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29. Februar 2016

Unter Tieren: Immer wieder im Kreis

 Von Hilal Sezgin

In der März-Ausgabe ihrer Kolumne "Unter Tieren" träumt Hilal von Parkspaziergang mit einem Elefantenbaby. Die Wirklichkeit sieht ziemlich anders aus, wie die Fälle erhängter Elefanten zeigen.

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Vergangene Nacht träumte ich, ich ginge mit einem Elefantenbaby im Park spazieren. Noch im Traum fragte ich mich, wie ich eigentlich einen Elefanten als Haustier haben konnte: Gehörten die nicht eigentlich in die Wildnis, und ein Baby zu seiner Mutter?

Aber mein träumendes Hirn fand eine Lösung: Es war natürlich ein verwaistes Baby, also konnte man es nicht auswildern, sondern musste sich sozusagen um es kümmern! Und so kam ich in den Genuss dieses Begleiters, der mit seiner tolpatschigen Art, schlackernden Riesenohren und immenser Unternehmungslust vor mir her trabte. Wie Tierkinder so sind, wurde das Elefantenbaby allerdings urplötzlich von unwiderstehlicher Müdigkeit übermannt, legte sich hin und schlief mitten auf dem Weg ein. Ich setze mich daneben und kraulte es ein wenig zwischen den Ohren.

Hat mein Hirn das nicht geschickt gemacht: mich auf diese Weise die Freude eines Spaziergangs mit Elefantenbaby erleben zu lassen, was sich im echten Leben aus vielerlei und nicht zuletzt tierschützerischen Gründen verbietet?

Die Kontrolle der Elefantenkraft lockt den Menschen

Aber mensch versucht es ja immer wieder. So wie wir den Vogel in den Käfig stecken, wo er gerade nicht tun kann, um was wir ihn beneiden – fliegen –, so reizen uns am Elefanten nicht nur seine Größe und Stärke, sondern vor allem auch, beides unter Kontrolle zu bringen. Wie sonst wäre zu erklären, dass man für Zirkusnummern Elefanten im Kreis gehen lässt (was bereits Kindergartenkinder können, noch dazu singend) oder sie einen Fuß auf ein Podest stellen sollen? Faszinierend ist nicht, was die Elefanten im Zirkus tun, sondern dass wir sie dazu bringen, etwas so augenfällig Unelefantisches zu tun. Dafür bezahlen Menschen, die in den Zirkus gehen.

Unsere Autorin

Hilal Sezgin, Jg. 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Beginn eines Monats schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

Ihr neues Buch ist soeben herausgekommen und richtet sich an Jugendliche: Wieso? Weshalb? Vegan! Warum Tiere Rechte haben und Schnitzel schlecht für das Klima sind. Fischer Taschenbuch, 302 S., 12,99 Euro.

Die Elefanten freilich bezahlen mit Freiheit und Leben. Noch heute gibt es allein in deutschen Zirkussen über 30 Elefanten, dabei ist die Liste der Zirkus- (und Zoo-)Elefanten, die durch „Arbeitsunfälle“ starben, schier unendlich. Oft genug wurden sie auch getötet oder regelrecht hingerichtet, wenn sie ausbrachen und dabei Menschen töteten oder verletzten. Von den Kriegselefanten, die man wohl erstmals vor vier- bis fünftausend Jahren in Indien abzurichten begann, bis heute ist die Geschichte gefangener Elefanten daher immer auch eine Geschichte zu Tode getrampelter Menschen.

Zuletzt musste im Juni 2015 bei Heilbronn ein Rentner sein Leben lassen, der beim Flaschensammeln von einer ausgebrochenen Zirkus-Elefantenkuh tödlich verletzt wurde. In anderen Fällen haben gefangene Elefanten meist gezielt ihre Peiniger angegriffen, zum Beispiel Besucher, die sie durch ein Gitter piesackten. Immer wieder beschreiben Beobachter auch, wie Elefanten nach einem Ausbruch gezielt ihren Wärtern und Trainern hinterhersetzen.

Relativ glimpflich endete der Wutanfall von einem der beiden Elefanten, die bei einer Zeremonie zu Ehren des Prinzen Mehmed im Jahr 1582 durch Istanbul geführt wurden. Irgendwann hatte er sozusagen die Nase voll, tankte seinen Rüssel mit Wasser und benässte die Umstehenden.

Er wurde erhängt

Drei Jahrhunderte später unterzeichnete der deutsche Zoobesitzer Carl Hagenbeck das Todesurteil für einen seiner Elefanten, nachdem dieser einen Trainer fast getötet hatte. Weil Elefanten allerdings kostbar waren, versuchte Hagenbeck zunächst, das Abschussrecht an einen englischen Trophäenjäger zu verkaufen. Aber mitten in Europa einen Zooelefanten zu erschießen, war selbst diesem Jäger offenbar zu bescheuert – oder zu teuer – jedenfalls kam der Handel nicht zustande, und der Elefant wurde erhängt.

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Wie, weiß ich nicht. Zu einem „berühmten“ Ende durch Erhängen fand 1916 die Elefantenkuh Mary. Zum Verhängnis wurde ihr eine Wassermelone, die sie in Tennessee am Wegesrand erblickte. Sie wollte die Wassermelone, und ihr Trainer ihren Gehorsam. Sie hatte den stärkeren Rüssel und schmiss ihn durch eine Wand.

Angeblich waren für Mary diverse Todesarten im Gespräch, man erwog Gift, Elektrokution oder das Zerreißen mittels zweier Lokomotiven; schließlich stellte man einen Kran auf, um den herum sich 3000 Männer, Frauen und Kinder gruppierten, um Marys Erhängen beizuwohnen.

Menschheit, du bist so wahnsinnig pervers manchmal. Und sogar viel öfter als manchmal. Ich glaub, ich geh lieber wieder schlafen und weiter von schlackernden Babyohren träumen.

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