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Unter Tieren: Niedlich unterschiedlich

Unterlass es, im Internet nach Tiervideos zu suchen und diese an alle Freunden zu verschicken - wenigstens, bis es den universellen Dolmetsch-Computer vom Raumschiff Enterprise gibt.

Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wie es gekommen ist. Aber irgendwann in all den Jahren, die meine Katze und ich nun schon zusammenleben, muss ich mir angewöhnt haben, ihre anmutigen Bewegungen mit dem Wort „süß“ zu kommentieren. Nicht nur ihre Bewegungen, auch die Posen, in denen sie schläft. Oder die Art, wie sie frisst, sich räkelt, sich putzt oder sich durch die Katzenklappe quetscht. Irgendwie haben sich in dieses „Süß“ dann weitere Üs eingeschlichen, so dass daraus ein langgestreckter Ruf geworden ist, der zwischen Kosewort und Nebelhorn changiert. Kein lieblicher Laut, aber meine Katze bezieht ihn auf sich und reagiert, wenn sie ihn hört, ihrerseits mit einem erfreuten kleinen Krächzen. Schon aus diesem Grund muss ich an dieser Gewohnheit festhalten, obwohl möglicherweise einiges für eine Abkehr spräche.

Zumindest konnte ich meinen Freund gut verstehen, als er kürzlich sagte: „Mir macht das ja nichts aus. Ich hoffe nur, dass Du nicht auch so trompetest, wenn andere dabei sind. Die denken sonst, du hast einen an der Marmel.“ Merke, Tierfreund: Don’t plapper Babysprache in the presence of strangers! Im digitalen Zeitalter sollte man diesem Gebot noch ein zweites hinzufügen: Unterlass es, im Internet nach Tiervideos zu suchen und diese an alle Freunden zu verschicken. Egal, wie rührend die Videos sein mögen, diese Angewohnheit hinterlässt auf Dauer einen unseriösen, sentimentalen Eindruck.

Was gibt es im Netz nicht alles Süßes zu finden! Der Themenbereich „Freundschaft unter Tieren“ scheint besonders ergiebig. Man kann Hündinnen beobachten, die Igelkinder säugen, Meerschweinchen, die auf einer Nilpferdschnauze schlafen, und Katzenbabies, deren Pfoten vom Rücken eines Hängebauchschweins baumeln ... Im Grunde scheint fast jede Kombination denkbar. Und lange Zeit habe ich gedacht, dass es sich bei solchen Tierfreundschaften um Einzelfälle handele – um Kuriositäten, um neurotische Irrwege, um fehlkonditionierte Tierseelen, die nicht wissen, wo die Grenze zwischen „wir“ und den „anderen“ verläuft.

Wobei ich mich sonderbarerweise nie gefragt habe, warum es fast allen Tieren möglich sein soll, mit uns, den großartigen Menschen, befreundet zu sein. Nur wenn unterschiedliche Tierarten untereinander Pfötchen hielten, hielt ich dies für potenziell fehlgeprägt.

Bis mir in den letzten Wochen endlich klar wurde, dass sich genau solch eine Freundschaft direkt vor meinen Augen abspielt. Und zwar die zwischen meinen Schafen und den beiden Gänsen. Die Schafe leben auf ihrer Weide und in einem großen Stall, und die Gänse haben ihr Nachtquartier in einem zweiten Grundstück, das an den Schafstall anschließt. Hier, direkt am Zaun zwischen beiden Territorien, verbringen die Gänse ihre Zeit am liebsten. Immer geht ihr Blick zum Schafstall, und oft genug stehen auch ein, zwei Schafe auf der anderen Seite, den Kopf leicht gesenkt. So schauen sie oft viertelstundenlang tief in die Augen.

Zuerst hielt ich es für Zufall. Dann für eine Zweckgemeinschaft – manchmal zwicken die Gänse die Schafe leicht in die Schnauze. Warum tun sie das? Falls Sie, lieber Leser, praktisch denken: nein, die Schafe haben keine Parasiten. Und glauben Sie mir, ich weiß gut genug, wie sich ein Gänsebiss anfühlt, um den Unterschied zu diesem sanften Schnäbeln zu sehen. Manchmal zerzausen die Gänse den Schafen das Fell, manchmal stehen beide Parteien nur da, mit den Blicken ineinander versunken. Sprechen sie? Ich sehe keine Bewegung, höre keine Geräusche. Himmeln die Gänse die Schafe vielleicht an – süüüß?

Mögen sie einander, fühlen sie sich einander verbunden? Doch wie kam das, und warum muss man so dicht beieinander stehen, nur von einem Zaun getrennt, die Köpfe zugewandt und auf Augenhöhe?

Das fiktive Raumschiff Enterprise verfügt über einen universellen Dolmetsch-Computer, der die Sprache jeder möglichen Lebensform in die einer beliebigen anderen überträgt. So etwas bräuchten wir auch auf Erden. Sofort würde ich mir so etwas bestellen. Dann wüsste ich endlich, wie es sich anfühlt, ein zärtlicher Ganter, ein bewundertes Schaf oder ein auf einem Nilpferd ruhendes Meerschweinchen oder eine im Schlaf kopfüber hängende Fledermaus zu sein.

Autor:  Hilal Sezgin
Datum:  3 | 1 | 2012
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