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01. Februar 2016

Unter Tieren: Auch der Fisch kommt qualvoll um

 Von Hilal Sezgin

In der Februar-Ausgabe ihrer Kolumne "Unter Tieren" denkt Hilal Sezgin darüber nach, was Greenpeace ihr sagen will, wenn die Umweltorganisation mitteilt: Diesen oder jenen Fisch könne man bedenkenlos essen.

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An einigen Tagen im Januar dachte ich: Jetzt reden sie alle plötzlich über Fische. Sie untersuchen Fische. Machen sich Sorgen um Fische – aber eigentlich nicht wirklich um die Fische! Es fing damit an, dass Wissenschaftler aus Bremerhaven Meeresfische seziert und herausgefunden hatten, dass sie erschreckend viele Plastikteilchen enthielten. „Dabei stellten sie fest, dass die Makrele deutlich häufiger Mikroplastik verschluckt als in Bodennähe lebende Fische wie Flunder oder Kliesche.“

Ich hab dann erst mal „Kliesche“ gegoogelt. Mein neues Wissen um diese europäische Plattfisch-Spezies kam mir auch zugute, als kurz darauf Greenpeace meldete, sie hätten einen Ratgeber herausgegeben, welche Fische man „bedenkenlos“ essen könne.

Unsere Autorin

Hilal Sezgin, Jg. 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Beginn eines Monats schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

Ihr neues Buch ist soeben herausgekommen und richtet sich an Jugendliche: Wieso? Weshalb? Vegan! Warum Tiere Rechte haben und Schnitzel schlecht für das Klima sind. Fischer Taschenbuch, 302 S., 12,99 Euro.

Die Nachricht, dass man überhaupt einige Fische bedenkenlos essen kann, ist für eine Tierrechtlerin natürlich verblüffend, also habe ich mir den Ratgeber bestellt. Noch verblüffender, und wiederum mein Wissen um Fische deutlich bereichernd, war die Erkenntnis, dass Hummer, Miesmuscheln und Shrimps auch Fische sind, jedenfalls laut Greenpeace.

Fast alle Fischspezies waren allerdings rot markiert (nicht essen!) und jeweils paar grüne Ausnahmen dazu notiert. Wenn die argentinischen Sardellen von der „Bonaerense Sub-Population“ stammen, dann geht es zum Beispiel, oder wenn man die Klieschen mit „Grund-Langleinen, Handleinen, Anker-/Snurrewaden“ fängt.

Ich weiß nicht, ob Sie mal versucht haben, sich in Ihrer Bäckerei nach den Inhaltsstoffen des Brots zu erkundigen; aber selbst wenn man nur fragt: „Ist da Milch drin?“ Geschweige denn: „Enthält das Cystein aus Schweineresten?“ wissen die meisten Angestellten keine Auskunft. Ich würde gerne mal erleben, wie jemand in einem Fischgeschäft fragt, welcher Subpopulation die Sardellen entstammen und ob die Klieschen mit Snurrewaden gefangen wurden. Andererseits möchte ich es lieber nicht erleben, denn die Fische in diesem Fischgeschäft sind tot und starren gruselig vor sich hin.

Und die Belastung der Fische?

Angesichts dessen, dass sie eben alle tot sind, finde ich es etwas bedenklich, wenn Greenpeace behauptet, man könne sie bedenkenlos essen. Da ist die Rede von der Belastung der Meere und vom Umweltbewusstsein – aber auf 26 Seiten Fischratgeber spricht Greenpeace kein einziges Mal von der Belastung der Fische oder zeigen Bewusstsein fürs Mitlebewesen Fisch.

Wissen Sie, wie Fische umkommen? Aus Fachzeitschriften, die auf Fischfang oder Aquakultur spezialisiert sind, kann man so etwas bisweilen erfahren. Nach dem Einfangen mit großen Netzen wirft man die Fische an Land oder Bord und lässt sie ersticken. Das kann 15 bis 60 Minuten dauern. Wenn sie auf Eis gelegt werden, bleiben Forellen bis zu 200 Minuten bei Bewusstsein, Lachse 60 Minuten und Seebrassen 20-40 Minuten. Kann man sich das vorstellen – stundenlanges Ersticken und Todeskampf? Möchte man sich das vorstellen? Andere Fischsorten werden lebendig aufgeschlitzt und bekommen – immer noch lebend – die Innereien entfernt.

Ein Fisch kennt keinen Schmerz?

In Deutschland gibt es übrigens einen Professor für Fischerei, der meint, dass Fische keine Schmerzen empfänden. Dieser „Angelprofessor“, wie er oft genannt wird, ist selbst seit der Kindheit Angler, und seine seitherigen Wachstumsphasen können, wiederum dank google, quasi lückenlos anhand von Fotos mit riesigen selbsterangelten Fischen nachverfolgt werden. Ich bin so froh, dass wir in Deutschland neutrale Wissenschaft haben, die also weder von Eigeninteressen noch von denen des Marktes beeinflusst ist.

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Dass Fische Stress empfinden können, streitet meines Wissens allerdings keiner ab. Des weiteren haben Biologen herausgefunden, dass Fische mit ihren Geschmacksknospen das Futter vom Schlamm unterscheiden; dass sie individuelle Mitglieder ihres Schwarms erkennen, Rangordnungen aufbauen und ein Langzeitgedächtnis besitzen. Bei mehreren Fischspezies wurde der Gebrauch von Werkzeugen beobachtet; viele sind sehr gut darin, sich Orte und Gegenden zu merken, und erstellen mentale Landkarten ihrer Umgebung.

Doch immer weniger Fische haben überhaupt eine erforschbare Umgebung. Aquakultur ist der am stärksten boomende Zweig der Lebensmittelproduktion weltweit, da „leben“ die Fische dichtgedrängt, einander an Schuppen und Flossen verletzend, in Tanks. – Greenpeace empfiehlt übrigens Karpfen aus Aquakultur. Ich empfehle: Fische. Leben. Lassen.

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