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18. Februar 2016

Venezuela: Typische "Eroberungshandlungen"

 Von 
Eines der Chávez-Bilder wird gerade aus dem Parlamentsgebäude in Caracas entfernt.  Foto: AFP

Die Porträts des venezolanischen Ex-Präsidenten und verloschenen Leitsterns der Linken Hugo Chávez werden abgehängt. Denn jetzt hat die Rechte die Präsidentschaft inne.

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Das sind die typischen Kriegs- und Eroberungshandlungen“, wettert der regierungsnahe venezolanische Historiker Pedro Calzadilla, „der Eroberer greift die Symbole des Volkes an, um es zu unterwerfen und seine Herrschaft zu festigen“. Sicher ein großes Wort für ein paar abgehängte Bilder. Aber andererseits ist es zweifellos nicht nur eine Frage der Raumdekoration, wenn die Rechte, die nun in Argentinien die Präsidentschaft und in Venezuela die Parlamentsmehrheit innehat, Bilder abhängen lässt.

Natürlich nicht irgendwelche, und nicht irgendwo: Um Porträts von Hugo Chávez geht es, dem 2013 verloschenen Leitstern der lateinamerikanischen Linken. Cristina Kirchner, die Vorgängerin des rechten Mauricio Macri, hatte eine Halle des Amtssitzes in eine Art Walhalla linker Polit- Prominenz verwandelt. Die Casa Rosada gleiche eher einem Museum als einem Büro, argumentierte Nachfolger Macri eher funktional als politisch. Die kirchneristische Linke schrie trotzdem auf.

Noch größer war die Empörung in Caracas, als der oppositionelle Parlamentspräsident Henry Ramos das fast raumhohe Porträt von Hugo Chávez aus dem Plenum entfernen ließ. Zumal Kameras dabei waren, als Ramos knurrend Anweisung gab, „den ganzen Mist nach Miraflores“ – dem Präsidentenpalast – zu bringen oder gerne auch „gleich auf den Müll“ zu werfen. Präsident Maduro, der Chávez-Nachfolger, war sofort mit dem Vorwurf Faschismus bei der Hand.

Man wird den Spieß wohl umdrehen müssen. Den Chef der Exekutive ausgerechnet im Parlament überlebensgroß darzustellen, wie das die Chavisten taten, als sie noch die Mehrheit hatten: Genau das war die Eroberungshandlung – das war eine ikonografische Kriegserklärung an die Gewaltenteilung. Aufschrei hin, Aufschrei her, Ramos hat nur der demokratischen Normalität zu ihrem Recht verholfen.

Macht hat, wer über die Bilder gebietet. Chávez hat sich zu Lebzeiten des bekannten Arsenals der Massenbeeinflussung bedient, und er hat es geschickt auf Bereiche jenseits der Bilder ausgedehnt: Auf die Sprache, die Lieder, die Folklore, die Religion – auf die Kommunikation mit dem Volk, das sich in ihm erkennen sollte.

Aber bei allem Kult um seine Person, den klassischen Personenkult lehnte er ab, vielleicht weil sein Vorbild Fidel Castro ihm das so vorgemacht hat. Erst nach seinem Tod 2013 begann der Chávez-Kult die wildesten Blüten zu treiben. Der ohnehin mystisch angehauchte Nachfolger rückte den Vorgänger in die Nähe des lieben Gottes, und die Gläubigen sagten Ja und Amen dazu. Buchstäblich: Selbst ein auf Chávez umgedichtetes Vaterunser begann zu kursieren, zum Zorn der Bischöfe.

Dass eine bestimmte politische Richtung den Staat ikonografisch okkupieren will, dafür gibt es Beispiele im Überfluss. In Europa ist das heute verfemt, eine Lehre, die aus totalitärer Vergangenheit gezogen wurde. Aber Amerika mit seinen präsidentiellen Regierungssystemen ist immer noch, immer wieder anfällig dafür. Das Verfassungsrecht mag dazu verleiten: Das Staatsoberhaupt ist Regierungschef und Oberbefehlshaber der Truppe. Eine Machtfülle, die, auch wenn die Verfassung ein starkes Parlament und eine unabhängige Gerichtsbarkeit dagegen setzt, stets die Verführung des „personalismo“ in sich birgt.

