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06. Oktober 2008

Türkei: Das Kopftuch ist eine Flagge

Rückschritt oder nicht? Modenschau à la turque.Foto: rtr

Seyla Benhabib vertraut auf das türkische Bürgertum - ich nicht. Von Necla Kelek

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Seyla Benhabib sieht in ihrem FR-Beitrag vom 2. Oktober die türkische Gesellschaft auf dem Weg zu "Pluralisierung und Flexibilisierung des repressiven Nationalismus". Sie mag nicht leugnen, dass einige AKP-Vertreter die Scharia, das islamische Recht, als Gesellschaftsmodell anstreben - aber ihrer Einschätzung nach geht es nicht "um die Regression zu einer islamistischen Republik". Die Debatte, ob das Kopftuch an Universitäten getragen wird, ist für sie nur der Beginn eines gesellschaftlichen Wandels. Aber worin besteht er? Will der politische Islam die Demokratie oder den Kemalisten nur die Macht entwinden? Geht es um Stärkung der Grundrechte des Einzelnen oder um die gesellschaftliche Deutungsmacht durch den Islam? Seyla Benhabibs Erläuterungen sind von der Lebenswirklichkeit in der Türkei so weit entfernt wie das Dorf Cevizli in der Provinz Artvin von der Yale University in Connecticut, wo sie unterrichtet.

Gleiches Recht nur für Muslime

Ende September, so berichtet die Zeitung Taraf , wurden 18 Frauen und drei Kinder von der Gendarmerie beim Gebet in einer orthodoxen Kirche festgenommen, weil kurz zuvor der Priester im Ornat vor der Kirche Bonbons und Bibeln verteilt hatte. Für das Tragen von religiöser Kleidung in der Öffentlichkeit wurde der Priester mit umgerechnet 70 Euro bestraft, mehr als ein halber Monatslohn. Frauen, die die religiöse Kleidung Tschador oder Türban tragen, gelten hingegen als schützenswert. Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit sind in der Türkei zwei paar Schuhe. Für Yabanci - "Fremde", und dazu zählen auch türkische Staatsbürger mit anderer Religion oder Ethnien wie Christen, Aleviten oder Armenier - gelten Freiheiten und Rechte eben nicht.

Vor dem Gesetz sind Männer und Frauen gleich, dennoch werden Frauen systematisch diskriminiert. Natürlich sollte es jeder erwachsenen Frau selbst überlassen bleiben, ob sie sich verhüllt oder ihren Bauchnabel zeigt. Wenn die Verschleierung denn eine Frage des Geschmacks und der Mode wäre und die Frau damit glaubt, ihre Identität und Intimität zu wahren, soll sie es tun. So ist es aber nicht. Für die AKP und jene Frauen ist das Kopftuch ihre Fahne, mit der sie politisch die Flagge des Islam zeigen und die gesellschaftliche Norm bestimmen wollen.

Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass sich die Türkei seit der AKP-Regierung zu einem Land entwickelt, in dem die islamische Lebensweise das alltägliche Leben zunehmend beherrscht. Es geht nicht mehr darum, ob ein Mädchen mit Kopftuch zur Uni kann, sondern darum, ob sie auf dem Land oder in der Stadt ohne Kopftuch auf die Straße kann, ohne belästigt oder beschimpft zu werden. Das ist ein schleichender, sich verstärkender Prozess, der Anfang der fünfziger Jahre mit Adnan Menderes begann, der u.a. den von Atatürk abgeschafften Muezzin-Ruf wieder erlaubte bis hin zur jetzigen Regierung, die das gesamte öffentliche Leben und den Staatshaushalt in den Dienst ihrer religiösen Mission stellt. Die staatliche Religionsbehörde, Diyanet, von den Republikgründern als Kontrollbehörde über die Religion konzipiert, ist inzwischen zu einer Missionsbehörde mit einem Etat von fast einer Milliarde Euro geworden. Sie definiert den sunnitischen Staatsislam, organisiert und finanziert ihn und hebt die Trennung von Staat und Religion faktisch auf. Es gibt in der Türkei weder Freiheit von der Religion noch positive Religionsfreiheit - außer für die sunnitischen Muslime. Die Aleviten, die Christen, die Aramäer, Juden werden diskriminiert und in ihren Riten behindert und bedroht.

