Faszinierend farbig" - unter diesem Motto soll sich die Türkei als Ehrengast auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse präsentieren. Eigentlich eine großartige Chance für ein Land, dessen reiche und tatsächlich faszinierend facettenreiche Literatur im Ausland immer noch weitgehend unbekannt ist. Doch bereits im Vorfeld des Ereignisses gibt es böses Blut. Etwa 20 Autoren, unter ihnen einige durchaus namhafte, wollen das Ereignis boykottieren.
Sie sehen darin eine Propagandaveranstaltung der islamisch-konservativen Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan, von dem sie überzeugt sind, er arbeite an der Errichtung eines fundamentalistischen Gottesstaates in der Türkei.
Es ist ein seit Jahren verbissen ausgetragener Machtkampf: die kemalistische Elite, die sich auf die Werte des Staatsgründers Atatürk beruft, auf die Trennung von Staat und Religion, die Westorientierung der Türkei, ringt mit den religiös geprägten, gleichwohl reformorientierten und pro-europäischen Kräften um den Kurs des Landes. Ein Machtkampf, der in allen möglichen Foren ausgetragen wird: im Parlament, in den Medien, mit Massenprotesten auf den Straßen der türkischen Großstädte, vor dem Verfassungsgericht, wo Erdogans Regierungspartei AKP erst Ende Juli ganz knapp einem Verbot entging. Jetzt haben die Kemalisten die Frankfurter Buchmesse als Arena ihres Kampfes gegen die AKP entdeckt.
Mit Staatspräsident Abdullah Gül und dem Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk sollen bei der Eröffnung der Buchmesse gleich zwei Männer im Rampenlicht stehen, die für die Kemalisten Reizfiguren sind: Die Kandidatur des gewendeten Fundamentalisten Gül für das höchste Staatsamt löste vergangenes Jahr in der Türkei eine Staatskrise aus, die mit dem Verbotsverfahren gegen die AKP ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, aber noch keineswegs beigelegt ist.
Und Pamuk steht wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern für viele Kemalisten als ein Vaterlandsverräter da. "Wir haben kein Vertrauen in die AKP-Regierung und das Kulturministerium", schrieben etwa 20 Autoren in einer gemeinsamen E-mail an die Presse. Deshalb würden sie die Buchmesse boykottieren. Unter ihnen sind bekannte Namen wie Ahmet Oktay, Leyla Erbil, Tahsin Yücel und die Literaturkritikerin Füsun Akatli. Sie wirft der Regierung vor, sie wolle die Buchmesse als Bühne missbrauchen, um die Türkei als "Land des gemäßigten Islam" zu präsentieren. Besonders empörend findet es Akatli, dass auf der Buchmesse Autoren, die etwa für die Aufhebung des Kopftuchverbots eintreten, "gleichberechtigt" mit kemalistischen Schriftstellern auftreten sollen.
Der von Kritikern geäußerte Vorwurf, bei der Auswahl der etwa 200 Autoren, die das Land auf der Buchmesse vertreten, habe es keine Transparenz gegeben, trifft freilich nicht die Regierung. Denn über die Teilnehmerliste entschied der türkische Schriftstellerverband. Dessen Präsident Ahmet Fidan unterstreicht, die Buchmesse habe nichts mit Politik zu tun. "Ich verstehe nicht, wie man eine solche Verbindung herstellen kann", sagt Fidan. Auch Kulturminister Ertugrul Günay mahnt: "Wir wollen Europa mit türkischer Kultur und Kunst bekannt machen - statt zu polemisieren sollten wir produktiv an die Sache herangehen."
Doch die Kritiker bleiben bei ihrem Verdacht, die islamisch-konservative Regierung versuche, der Buchmesse-Präsentation ihren Stempel aufzudrücken. So entschied Kulturminister Günay kürzlich, das für die Eröffnungsfeier vorgesehene Oratorium über Nazim Hikmet, der als Begründer modernen türkischen Lyrik gilt, in der Türkei verfolgt wurde und 1963 im Moskauer Exil starb, nicht aufzuführen - vielleicht weil Fazil Say der Komponist des Oratoriums ist? Say, ein weltbekannter Pianist, der in Düsseldorf und Berlin studierte, ist ein prominenter Kritiker der gegenwärtigen Regierung. Ende vergangenen Jahres äußerte er in einem Interview Auswanderungsgedanken, weil "die Frauen aller Minister Kopftuch tragen" und "die Islamisten ohnehin schon gewonnen haben".
Statt des Hikmet-Oratoriums soll nun ein Oratorium über den Mystiker Yunus Emre aufgeführt werden, der Ende des 13. Jahrhunderts lebte und als prägende Figur des türkischen Humanismus gilt. Kulturminister Günay weist den Vorwurf, politische Gründe hätten ihn zu der Programmänderung bewogen, entschieden zurück: im Gegensatz zu dem Werk von Fazil Say, das nur in türkischer Sprache vorliege, werde das Yunus Emre-Oratorium in Frankfurt in deutscher Sprache aufgeführt. Das habe den Ausschlag gegeben.
Auch Autoren, die nicht im Verdacht stehen, Parteigänger der AKP-Regierung zu sein, fürchten, der Kulturkampf werde die Buchmesse-Präsentation überschatten und warnen eindringlich vor einem Boykott: "Auch ich protestiere gegen die Streichung des Hikmet-Oratoriums", sagt Ahmet Ümit, der bekannteste türkische Kriminalschriftsteller. "Aber ich werde dennoch an der Buchmesse teilnehmen."
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