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Umerziehung in China: Fast vergessen

Auch das ist China: Yang Xianhui erinnert an "Die Rechtsabweichler von Jiabiangou", indem er Zeitzeugen selber zu Wort kommen lässt. Von Renate Wiggershaus

Umerziehung durch Arbeit war eine beliebte Strafmaßnahme für parteischädigendes Verhalten.
"Umerziehung durch Arbeit" war eine beliebte Strafmaßnahme für parteischädigendes Verhalten.
Foto: Getty Images

Auch im Westen wurde die einst von Mao Zedong ausgegebene Parole "Lasst hundert Blumen blühen" zu einem verbreiteten Slogan - "Lasst hundert Gedankenschulen miteinander wetteifern", hieß es weiter, als damals, nach der 1956 einsetzenden Abkehr vom sowjetischen Entwicklungsmodell, in China eine Phase der Liberalisierung zu beginnen schien. Intellektuelle und Regierungsbeamte wurden zu offener Diskussion und Kritik aufgefordert. Auf die daraufhin einsetzende unerwartet heftige Kritik an den Willkürmaßnahmen der kommunistischen Partei reagierte deren Spitze jedoch mit drastischen Disziplinierungsmaßnahmen, die jegliche Opposition erstickten.

Die Terror- und Säuberungskampagnen der zehn Jahre später von Mao Zedong inszenierten "Großen Proletarischen Kulturrevolution" haben die frühere "Kampagne gegen Rechtsabweichler" fast in Vergessenheit geraten lassen. Der chinesische Schriftsteller Yang Xianhui hat sie zum Thema eines 2003 in China erschienenen Buches gemacht. 1965 hatte sich der 19-Jährige zur Arbeit in einem landwirtschaftlichen Kollektivbetrieb in der Wüste Gobi gemeldet, um bei der Erschließung dieser rückständigen Region zu helfen.

Während seiner sechzehnjährigen Tätigkeit als Pflanzer und Bauarbeiter von Bewässerungsanlagen hörte er immer wieder vom Umerziehungslager Jiabiangou. Neugierig bat er Regierungsbeamte der Provinz Gansu, in der sich das Arbeitslager befand und aus der er selber stammt, um Einblick in die Archive. Vergeblich. So machte er sich auf die Suche nach einstigen Insassen des Lagers. Er interviewte mehr als hundert Überlebende und ihre Familien.

Gewitzt durch Erfahrungen bei der Publikation von Geschichten über seine eigene Pionierarbeit gab er den Berichten seiner Gesprächspartner einen fiktionalen Anstrich, um sie an der chinesischen Zensur vorbei veröffentlichen zu können. Was in diesen Schilderungen von Einzelschicksalen sogleich schockiert, ist die Heimtücke, die hinter der Hundert-Blumen-Kampagne von 1957 steckte. Zu spät bemerkten die zu offener Kritik Aufgeforderten, dass eigens für sie abgestellte Protokollanten die mündlich vorgetragenen Klagen über Korruption, Machtmissbrauch, Mangel an Nahrungsmitteln oder die auf Wandzeitungen angeschriebenen Verbesserungsvorschläge notierten. Wer Unmut über soziale Ungerechtigkeit geäußert hatte, wurde wegen parteischädigender, antisozialistischer Haltung zur "Umerziehung durch Arbeit" verurteilt.

Eines der Lager, in die diejenigen deportiert wurden, die gutgläubig Verbesserungsvorschläge vorgebracht hatten, war Jiabiangou. Hier, in den Wüsten und Graslandregionen im Nordwesten Chinas, wurden die "Rechtsabweichler" entweder der Brigade zum Bau eines Kanalsystems oder dem Landwirtschaftstrupp zugeteilt. Schwerarbeit, Kälte, vor allem aber dauernder Hunger führten schnell zu Entkräftung und Ödemen. "Die Gesichter der Sterbenden waren angeschwollen wie Kürbisse, die Augenlider sahen aus wie weiche Birnen und konnten nur noch zu einem schmalen Schlitz geöffnet werden", heißt es in einem der Berichte. Auf Knien, um die sie ihre Schuhe gebunden hatten, rutschten die Geschwächten zur Austeilung ihrer winzigen Essensrationen: "wie Pinguine auf der Flucht vor Seelöwen, hastig ihre kleinen Körper und Beine schwenkend". Tausende starben. Über die Leichen, die im tiefgefrorenen Winterboden nur notdürftig begraben werden konnten, fielen die Wölfe her.

Die Deportierten, die überlebten, indem sie sich von Grassamen, Weidenblättern, Regenwürmern und Mäusen ernährten oder Rübenblätter, Getreide, Mais stahlen, wo und wann immer sie konnten, wurden 1960 in die Einöde von Mingshui verfrachtet, wo 33000 Hektar Land für den Getreideanbau kultiviert werden sollten. Da es kein Holz gab, um Hütten zu bauen, gruben sie sich Erdhöhlen, groß genug, um sich nachts ausstrecken zu können. 1961 wurden sie größtenteils rehabilitiert. Sie kehrten in ihre Familien zurück und konnten wieder ihre alten beruflichen Positionen einnehmen.

Yang Xianhui lässt weitgehend die Zeitzeugen selber zu Wort kommen. Sie berichten von den grauenhaften Geschehnissen mit der Lakonie und knappen Drastik, die einzig eine Ahnung vom Unbeschreiblichen zu geben vermag. Von 19 Berichten der chinesischen Ausgabe sind sieben in die vorliegende, sehr gelungene Übersetzung des Buches aufgenommen worden.

Autor:  Renate Wiggershaus
Datum:  14 | 10 | 2009
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