In Venezuela sei der Personalismus eine Konstante der Geschichte, schreibt der Historiker Elías Pino Iturrieta. Das Phänomen wurzle in der Kolonisierung, die, gefördert durch Krone und Kirche, eine Gesellschaftsordnung mit paternalistisch-aristokratischen Zügen hervorgebracht habe. Mit subtiler Lust an der Provokation zieht Iturrieta als Beleg ausgerechnet Simón Bolívar heran, den Befreier Venezuelas und halb Südamerikas vom spanischen Kolonialismus.

Bolívar war die reinste Verkörperung der Aristokratie von Caracas: Gebildet, angesehen und steinreich – der Befreier besaß Landgüter, Bergwerke und Sklaven. Aus seinem faszinierend widersprüchlichen Leben konnten sich nachfolgende Politiker jeder, aber auch jeder Couleur nach Belieben bedienen – Bolívar, 1830 politisch gescheitert und arm wie eine Kirchenmaus gestorben, muss seitdem für Rechte wie für Linke als historische Legitimationsfigur herhalten.

Und Chávez trieb es am tollsten. Bolívars Bild in der Geschichte so zu übermalen, dass er den Frühsozialisten abgab, allein das war schon ein starkes Stück. Später ging Chávez noch weiter und vergriff sich am physischen Bild des Befreiers. Angeblich aufgrund von DNA-Analysen wurde ein Antlitz Bolívars rekonstruiert, das der Regierungsapparat millionenfach verbreiten ließ. Damit waren nicht nur der Staat und die Nation, sondern auch die Geschichte und ihr Held ikonografisch vom Chavismus okkupiert. Logisch, dass Parlamentspräsident Ramos auch diesen Bolívar entfernen ließ und stattdessen ein unanfechtbares Porträt aufhängen ließ: Eines, das Bolívar noch selbst gesehen und als das ihm ähnlichste gebilligt hatte.

Heute ist er uns Europäern selbstverständlich, dieser Begriff des Amtes, der im ausgehenden Mittelalter bei uns um sich griff. Den Zeitgenossen damals muss er jedoch als eine ungeheuer abstrakte Konstruktion vorgekommen sein: Dass einem Mächtigen nur kraft seines Amtes Macht zukomme. Dass dieser Mächtige Macht also missbraucht, wenn deren Ausübung nicht durch Amt und Auftrag gedeckt ist. Dieses vordemokratische Konstrukt perfektionierte sich später, als nicht mehr der liebe Gott, sondern das Volk für die Legitimation der Macht zuständig wurde, also in bürgerlich-demokratischen Epochen.

In Lateinamerika hat es der Amtsgedanke immer schwerer gehabt. Vor 200 Jahren lösten sich die Kolonien von Spanien, die örtliche Aristokratie ergriff die Macht – hinter diesen zwei Sätzen stecken fürchterliche Jahrzehnte von Krieg und Kampf, von Tod und Gewalt, von Verwüstung und verbrannter Erde. Die Aristokratie und die Heerführer, das war die Schicht, die auf Jahrzehnte hinaus die Politikerkaste gebar.

Bürgerliche Revolutionen wie in Europa blieben aus. Technik, Wissenschaft, Industrie kamen bei ihrem Siegeszug nicht durch Lateinamerika. Ein Industrieproletariat entstand nur spät und nur punktuell, ebenso wie ein modernes Bürgertum. Die entsprechenden Ideologien, die in Europa den geistigen Fundus für Parteiengründungen bildeten, wurden zwar in Lateinamerika zur Kenntnis genommen, aber eher als Importe denn als Eigenes.

Parteien mit einem richtigen Programm muss man bis heute in Lateinamerika mit der Lupe suchen. An Parteien, die der Personalismus gebar, herrscht dagegen kein Mangel. Und daran ändert sich auch erstmal nichts, wenn Bilder abgehängt werden. Zum Beispiel Macri: Die Partei, die hinter ihm steht, besteht aus kaum mehr als einem Grund – Macri an die Macht zu bringen.

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