Sie ist elf Zentimeter groß und 25 000 Jahre alt. Eine Frauenstatuette aus Oolith, einem Kalkstein, der aus kleinen Kalkkügelchen zusammengesetzt ist. Diese Kügelchen ähneln Fischeiern - griechisch oon: Ei - daher der Name. Er passt freilich auch sehr gut auf die Frau mit dem dicken Bauch, den großen Brüsten und dem gewaltig überdimensionierten Hintern. Sie scheint die gesichts- und fußlose paläolithische Inkarnation der Fruchtbarkeit.
Wer sie sich allerdings näher ansieht, dem kommen Zweifel an dieser Erklärung ihrer Körperfülle. Die Dame scheint die Jahre der Fruchtbarkeit längst hinter sich zu haben. Aber vielleicht ist es ja ganz falsch, realistisch zu argumentieren. Die massive Körperlichkeit der kleinen Figur, die Fürsorglichkeit, mit der ihr über Jahrzehnte, man ist versucht zu sagen über Jahrzehntausende, angelagerter Hüftspeck aus dem Stein geschlagen wurde, lässt einen glauben, es mit einem Abbild zu tun zu haben. Dabei handelt es sich doch wahrscheinlich eher um ein Sinnbild. Dann allerdings könnte eine Göttin der Fruchtbarkeit durchaus auch eine Matrone sein.
Die Forschung streitet über Charakter und Funktion dieser und einer Reihe anderer in der Ausstellung zu sehender ähnlicher Figuren. Die einen sehen sie als Stammmütter einer matrilinearen Gesellschaft, andere betrachten sie als Hausidole, als Herrinnen der Tiere, als Göttinnen. Die Idee, es handele sich um eine Darstellung der Großen Mutter, die sich nach dem Fund am 7. August 1908 bald aufdrängte, wird in der heutigen Forschung eher skeptisch betrachtet. Man will die Große Mutter ausschließlich dem Ackerbau, also der Jungsteinzeit, zuordnen. Dafür aber ist die Venus von Willendorf Jahrtausende zu alt.
Die Wissenschaft weiß nichts Genaues. Das wird dem Besucher nicht vorenthalten sondern klargemacht. Er setzt sich auseinander mit den verschiedenen Erklärungen, wird eine Art Schiedsrichter auf einem Gebiet, dessen Regeln er nicht kennt. Das macht ihm eine Weile Spaß, aber so reizvoll das Abwägen verschiedener Hypothesen sein mag, es ist auch ermüdend; und so ist es gut, dass die Ausstellung nicht allein auf das Figürchen einer dicken Frau setzt, sondern eine steinzeitliche Höhle nachbildet, in der das kindlich gebliebene Auge des Besuchers sich hineinträumen kann in eine fremde Welt, gleichzeitig aber ihm die Positionen der Fundstücke so klar gemacht werden, dass es seinen Traum, indem es ihn durch die realen Relikte korrigiert, für die Realität selber halten kann.
Wer als Kind ethnologische Lexika seiner Eltern und Urgroßeltern durchstöberte, der wird das Wort Steatopygie in Erinnerung behalten haben. Das war der Terminus technicus für die bei den Hottentotten beliebte Fettsteißigkeit der Frauen. Die Venus von Willendorf, das entging den Archäologen um 1900 nicht, entspricht diesem Ideal. Dass die älteste Abbildung einer Niederösterreicherin einem "Negerideal" entsprach, war den Herren Professoren unangenehm. Auch hier rettete sie der Fortschrittsgedanke. Die Niederösterreicherin hatte die letzten 25000 Jahre an ihrem Erscheinungsbild gearbeitet und sich über den barbarischen Stand der Venus von Willendorf hinausentwickelt. Während die im Süden Afrikas versteckt lebenden Hottentotten den Fortschritt und die mit ihm verbundene ästhetische Evolution des Frauenleibes verschlafen hatten. Der einmal eingeübte rassistische Blick erkennt noch im Entferntesten das vertraut Verfemte.
Man wird die Tiraden über die Hässlichkeit und Vulgarität der kleinen Figur vielleicht nicht besser verstehen, aber doch besser einordnen können, wenn man sich daran erinnert, wie die Frauen aussahen, an denen die pornographische Lust der Epoche um 1900 sich entfaltete. Es sind genügend damals unter der Hand vertriebene Postkarten erhalten, die einen an der so beredt vorgetragenen Abscheu gegenüber der Venus von Willendorf zweifeln lassen. Für steatopygische Extravaganzen scheint auch nach 25 000 vor Christi Geburt noch einige Nachfrage bestanden zu haben. Jedenfalls haben die weiblichen Gesäße auf den einschlägigen Ansichtskarten mehr Ähnlichkeit mit dem der Venus von Willendorf als mit dem von Heidi Klum.
Die Ausstellung informiert nicht nur über den Fundort und die Fabrikation des Figürchens, über die Vor- und Frühgeschichte des niederösterreichischen Raumes und den alt- und jungsteinzeitlichen Verkehr mit Frankreich, Spanien und Sibirien, sondern sie informiert auch über die Karriere der Willendorferin nach ihrer Auffindung. Sie wurde schon bald ein Medienstar. Sicher hat dabei eine Rolle gespielt, dass dieses Figürchen den Gedanken nahelegt, es sei ein Kultbild gewesen, es habe also einen Kult des weiblichen Fettes gegeben.
Eine Neigung, die um 1900 wie heute eher als etwas abartig belächelt wird, während sie damals - so die Hoffnung, die Vermutung der Fans - herrschende Lehre gewesen zu sein schien. Als im August vergangenen Jahres die Ausstellung in Wien eröffnet wurde, waren überall in der Stadt Plakate zu sehen mit riesigen Abbildungen der Venus von Willendorf. Es war eine ästhetische Revolution, eine schreiende Herausforderung der politisch korrekten Ästhetik.
Genau dazu ist Geschichte da. Sie erinnert uns daran, dass das, was ist, auch ganz anders sein könnte. Die Beschäftigung mit der Geschichte reißt uns aus der Selbstverständlichkeit unserer Gegenwart. Einer der schönsten Sätze von Alexander Kluge lautet: "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit." Diesem Angriff zu begegnen, ihn scheitern zu lassen, uns den eigenen Kopf nicht nehmen zu lassen von den Vorurteilen unseres Zeitalters, dafür beschäftigen wir uns mit Geschichte. Dass es dabei nicht nur um den Kopf, sondern auch um niedrigere Sinne geht, das wird uns klar angesichts der Venus von Willendorf.
Naturhistorisches Museum Wien: bis 1. Februar. www.venus08.at/
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