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09. Februar 2016

Universität Wien: Eine offene Wunde bis heute

 Von Stefana Sabin
1925: Die schlagende jüdische Studentenverbindung Emunah.  Foto: Ze’ev Aleksandrowicz, Beit Hatfutsot

„Eine Kampfzone“: Die Geschichte der Universität Wien zeigt eine Ausstellung im Jüdischen Museum. Sie beleuchtet die dunkelste Epoche in der neueren Geschichte der Universität – und in der österreichischen Republik!

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Das 650-jährige Bestehen der Universität Wien hat das Jüdische Museum in der Dorotheergasse zum Anlass einer Ausstellung genommen, die die Beziehung zwischen der akademischen Bildungseinrichtung und den Wiener Juden rekonstruiert.

Es war von allem Anfang an eine feindliche, ja gewaltsame Beziehung, denn etwa fünfzig Jahre nach der Gründung der Universität als katholischer Lehrstätte durch Rudolf IV. wurden die Juden aus Wien vertrieben und die Synagoge zerstört und abgetragen – und mit den Steinen der Synagoge wurde ein Unigebäude errichtet. Es brauchte über vier Jahrhunderte, bis sich wieder eine jüdische Mittelschicht etablierte und Juden durch das Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. zum Studium zugelassen wurden – und es brauchte nochmals hundert Jahre, bis sie auch als Professoren berufen werden konnten.

Das Studium stand im 19. Jahrhundert für einen jüdischen Emanzipations- und Assimilationswillen, der weder antisemitische Randale der Studenten noch rassistische Schikanen der Rektoren bremsen konnte. Im Herbst 1861 meldete die Wiener Zeitung „Die Presse“, dass von den 200 neu zugelassenen Studenten „etwa hundert Israeliten“ seien. Den jüdischen Bildungsboom illustriert ein Witz von 1900, der auf dem Flyer der jetzigen Ausstellung gedruckt ist: „Eine junge Mutter spaziert mit ihren beiden in Matrosenanzüge gekleideten Buben durch den Volksgarten. Da begegnet ihr ein alter Bekannter: ,Na fesch, die Buberln! Wie alt sind sie denn?‘ – Darauf die Mutter: ‚Der Arzt ist sechs und der Rechtsanwalt ist vier.‘“

Aber die Universität war, wie der Titel der Ausstellung klarstellt, „Eine Kampfzone“ – Diskriminierung bei Berufungen und Numerus Clausus nur für Juden, aber auch regelrechte Pogrome gehörten zum universitären Alltag in der Zeit zwischen der Ausrufung der Republik und dem „Anschluss“ an Nazideutschland.

9. Mai 1933: Nach antisemitischen Übergriffen am Anatomischen Institut.  Foto: Josephinum, Nachlass Julius Tandler

Zugleich war die Universität ein Ort, an dem jüdische Wissenschaftler mit ihren Forschungen entscheidend zum Ruhm der Stadt Wien beitrugen. Ihre Vertreibung zwischen den Jahren 1938 und 1945 und die Verhinderung ihrer Remigration nach 1945 hinterließen eine Wunde, die noch immer nicht ganz geschlossen ist. Der Stolz, mit dem österreichische Zeitungen in den letzten Jahrzehnten immer wieder die Verleihung von Nobelpreisen an jüdische Wissenschaftler österreichischer Abstammung meldeten, während sie ihre erzwungene Auswanderung verschwiegen, wirkt befremdlich. Befremdlich wirkt auch die Sorglosigkeit, mit der ehemalige Nazis ihre akademischen Karrieren nach dem Krieg weiterverfolgen konnten.

Die Duldung der Altnazis

Es ist ein Verdienst der Ausstellung, diese dunkle Epoche in der neueren Geschichte der Universität – und der österreichischen Republik! – zu beleuchten. Überhaupt ist es gelungen, die lange und schwierige Geschichte der Universität Wien aus jüdischer Sicht kohärent und ohne Pathos von den Pogromen des späten Mittelalters über die nationalistische Randale des 19. Jahrhunderts bis zu den antisemitischen Ausschreitungen der Nazis und der Duldung der Altnazis in der Nachkriegszeit zu erzählen.

Dabei stützt sich die Darstellung auf die Schrift des jüdischen Wiener Historikers Gerson Wolf, der schon 1865 die Beziehung zwischen der Universität und den Wiener Juden beleuchtet hatte, aber auch auf andere, modernere autobiographische Berichte jüdischer Studenten sowie auf Artikel aus jüdischen Zeitungen. Objekte und Kunstwerke runden die Erzählung ab.

Jüdisches Museum Wien: bis 28. März. Der Katalog ist im Picus Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro.

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