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Holocaust-Mahnmahl: Unschuldige unter sich

Ulrike Jureit und Christian Schneider untersuchen die "Gefühlten Opfer": Sie haben die deutsche Erinnerungsmoral nach 1945 historisch, geistesgeschichtlich und psychoanalytisch auf den Prüfstand gestellt.

Zum fünften Jahrestag des Holocaust-Mahnmals in Berlin formulierte der ungarische Schriftsteller Peter Nadas eine radikale Kritik an dem Denkmal, über das jahrelang debattiert wurde, so dass diese Debatte schließlich selbst Mahnmalcharakter bekam. Der wunde Punkt beim Ritus der Mahnmalerrichtung aber sei, so Nadas, dass die Gedenkstätte für die Opfer auch das Gedenken an die Täter wahre. „Die ermordeten Menschen werden kollektiv zum Objekt des Werks gemacht. Sie sind in jeder Hinsicht das, was sie am Ende ihres Lebens waren: absolut wehrlos.“

Nadas’ Kritik fügt sich ein in eine Reihe von Beiträgen, die in der Entstehungs- und Begründungsphase des Mahnmals ihre Skepsis gegenüber dem nationalen Erinnerungsprojekt mit hoher moralischer Integrität artikulierten. Es gibt keinen verlässlichen Modus des Gedenkens. Aber fünf Jahre nach der Eröffnung hat die Realität des Mahnmals zwischen touristischer Attraktion und sakralem Gedenkort den emphatischen Widerspruch gegen das Projekt nationalen Gedenkens weitgehend zum Verstummen gebracht.

Wie stark die Akte kollektiven Erinnerns einem gesellschaftlichem Wandel unterworfen sind, verdeutlichen die Überlegungen von Ulrike Jureit und Christian Schneider, die die deutsche Erinnerungsmoral nach 1945 historisch, geistesgeschichtlich und psychoanalytisch auf den Prüfstand stellen. Der Gedenk- und Erinnerungspolitik blieb zuletzt das Unbehagen an einer im Übermaß zur Schau gestellten Moral nicht erspart. Warum, fragen Jureit und Schneider, erstarrt unser Gedenken in moralisierenden und sinnentleerten Formen des öffentlichen Erinnerns?

Während Peter Nadas die Überrepräsentation der Täter thematisierte, widmen Jureit und Schneider ihre Aufmerksamkeit den vielfältigen Erscheinungsformen der Opferfigur, die jenseits der Erinnerungen von Holocaustüberlebenden widersprüchliche Prozesse von Identifizierung und Gegen-Identifizierung ausgelöst haben. Gerade weil die Verbrechen des Holocaust als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik zu einem gesellschaftlichen Paradigma geworden sind, richten Jureit und Schneider ihren Blick auf die Phänomene des gefühlten Opfers. Aus dem Opfergedenken haben mit wachsendem zeitlichen Abstand auch Aspekte des Schuldstolzes an Bedeutung gewonnen. Während der Schriftsteller Binjamin Wilkomirski sich eine Opferbiografie als überlebendes Kind des Holocaust buchstäblich erdichtete, entdecken die Autoren andererseits eine kollektive Sehnsucht der Deutschen, unschuldig zu sein. In diesem Zusammenhang lassen sich auch die Gewalttaten der RAF als fatale Folge eines Bemühens verstehen, schuldig gesprochen zu werden.

Dieser Ambivalenz der Gefühle werden die rituellen Akte der Erinnerung kaum gerecht. Mit dem Berliner Denkmal sei, sagen Jureit und Schneider, eine generationsspezifische Erinnerungsperspektive buchstäblich in Beton gegossen worden. „Weil es von ambivalenten Erinnerungsinhalten entlastet, fand dieses Deutungsangebot im Land der Täter naheliegenderweise enorme Zustimmung.“

Dabei geht es Jureit und Schneider nicht um eine nachträgliche Kritik am Holocaustmahnmal. Sie fragen vielmehr nach den Erinnerungskonzepten, die der deutschen Vergangenheitsbewältigung zugrunde liegen und von starken Ausblendungsmechanismen geprägt zu sein scheinen. „An den deutschen Gedenkorten bleiben die Unschuldigen unter sich. Hier präsentiert sich eine Erinnerungsgemeinschaft, die auf ein geliehenes Selbstbild rekurriert und die sich der spezifisch deutschen Ambivalenz des Holocaust-Gedenkens durch Identifikation mit den Opfern zu entledigen sucht.“ So gesehen erlangte auch die Rede Richard von Weizsäckers zum Jahrestag des Kriegsendes 1985 große Berühmtheit, weil in ihr die Hoffnung zum Ausdruck kommt, durch Erinnerung zur Erlösung zu gelangen.

Jureit und Schneider rekonstruieren die Grundlagen der Vergangenheitspolitik und kommen zu dem Ergebnis, dass diese vor allem über die emotionale Wahrnehmung paradigmatischer Texte und historischer Reden verlief. Aber selbst in dem für die frühe Phase der Bundesrepublik so bedeutenden Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich über die „Unfähigkeit zu trauern“ bleibt unklar, ob sich die Trauer auf die Entwertung des durch Hitler verkörperten Ich-Ideals oder auf die Opfer deutscher Gewalt bezieht. Skeptisch blicken Jureit und Schneider auch auf den positiv besetzten Begriff der Trauerarbeit: „Um es deutlich zu sagen: Man kann den mörderischen Vorgang, um den es geht, genauso wenig betrauern, wie man ihn bewältigen kann. Hier gilt Hannah Arendts Wort, die sich vehement gegen das Bewältigungsparlando gewehrt hat: Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist.“

Angesichts des zeitlichen Wandels, dem auch die Akzeptanz und Genese von Erinnerungskulturen unterzogen ist, schlagen die Autoren Modelle einer anderen Affektkultur vor. War die Diskussion, die zum Holocaustmahnmal führte, von einem starken Über-Ich geleitet, so lautet die Forderung von Jureit und Schneider: Wo Über-Ich war soll Ich werden. „Wir haben das, was im Nationalsozialismus geschah, samt der Versuche, ihn aufzuarbeiten, in ihrer ganzen Ambivalenz neu zu bedenken. Dazu gehört zwingend, die geläufige Moralität des Über-Ich-Standpunkts ebenso einer Prüfung zu unterziehen wie das possessive und identitäre Verhältnis zum Holocaust, das weite Teile der zweiten Generation auszeichnet.“

Jureit und Schneider legen in ihrer unaufgeregt argumentierenden Analyse nahe, dass es keine abgeschlossene Kultur der Erinnerung geben kann. Umso weniger sollte man sich Illusionen über eine geglückte Vergangenheitsbewältigung machen.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  23 | 7 | 2010
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