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14. Januar 2016

Übergriffe in Köln: „Gewalt ist eine Quelle von Anerkennung“

 Von Michael Hesse
Rechtspopulistische Bewegungen sind angewiesen auf Ereignisse, die sie sich sozial ausbeuten lassen, sagt Gewaltforscher Heitmeyer.  Foto: dpa

Die Einschätzung, die Übergriffe in Köln seien Folge einer organisierten Kriminalität, hält der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer für völlig falsch. Im FR-Interview erklärt er, wie es aus Sicht der Wissenschaft zu einer solchen Eskalation der Massen kommen kann.

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Herr Heitmeyer, Justizminister Maas wird nicht müde zu behaupten, die Übergriffe in Köln oder Hamburg seien Folge einer organisierten Kriminalität. Teilen Sie seine Ansicht?
Ich habe ja schon sehr schnell darauf reagiert. Die Sichtweise ist völlig falsch und ich weiß auch nicht, wie einem Justizminister eine solche Fehleinschätzung unterlaufen kann. Der BKA-Präsident hat dies inzwischen auch bestätigt. Organisierte Kriminalität hat klare Strukturen, harte Hierarchien, streng verdeckte Abläufe, vermeidet Öffentlichkeit und zielt auf materielle Gewinne. In Köln war die Strukturlosigkeit das Kennzeichen vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Demonstration von Macht.

Wie mobilisieren sich Tätergruppen?
Nun, es ist ja inzwischen wirklich nicht neu, wie das über die neuen Kommunikationsmittel verläuft. Wir kennen das von den gewaltbereiten Fußballfans und auch von den Riots in Paris, London und anderswo. Entscheidend ist die gemeinsame Motivation, um auch ein gemeinsames Auftreten zu inszenieren.

Politiker betonen immer wieder, es handle sich um einen Zivilisationsbruch. Sehen Sie das als Gewaltforscher auch so?
Das ist wieder eine völlige Fehleinschätzung, denn zurecht wird der Begriff des Zivilisationsbruchs nur mit dem Holocaust in Verbindung gebracht. Auch hier geht es wohl eher um die Medienaufmerksamkeit für einen Minister. Völlig absurd.

Wie funktioniert die Eskalation von Massen aus Erkenntnis der Wissenschaft? Welche Mechanismen greifen da ineinander?
Also, es müssen verschiedene Faktoren zusammenwirken, um die Eskalationsmechanismen in Gang zu setzen. In Köln war eine notwendige Bedingung, dass eine Opfergruppe, die Frauen, markiert wurde. Dies ist nicht hinreichend. Es muss eine kritische Masse von gleichgesinnten Tätern zusammenkommen und der Termin, also Silvester mit den eigenen Elementen wie Lärm, Alkohol, gelockerten Regeln, verdichteter Raum mit schnellem Körperkontakt und Dunkelheit dazukommen. Die Masse erleichtert die Vorkommnisse, weil Taten nicht individuell zugerechnet werden können und schnelle Fluchtwege zum Teil zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die Kontrollfähigkeit der Polizei bzw. der zeitweilige Kontrollverlust im Verhältnis zur kritischen Masse. Zumal, da es immer eine schwierige Balance für die Polizei bedeutet, zwischen Unterreaktion, die die Täter ermuntert, und Überreaktion, die Aggressivität und Solidarisierungen verstärkt.

Zur Person
Wilhelm Heitmeyer.

Wilhelm Heitmeyer, Jahrgang 1945, ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialisation.
Bis 2013 war er Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, seitdem ist er dort Senior Research Professor.
Bücher u.a.: „Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden“ und „Gewalt in öffentlichen Räumen“.

Vor allem die sexuellen Übergriffe werden thematisiert. Gibt es eine andere Perspektive des Wissenschaftlers auf die Handlungen am Kölner Hauptbahnhof?
Es war Gewalt, weil die zwei basalen, nicht verhandelbaren Grundwerte verletzt worden sind: die Gleichwertigkeit von Menschen und ihre psychische wie physische Unversehrtheit.

Wie ist es mit der Gewaltbereitschaft von Tätern aus Nordafrika? Welche Bedingungen sind bei ihnen eher gegeben als etwa bei Deutschen?
Die jungen Generationen in Nordafrika befinden sich in einer dramatischen Lage, die sich nicht verändern wird. Eine sehr große Zahl junger Männer kämpft um wenige Chancen gesellschaftlicher Anerkennung über Arbeit etc. Dadurch entsteht Aggressivität, um sich unter anderem mit Gewalt durchzusetzen, zumal dann, wenn es in patriarchalischen Verhältnissen entsprechende Rollenvorbilder gibt, mit der Botschaft von der Überlegenheit des Mannes und der Ungleichwertigkeit von Frauen. Als viertes kommt hinzu, dass die Kommunikationsmittel die Verlockungen des Westens zeigen. Sie haben nichts zu verlieren – außer Elend und Hoffnungslosigkeit. Resignation ist eine Reaktion, demgegenüber sind Gewalt und Radikalisierung dann attraktive Quellen von Anerkennung. Koste es was es wolle, auf wessen Kosten auch immer – und da sind Frauen das schwächste Opfer.

Die Bevölkerungszusammensetzung in Deutschland verändert sich gerade deutlich. Wie wichtig ist es nun, eine Verständigung darüber zu finden, was Integration ist?
Der Begriff der Integration ist ja zu einer Leerformel verkommen und wird zumeist als Nebelwerfer eingesetzt. Es geht nach unserer Konzeption um drei Gelegenheitsstrukturen, die diese Gesellschaft bereitstellen muss: Chancen auf materielle Reproduktion, also eigene materielle Versorgung über Arbeit und damit verbundenen Anerkennungsmöglichkeiten, zweitens um Vergesellschaftung, das heißt, dass man in der Öffentlichkeit eine Stimme hat und wahrgenommen wird, also moralische Anerkennung als Bürger, und drittens um Vergemeinschaftung, also die Anerkennung der eigenen Identität und der eigenen Gruppe, also emotionale Anerkennung. Erst dann ist auch zu erwarten, dass es zu Anerkennung von Regeln, Normen etc. in dieser Gesellschaft kommt. Missachtungserfahrungen führen bekanntlich zu Regelüberschreitungen, Normverletzungen und auch Gewalt.

Wie stark wird der Rechtspopulismus von den Kölner Ereignissen profitieren?
Rechtspopulistische Bewegungen sind auf emotional ausbeutbare Signalereignisse angewiesen. Köln war ein solches Signalereignis, gegen das zum Beispiel rationale Hinweise auf zu differenzierende Kriminalitätsraten nicht mehr ankommen. Und wenn dann noch die Parolen wie „ganze Härte des Gesetzes“ ständig wiederholt werden, obwohl sie gar nicht eingelöst werden können, erfolgt die verstärkte Verhöhnung von Politik durch solche Bevölkerungskreise, die ohnehin ihre rohe Bürgerlichkeit pflegen.

Eine Folge des Silvesterabends: Nun werden Ausländer auf offener Straße angegriffen. Die Täter empfinden die Debatte offenbar als Freibrief zur Gewaltanwendung.
Ja, die Kölner Ereignisse sind Legitimationen zur Anwendung von „Gegengewalt“. So kommen Gewaltspiralen in Gang, deren Ende nicht abzusehen ist, zumal die Radikalisierungsparolen der rechtspopulistischen Bewegungen immer schärfer werden müssen, weil sonst keine Medien berichten und Öffentlichkeitsresonanz ausbleibt. Also, Medien sind auch wichtige „Mitspieler“ in Eskalationsprozessen.

Interview: Michael Hesse

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