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Uraufführung "Tragödie des Teufels": Reservoir aussichtsloser Geschichten

Peter Eötvös' "Tragödie des Teufels" an der Bayerischen Staatsoper München uraufgeführt: Wieder ein Stück seiner feinsinnigen und speziellen Arbeit am Mythos. Das Publikum war angetan. Von Hans-Jürgen Linke

Georg Nigl als Lucifer in Peter Eötvös und Albert Ostermaiers Die Tragödie des Teufels in München.
Georg Nigl als Lucifer in Peter Eötvös und Albert Ostermaiers "Die Tragödie des Teufels" in München.
Foto: Wilfried Hösl

"Arch of Life" nennen Emilia und Ilya Kabakov die monumentale Installation, die, je nachdem, von welcher Seite betrachtet und benutzt, als halb verfallene Treppe mit Skulpturen, als angedeuteter Triumphtorbogen oder als Tunneleingang erscheint. Ein idealer Spielplatz für Peter Eötvös' "Tragödie des Teufels", einer jetzt in München uraufgeführten Auftragsarbeit der Bayerischen Staatsoper.

Die Inszenierung müsste sich sonst weltumspannend in der Wüste, in Rom, Bagdad, Athen und Phosphor City diffundieren und außerdem für Träume oder für das Dach der Welt Bilder finden. Und einen Ort für den unentbehrlichen Pakt am Anfang der virtuellen Reise: All das haben die Kabakovs auf vergleichsweise engem Raum zusammengezogen.

Die "Tragödie des Teufels" ist natürlich eine Tragödie des Menschen. Wie schrecklich sie verläuft, wird aber erst aus der Perspektive des Teufels, der Lucifer heißt, klar. Wie üblich wollte der eigentlich nur Gott wieder einmal demonstrieren, welche Macht das Böse über die Menschen hat. Aber es zeigt sich, dass Gott nirgendwo mehr ist, wenn er denn überhaupt je irgendwo war, und dass Adam, der Mensch, so viel gelernt hat, dass er den Teufel überflüssig macht.

Eva mit ihrer Apfelgeschichte und ihrem Liebesgewinsel hilft ihm dabei, Lilith alias Lucy (offenbar also eine Verwandte Lucifers) übernimmt schließlich das Kommando, und man hat allen Grund, den Geschlechtern, die Adam und sie gemeinsam zeugen werden (oder, da die Geschichte in mythischer Universalzeit spielt, schon gezeugt haben), mit einigem Misstrauen zu begegnen.

Albert Ostermaier hat auf der Basis der "Tragödie des Menschen" des ungarischen Dichters Imre Madách ein Libretto erarbeitet, das diesen faustischen Stoff in eine virtuelle Welt transformiert und sich dazu unbekümmert in den modernen Supermarktregalen der Mythologien bedient: Es ist ein buntes, hierarchie- und ehrfurchtsfreies Gewimmel aus christlichen, antiken, germanischen und vermutlich balkanesischen Motiven, in dem das Pathos des Erzählens vom willkürlichen Collagen-Humor konterkariert, aber nicht destruiert wird.

Es geht weniger darum, Mythen noch einmal hervorzukramen und zu variieren, sondern ihre Geschichten zeitgemäß zu Ende zu bringen. Balász Kovaliks Inszenierung greift den zitierenden Gestus des Librettos stilsicher auf und entwirft eine Szenerie, die vielfach an zeitgenössische postromantische Science-Fiction-Welten erinnert, mit lackglänzenden Rüstungen (Kostüme: Amélie Haas) und stabilen Seifenblasen mit Menschenkörpern drinnen und Gothic-Atmosphäre und Motorrad auf der Jakobsleiter.

Das Ende läuft darauf hinaus, dass der Mensch ganz auf sich gestellt herumsteht, weit und breit kein Gott, der helfen könnte, weit und breit kein Teufel, den er verantwortlich machen könnte, mit einem riesigen Reservoir aussichtsloser Geschichten, das ihm im Nacken sitzt. Peter Eötvös' Musik vermittelt eher den Eindruck eines Klangraumes als den einer herkömmlichen Opernmusik. Es geht kaum um die Parameter des Melodischen und Harmonischen, es geht um Rhyhtmus, Klang und Energie.

Das Orchester der Bayerischen Staatsoper ist zweigeteilt (Leitung:Peter Eötvös, Christopher Ward), im Graben sitzt eine beträchtliche Perkussions- und Bläserabteilung, der Rest erhöht und vom Geschehen abgeteilt auf der Hinterbühne, so dass die Musik im gesamten Bühnenraum geschieht und damit zugleich ubiquitär und auf raumfüllende Weise unauffällig ist. So, wie Eötvös komponiert, ist die Musik Teil des räumlich-dramatischen Geschehens. Das gleiche gilt für die Gesangsstimmen, deren Melodik eng und expressiv auf die Satzmelodien geschneidert ist, sich zuweilen in Sprechgesang auflöst und immer den dramatischen Weg wählt.

Weniger sängerische Virtuosität ist gefordert als perfekt beherrschte, dramatisch akzentuierte Stimmtechniken und präzises rhythmisches Timing. Dazu eine schauspielerische Beweglichkeit durch die ironischen und plakativen und pathetischen Wege des Librettos. In jeder dieser Disziplinen sind die Hauptpartien mit Cora Burggraf als Eva, Ursula Hesse von den Steinen als Lucy, Topi Lehtipuu als heldentenoraler Adam und Georg Nigl als Lucifer ausgezeichnet besetzt. Alle spielen nicht nur die comic- und karikaturhaften Aspekte ihrer Figuren souverän aus, sondern sind auch in der Lage, die Entwicklung, die sie im Laufe der gemeinsamen Tragödie durchmachen und die sie alle auf je eigene Weise verletzlicher macht, nachvollziehbar darzustellen.

Das Münchner Premierenpublikum war von Solisten, Inszenierung und versammelter Autorenschaft sehr angetan. Und Peter Eötvös hat wieder ein Stück seiner feinsinnigen und recht speziellen Arbeit am Mythos geliefert, in der er ohne Eifer, ohne Zorn und mit ironischer und enorm innovativer kompositorischer Intelligenz der Frage nachgeht, warum eigentlich außerhalb der Oper, alles so schrecklich schief läuft: Adam und seine Nachkommen machen das alles selbst.

Bayerische Staatsoper München: 25., 28. Februar, 6., 9., 12. März. www.staatsoper.de

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  23 | 2 | 2010
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