Vadim Glowna war ein Getriebener, im Leben wie im Kino. Wenn man sich oft fragte, wie er als Schauspieler auch unscheinbaren Filmfiguren zu so außergewöhnlicher Intensität und Eindringlichkeit verhalf, dann war das wohl die Sehnsucht, die ihn selber trieb: eine Zärtlichkeit, die auch bei Rückschlägen nicht verstummte. Und die auch im Aussichtslosen noch auf Gegenliebe hoffte. Sie blitzte fast unentwegt aus seinen verschmitzten blauen Augen.
Seine sichtbare Lebensverbundenheit machte ihn zu einem der gefragtesten Charakterdarsteller, nicht nur im deutschen Kino. Noch im vergangenen Herbst gehörte er zu den Stars des international produzierten Fernseh-Sechsteilers „Borgia“. Da sah man ihn als konfliktfreudigen portugiesischen Kardinal Jorge da Costa. Auch eine seiner besten Rollen im Jungen Deutschen Film war die eines Geistlichen gewesen: In Edgar Reitz’ „Der Schneider von Ulm“ spielt er den Jakobiner Fellen als christlichen Fanatiker. Tatsächlich hatte Glowna ursprünglich selbst Theologie studieren wollen, bekam dann aber gar nicht erst das Abitur, weil er sich mit seinem Internatslehrer angelegt hatte.
Schon im Alter von acht Monaten hatte er freilich unfreiwillig den Grundstein zu seiner Schauspielerkarriere gelegt: Im Jahr 1942 sah man ihn, fotografiert in opulentem Agfacolor, als Baby in Veit Harlans Melodram „Immensee“. Nach der Schule zog er dann erst einmal für ein Jahr durch Frankreich, verdingte sich als Eintänzer, und noch als ihn Gustav Gründgens ans Hamburger Schauspielhaus geholt hatte, verdiente er sich ein nächtliches Zubrot als Hotelpage. 1967 veränderte dann ein kleiner, frischer deutscher Liebesfilm sein Leben: An der Seite von Vera Tschechowa spielte er in „Liebe und so weiter“ von George Moorse. Mehr als zwanzig Ehejahre folgten – und auch danach blieb das Paar sich in enger Freundschaft verbunden.
An der Seite Romy Schneiders spielte Glowna 1977 in „Gruppenbild mit Dame“ und drei Jahre später in Bertrand Taverniers prophetischem Medien-Thriller „Der gekaufte Tod“. Um dieselbe Zeit wechselte er auch ins Regiefach. Obwohl sein bemerkenswertes Debüt „Desperado City“, das von der intimen Kenntnis des Milieus von St. Pauli lebt, 1981 in Cannes eine Goldene Kamera erhielt, ist es heute fast vergessen: Als Regisseur blieb Glowna ein Einzelgänger ohne Lobby.
Manchmal schienen die Filme des Kosmopoliten zu international fürs Neue Deutsche Kino, mal zu individualistisch oder einfach – wie er selbst – zu unangepasst. Doch Glowna ließ sich von der Verwirklichung seiner Kinoträume nicht abhalten – bis zu seiner wenig geliebten erotischen Fantasie „Das Haus der schlafenden Schönen“ (2006). Vielleicht merkt die deutsche Kinoszene erst jetzt, was sie an diesem Filmemacher hatte.
Noch im vergangenen November konnte man ihn quicklebendig in einer Talkshow des ZDF-Frühstücksfernsehens erleben, und der Rat, den er dort seinen jungen Kollegen gab, war seine eigene Maxime. „Erst mal leben. Und sich aufs Erleben einlassen.“ Am Dienstag ist Vadim Glowna nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Berlin gestorben.
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