Es kann kein Fortschritt sein, wenn eine Gesellschaft mehr Prediger als Hochschullehrer beschäftigt, mehr Moscheen als Schulen baut. Der Fortschritt einer Gesellschaft misst sich für mich besonders an der Stellung der Frau. 1990, also Jahre vor dem Regierungsantritt Erdogans, war jede dritte türkische Frau erwerbstätig. Heute, nach acht Jahren AKP-Politik, ist es nur noch jede vierte, Tendenz fallend. Das ist bewusste AKP-Politik: die Frauen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, um sie wieder auf dem Feld und im Haus für den Mann arbeiten zu lassen. Diese "vertikale Trennung" der Gesellschaft in Männer in der Öffentlichkeit und Frauen als deren Besitz, ist das Gesellschaftsmodell, das den muslimischen Männern als Ideal vorschwebt und das die Politik umzusetzen sucht.

Die Mehrheit denkt anders

Das war in der Türkei einmal anders, und das ist für mich ein wahrer Rückschritt. Dazu gehört auch, dass es dem türkischen Staat seit Jahren nicht gelingt, das Verfassungsrecht auf Schulbesuch von jungen Mädchen zu gewährleisten und die Frauen vor den "Verbrechen im Namen der Ehre" zu schützen. 25 Prozent der jungen Frauen können deshalb weder schreiben noch lesen, 600 000 schulpflichtige Kinder gehen nach Schätzungen der UNESCO nicht zur Schule und über 5000 Frauen und Mädchen wurden in den letzten zehn Jahren nach Polizeischätzungen aus Gründen der "Ehre" umgebracht oder in den Tod getrieben. Ob eine Gesellschaft und ihre politischen Vertreter in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen und alles dafür tun, diese Probleme zu lösen, das ist für mich ein Fortschrittskriterium - und nicht - wie Seyla Benhabib mutmaßt, dass nach dem Fall des Kopftuchverbots rein theoretisch ein Student mit der jüdischen Kippa zur Vorlesung gehen könnte.

Es tut mir leid, wenn ich darauf bestehen muss: Der von Seyla Benhabib ausgemachte theoretische Fortschrittmanifestiert sich im Leben als gesellschaftlicher Rückschritt. Benhabib setzt ihre Hoffnung auf die bürgerliche Gesellschaft, die mit Nationalismus und dem politischen Islam fertig werden wird. Aber wie und wer, sagt sie nicht, sondern will uns glauben machen, die Türkei sei in einem Diskussionsprozess über ihre Vergangenheit und ihre emotionale Verfasstheit. Das ist meiner Beobachtung nach auf eine universitäre Minderheit beschränkt; es ist der Blick einer Außenstehenden. Die Mehrheit ist der Auffassung ihres Präsidenten Gül, der anlässlich der Armenierdebatte sagte: "Wir sind mit der Geschichte im Reinen."

Diejenigen, die eine andere Türkei verkörpern, leben gefährlich, denn leider haben die Türken eine fatale Neigung, sich ihrer besten Hoffnungen selbst zu berauben. Einer, der die Hoffnung auf eine demokratische Türkei verkörperte, wurde 2007 von Nationalisten ermordet. Er heißt Hrant Dink und war ein großer Türke, ein wahrer Demokrat - und Armenier. Er war der Fortschritt.

Necla Kelek ist Soziologin und hat soeben ihr Buch "Bittersüße Heimat - Bericht aus dem Inneren der Türkei" bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.

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