Alles fängt so lieblich an. Geradezu harmlos. Unschuldig. Ein Mädchen in hellem Sommerkleid erwartet bei sich zu Haus einen Verehrer. Sie ist ganz aufgeregt und fragt ihre kleine Schwester, ob sie denn auch hübsch genug sei. Und da ist er auch schon, Hektor, sehr höflich, beinahe übertrieben formvollendet stellt er sich mit einer Verbeugung vor. Die junge Frau ist entzückt, man nimmt auf einem rosa Sofa Platz. Dem Gast wird sogleich ein Stück Kuchen angeboten, doch zu ihrem Entsetzen muss die Gastgeberin bemerken, dass sie völlig vergessen hat, die heiße Schokolade zuzubereiten. Welch ein Fauxpas! Zum Glück hat die kleine Schwester an alles gedacht und serviert dem Gast sein Pläsier.
Was so beschaulich beginnt, darf zu den erstaunlichsten Veröffentlichung des gerade erst vergangenen Jahres zählen: Ein Comic, der sich auf den ersten Blick eher wie ein nett-langweiliges Bilderbuch ausnimmt, mit hellen, pastellartigen Farben, leichtem, beinahe naivem, jedenfalls nicht allzu peniblem Strich sowie einer sehr übersichtlichen Seiten- und Bildgestaltung. Doch täuscht der erste Blick. Den beiden französischen Zeichnern Marie Pommepuy und Sébastien Cosset ist mit "Jenseits" ein kleines Meisterwerk gelungen, in dem immerfort mit den Genregrenzen zwischen dem Kinder- und Jugendbuch auf der einen und eher splatter- oder gothicorientierten Formen auf der anderen Seite gespielt wird.
Nach dem idyllischen, eigentlich spießig-faden Auftakt nimmt die Geschichte bereits auf der zweiten Seite eine jähe Wendung. Merkwürdig lilafarbene, nicht allzu appetitliche Brocken fallen von oben herab. Mit einem Mal färbt sich alles düster ein. Gefahr ist im Verzug. Zum Glück weiß die kleine Schwester einen Ausgang. Alle fangen an zu laufen, nur weg von hier. Doch wie in einem Alptraum verliert sich die Gruppe in einem schleimigen Labyrinth und damit einander aus den Augen. Die Wände rücken näher und drohen, das Mädchen im Sommerkleid zu erdrücken. Dann versinkt es in blutigem Schleim. In letzter Sekunde findet es eine Öffnung und kann dem Horrorszenario entfliehen. Es springt und fällt schreiend in die Tiefe.
Damit aber endet kein schlimmer Traum, sondern geht er erst richtig los. Pommepuy und Cosset, die gemeinsam unter den Pseudonym Kerascoët firmieren, haben einige Erfahrung mit ungewöhnlichen Geschichten. So zeichneten sie mehrere Alben für die Serien "Fräulein Rühr-mich-nicht-an" und "Donjon - Abenddämmerung". In der aktuellen Ausgabe des renommierten belgisch-französischen Comicmagazins Spirou sind sie mit einer längeren Arbeit vertreten. Für "Jenseits" taten sie sich mit dem Szenaristen Fabien Vehlmann zusammen, denn ihnen ging es nicht nur darum, eine zeichnerische Form für die sehr aparte Mischung aus kinderleichter Niedlichkeit und markerschütterndem Grauen zu finden, sondern das Unbehagen auch in eine erzählerische Form zu bringen, die sich streng innerhalb der Logik eines Alptraums entfaltet.
Das legt gewisse Anleihen bei der Freudschen Traumdeutung nahe, erschöpft sich allerdings nicht darin. Nach dem Sprung aus der rettenden Öffnung landet das Mädchen im Sommerkleid in einer Pfütze. Es befindet sich jetzt unter freiem Himmel. Regen fällt. Ringsum ist es Nacht, alles ist in düsteres Blau gehüllt. Als das Mädchen sich wieder berappelt, findet es sich am Rande eines vom Mond schaurig angeleuchteten, überdimensional großen Kopfes wieder. Das hier ist eine Menschenleiche, entsetzt reißt das Mädchen die Augen auf. Dann kriechen noch viel mehr Kinder aus den Augen-, Nasen- und Mundöffnungen des Kopfes. Geschrei, Panik - alle laufen davon ins nahe Unterholz.
In die vormals heile Welt ist endgültig der Schrecken eingezogen. Damit hat eine Verwandlung stattgefunden. Schauplatz der Geschichte ist von nun die faulende Leiche eines Mädchens. Offenbar hat ein Verbrechen stattgefunden. In dünnem Sommerkleidchen, leichter Strickjacke und Regenstiefeln liegt der tote Körper da. Neben sich eine Mappe, vielleicht kam das Mädchen gerade von der Schule? Über seine Herkunft und auch darüber, was ihm zugestoßen ist, erfahren wir in "Jenseits" allerdings nichts. Seine unheimliche Gegenwart besteht gerade in der Nichtbeantwortung solcher Fragen. Und so wird der verwesende Mädchenleichnam mit seinen vielen Öffnungen und Hohlräumen zur Wohnstatt der Kinderschar. Vom Grauen umgeben und bedroht richten sie ihre Kindheit ein.
Selbstverständlich ließe sich in diesem Zusammenhang an die ästhetische Verarbeitung einer traumatischen Kindheitserfahrung, etwa an Vergewaltigung oder Missbrauch denken. Dann erschiene die heile Kinderwelt als so etwas wie ein erträumtes Exil, als eine Fabelwelt, in der alle Kinder winzig klein wären - das machte sie beinahe unsichtbar für ihre Verfolger - und in der sie sehr glücklich lebten. Dann wären die saftig-grünen und zum Spielen einladenden Farbtableaus, die Wiesen und Wälder, die wunderschön aquarellierten Sonnenuntergänge einfach das Paradies, der Fluchtpunkt für eine unbesorgte und behütete Kindheit. Doch liefert der Comic auch dafür keine genaueren Hinweise.
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