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14. Dezember 2011

Trauerrede von Günter Grass: Öffentliche Hinrichtung der Christa Wolf

 Von Günter Grass
Günter Grass: Christa Wolf wurde das Opfer einer Rufmord-Kampagne.  Foto: dpa/rainer jensen

In seiner Trauerrede erinnert sich Günter Grass nicht nur an die Zeit mit Christa Wolf. Vielmehr rechnet er mit den Kritikern ab, die, wie Grass meint, unter dem Schutzschild „Meinungsfreiheit“: Verleumdungen und verfälschte Zitate verbreitet haben.

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Christa Wolf gehörte einer Generation an, zu der auch ich mich zähle. Die Zeit des Nationalsozialismus und die späte, zu späte Erkenntnis aller im Verlauf von nur zwölf Jahren von Deutschen begangenen Verbrechen haben uns geprägt. Schreiben verlangt seitdem, aus Spuren zu lesen. Dem entspricht eines ihrer Bücher unter dem Titel „Kindheitsmuster“, denn ideologische Wechselbäder bestimmten nach der braunen Diktatur die Doktrinen des Stalinismus ihre jungen Jahre. Gläubig eingeschlagene Irrwege, aufkommender Zweifel und Widerstand gegen verordnete Zwänge, mehr noch, die Einsicht in eigene Teilhabe innerhalb eines die sozialistische Utopie nivellierenden Systems, sind bezeichnend für ihren im Verlauf von fünf Jahrzehnten bewiesenen literarischen Rang: vom „Geteilten Himmel“ bis zur letzten Reise, die uns in die „Stadt der Engel“ führt, Buch nach Buch; Bücher, die geblieben sind.

Die Stunde der Abrechnung hat geschlagen

Eines davon herausgegriffen: „Was bleibt“ ist der Titel einer Erzählung, die im Juni 1990 im Aufbau Verlag und im Luchterhandverlag erschien. Noch bevor sie den Lesern in Ost und West vorlag, schlugen – die Sperrfrist missachtend – einige jener westdeutschen Journalisten zu, die als Sieger der Geschichte meinten, die Stunde der Abrechnung habe geschlagen. Sie, Christa Wolf, die vormals gefeierte und ob ihrer Widerständigkeit hochgelobte Autorin, sie, die Büchner-Preisträgerin von 1980, sie, die zwei Jahre später bei ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung von Studenten Umlagerte, wurde nun – kaum war die Mauer zwischen den feindlichen Lagern gefallen – mit nicht endenwollendem Wortschwall niedergemacht. Es war, als wollte man eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren. Tag nach Tag, am ersten und zweiten Juni, machten die Wochenzeitung Die Zeit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Anfang. Ulrich Greiner und Frank Schirrmacher gaben den Ton an, der von einem Rudel Journalisten aufgenommen und zum Wolfsgeheul gesteigert wurde. Die wenigen Gegenstimmen kamen dagegen nicht an.

„Sie hätte ja leicht Unterkunft im Westen finden können“

Was gab Anlass für so viel Niedertracht und Vernichtungswillen? Ein im Sommer des Jahres 1979 geschriebener Text, der Zweifel und Selbstzweifel sowie die Bespitzelung und offenkundige Überwachung des Ehepaares Wolf durch den Staatssicherheitsdienst der DDR zum Thema hatte. Aus sicherem Port und berauscht von jenem Gratismut, der offenbar als Topfpflanze besonders gut in Redaktionsstuben gedeiht, warf man der Autorin vor, zu feige gewesen zu sein, ihre Erzählung gleich nach der Niederschrift veröffentlicht zu haben. Das „hätte“, so behauptete Ulrich Greiner, „sicherlich das Ende der Staatsdichterin Christa Wolf und vermutlich ihre Emigration zur Folge gehabt.“ Großzügig wusste er aus geschütztem Winkel heraus zu berichten: „Sie hätte ja leicht Unterkunft im Westen finden können.“ Und Frank Schirrmacher unterstellte der Autorin sogar im Plural: „Jedermann erkennt: Dies sind die Sätze des Jahres 1989, nicht des Jahres 1979.“ Nicht zur Kenntnis genommen wurde, dass die danach geschriebene Erzählung „Sommerstück“ auch erst ein Jahrzehnt nach ihrem Entstehen veröffentlicht wurde.

Verleumdungen, verfälschte Zitate und versuchter Rufmord

Angeführt von großmächtigen Zeitungen wurde die Pressekampagne des Jahres 1990 fortgesetzt. Immer wieder lebte sie auf und findet ihr Echo sogar in einigen Nachrufen auf Christa Wolf. Besonders hat der auf ihr literarisches Werk und auf das vieler Autoren der Nachkriegsliteratur gemünzte Begriff „Gesinnungsästhetik“ bis heutzutage all jene Kleingeister beflügelt, die die Literatur und deren Produzenten in eine Immobilie namens Elfenbeinturm sperren wollen. Bald danach kam die personenbezogene Ableitung „Gutmensch“ in Umlauf. Nachträglich wurde sie Heinrich Böll als Ausdruck des marktgängigen Zynismus angehängt. Vergeblich ist wohl die Erwartung, es könnten sich die Wortführer der Kampagne von einst spätestens jetzt nach Christa Wolfs Tod nachlesbar entschuldigen, und sei es auch nur, indem sie die verletzende Wirkung ihrer Infamie erkennen. Doch fehlt jener Mut zum Selbstzweifel, den Christa Wolf lebenslang, ich meine, im Übermaß bewiesen hat.

1990! Warum verharre ich im Morast des Veröffentlichungsjahres der Erzählung „Was bleibt“? Damals begann unsere Freundschaft. Wir sahen uns häufig, schrieben einander Briefe. So sehr Christa um Haltung bemüht war, erkennbar blieb dennoch, wie sehr sie unter den jüngsten Verletzungen litt. Was ihr im eigenen, trotz allem geliebten Land von Staats wegen zugefügt worden war, wurde nun in ähnlicher Praxis fortgesetzt, sozusagen gesamtdeutsch und hinterm Schutzschild „Meinungsfreiheit“: Verleumdungen, verfälschte Zitate, der immer wieder versuchte Rufmord. Als Schande wird auch das bleiben. So schäbig ging es im Jahr der deutschen Einheit zu.

Vor allem aber bleibt uns die Vielzahl ihrer Bücher. Sie ist es gewesen, die während einer Zeit, in der sich Ost und West waffenstarrend und ideologisch verhärtet gegenüberstanden, grenzüberschreitende, die Grenzen überwindende Bücher geschrieben hat, die von Dauer sind. Die großen, gleichnishaften Romane, der leibhaftige Bericht über Krankheit und Schmerz. Und sie, Christa Wolf, ist es gewesen, die nach dem atomaren GAU von Tschernobyl das Buch „Störfall“ geschrieben hat, in dem sie den Wiederholungsfall Fukushima erahnte und uns alle im Sog eines katastrophalen Gefälles sah, an dessen Ende auch unsere auf Hoffnung gründende Frage „Was bleibt“ keinen Konjunktiv mehr erlauben, vielmehr nichtig sein wird.

Wir dokumentieren die Rede, die Günter Grass gestern auf der Gedenkfeier zu Ehren von Christa Wolf in der Berliner Akademie der Künste gehalten hat.

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