuter erklärt. "Alles Schlechte, das man sich vorstellen konnte, wurde auf ihn projiziert", sagt Wu.

"Dabei hatte das mit dem historischen Liu Wencai wenig zu tun." Dieser war zwei Wochen nach der kommunistischen Machtergreifung 62-jährig eines natürlichen Todes gestorben und wurde von Dayis Bauern wegen seiner karitativen Projekte der "Gute Liu" genannt. So zeigte die lokale Bevölkerung wenig Verständnis dafür, warum sein Gutshof plötzlich als Klassenkampfmahnmal dienen sollte.

Um der offiziellen Geschichtsschreibung Glaubwürdigkeit zu verleihen, wurden im Nachhinein Folterzellen errichtet, Wände mit Schweineblut beschmiert und Gräuelszenen von Schauspielern oder Puppen nachgestellt. "Soldaten von außerhalb hat das beeindruckt, aber die Leute der Region fielen darauf nicht herein", erzählt Zhao Shutong,

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Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  23 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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