Das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, dessen Unterzeichnung am 31. Oktober 1961 einen der größten Völkerwanderungen der Nachkriegszeit einleitete, jährt sich 2011. Das in dem Vertrag verankerte Rotationsprinzip funktionierte bei den türkischen Migranten ebenso wenig wie bei „Gastarbeitern“ aus anderen Ländern, mit denen ähnliche Abkommen geschlossen worden waren. Max Frischs zu Tode zitierter Satz „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“ war nicht ganz falsch, aber die Motivlage war komplizierter: Vor allem die Entsendeländer wollten den Deal, um Devisen ins Land zu ziehen und das Bilanzdefizit auszugleichen, das namentlich deutsche Exporte in den Mittelmeerländern gerissen hatten. Und sie wollten den Druck der unqualifizierten, in die Städte drängenden Arbeitslosen und Unqualifizierten nach außen kanalisieren.
Das passte deutschen Unternehmen ins Kalkül, denen nach dem Bau der Mauer Arbeitsuchende aus der DDR fehlten; skeptischer betrachteten viele Manager den Andrang unqualifizierter Arbeit, der Rationalisierungsinvestitionen etwa in der Autobranche auf die lange Bank schob und den Ausfall des Arbeitskräftezustroms aus der DDR nach dem Bau der Mauer kompensieren half. 1973 liefen die Abkommen aus. Billige Arbeitskraft war nicht mehr gefragt, Rationalisierungen kamen an die Tagesordnung. Nur die Rotation funktionierte immer noch nicht: als ein schönes Beispiel „nicht-intendierter Folgen von Politik“ holten die alleinstehenden Türken nun ihre Familien und verlegten ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland.
Das Jubiläum dieser beiderseits ungewollten Emigration wird im Lauf des Jahres 2011 mit einigem Pomp und viel Schmalz gefeiert; die dritte Diplomaten- und Politikergeneration wird sich gegenseitig versichern, dass unter dem Strich alles gut gelaufen ist – trotz der ermordeten Türken von Solingen, trotz Sarrazins Attacke auf Kopftuchmädchen und Schulversager, trotz Necla Keleks Rede vom integrationsunfähigen Islam, trotz der Bitterkeit mancher Gastarbeiter der ersten Stunde. Dagegen wird man politisch korrekt (und mit gutem Recht) süffige Erfolgsgeschichten von Aufsteigern der zweiten bis vierten Generation setzen, darunter die hippen Kanaken der Musik- und Comedy-Szene, man wird auch die tatsächliche Schwäche des fundamentalistischen Islam herausstellen und die letztlich erfolgreiche Germanisierung der Kulturvereine, die heute genauso konservativ sind wie die schwarz gebliebenen Ortsvereine der CDU/CSU. Hinter den Schablonen werden die gemischten Gefühle und individuellen Lebensläufe verschwinden, also die interkulturelle Dimension, die den „Gruppismus“ (Rogers Brubaker) eigentlich ausschließen sollte.
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