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16. Januar 2013

Urbane Legenden: Kommt ein Hund ins China-Restaurant...

 Von Frederik Bombosch
Wie ein Märchen haben oft auch Wandersagen oder "Urbane Legenden" eine Moral. Sie verbreiten sich wie Lauffeuer und werden im Gegensatz zu den Märchen oft für wahr gehalten. Foto: dpa

Wandersagen, auch Urbane Legenden genannt, hat Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich gesammelt und in Büchern aufgeschrieben. Lustig und heiter diese Geschichten und entsetzlich für den, der eine von ihnen kannte und für wahr gehalten hat.

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Die folgende Geschichte ist wirklich passiert. Das weiß ich von meiner Freundin. Sie weiß nicht mehr genau, woher sie die Geschichte kennt, aber in Koblenz, da kommt sie her, kennt sie jeder. Leider lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, wann sie spielt und wer der Protagonist ist, aber jedenfalls geht sie so: Schriftliche Abiturprüfung in Deutsch an einem Koblenzer Gymnasium. Die Schüler sollen einen Aufsatz schreiben zum Thema: „Was ist Mut?“ Sie haben fünf Stunden Zeit. Ein Schüler gibt sein Blatt schon nach zwei Minuten ab. Darauf hat er geschrieben: „DAS ist Mut.“ Vom ersten Korrektor kriegt er 15 Punkte. Vom zweiten 0.

Die Geschichte ist so gut, dass es sie in unzähligen Versionen gibt. Sie spielt wahlweise in Passau oder in Paderborn, in Heilbronn oder in Husum, in Kamenz oder eben in Koblenz. Und überall ist sie wirklich passiert. Der anonyme Held hat offenbar in den Prüfungssälen der ganzen Republik gesessen.

Wir lernen: Die Brüder Grimm mögen vor 200 Jahren einige der schönsten Legenden, Überlieferungen, Sagen und Märchen auf Papier gebannt haben, so dass nicht mehr darn zu rütteln ist. Aber das hat nichts daran geändert, dass landauf, landab getratscht und fabuliert wird wie eh und je.

Nett wegzulesende Geschichten

„Urbane Legenden“ wird das Genre häufig genannt, viel schöner ist aber der Begriff Wandersage. Der Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich hat sich in den 1990er-Jahren das Vergnügen bereitet, diese Geschichten zu sammeln, zu ordnen und in Buchform herauszugeben. Mehrere lustige Bändchen sind dabei herausgekommen, die sich nett weglesen, aber auch einige Ernüchterungen bereithalten. Denn neben allerlei Spuk und Hokuspokus stößt man auf Geschichten, die man längst kennt, für wirklich gehalten und selbst weitererzählt hat.

Die folgende hat mir zum Beispiel mein Vater erzählt. Ich war noch sehr klein, und er kam von einer Reise nach China zurück, und dort hat er sie von einem Kollegen gehört, so habe ich mir das jedenfalls gemerkt. Jedenfalls war dieser Kollege mit einem deutschen Paar in Peking befreundet, das dort eines Tages mit seinem Hund ein Restaurant besuchte. Die Deutschen verstanden den Kellner nicht, er verstand sie nicht, also kommunizierten sie irgendwie mit Händen und Füßen. Nachdem sie bestellt hatten, zeigten sie auf ihren Hund und gaben zu verstehen, dass auch er etwas zu essen und trinken bekommen möge. Der Kellner lächelte und nahm den Hund mit in die Küche. Einige Zeit später kam das Essen. Die Deutschen genossen es sehr. Als sie fertig waren, fragten sie sich, wo denn ihr Hund abgeblieben sei. Da stellten sie fest: Sie hatten ihn verspeist, der Kellner hatte ihren Wunsch falsch verstanden.

Ich habe mich als Kind königlich über diese Anekdote amüsiert, habe sie an der Grundschule weitererzählt, später am Gymnasium, und sogar an meine Studienfreunde habe ich sie noch weitergegeben. „Freunden von einem Kollegen von meinem Vater“, habe ich gesagt, „ist mal was Unglaubliches passiert.“

Jetzt weiß ich: Unter Wandersagen-Fachleuten heißt die Geschichte nur „Der Hund im China-Restaurant“, und die Handlung lässt sich problemlos auch nach Detmold oder Paris verlegen.

Das gute Ende bleibt auf der Strecke

Einige Zutaten klassischer Märchen gehen heutigen Wandersagen ab. Sprechende Fische und Wölfe, zaubernde Hexen und Gnome, vom Himmel regnende Goldtaler, davon redet heute kein Mensch mehr. Man kann darauf verzichten, immerhin hält die moderne Welt Unerhörtheiten bereit wie die Fernwärme, die minimalinvasive Implantologie oder Smartphones, die Sternbilder erkennen können.

Viel rätselhafter ist, warum in fast allen Wandersagen das gute Ende auf der Strecke geblieben ist. Immerzu geht es um Mysterien, Mord und Missgeschicke. Warum wird nicht der Abiturient kurzerhand zum Oberstudienrat erklärt? Warum kann denn nicht der Hund plötzlich im Bauch seiner Herrchen zu kläffen beginnen, woraufhin ein herbeigeeilter Arzt sie eilends aufschneidet und den Wauwi rettet? Warum nicht so: Und wenn sie bei dem Eingriff nicht gestorben sind, gingen sie zwar hungrig, aber wohlbehalten, nach Hause und leben noch heute als glückliche Vegetarier.

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