Unter den Opern Verdis ist diese gewiss die dunkelste. Schon im Prolog herrscht, kaum ist die terzenselige E-Dur-Pastorale verklungen, schauderhafte Finsternis. Nichts als grabestiefe, von Mollwolken verhangene Männerstimmen wandeln auf dem von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin verlegten bleiern schweren Klangteppich; gewissermaßen chromatisch gelistet: Paolos Komplottvorschlag in e-Moll, Simons Erzählung vom Verschwinden seiner Tocher in f-Moll, Fiescos Totenklage in fis-Moll.
Man geht kaum zu weit, wenn man das Prinzip Hoffnung hier nicht vermutet. Zumal wenn man weiß, dass selbst Tonarten wie Es-Dur und As-Dur, die zwischendurch durchaus aufscheinen, in dieser Oper irgendwie tragisch klingen. Tragisch und trostlos.
Staatsoper Berlin: 27., 30. Oktober, 7., 10., 13. November.
Doch nicht das trüb-verschattete Kolorit der Musik entfachte anno 1857, bei der Uraufführung von Verdis "Simon Boccanegra", den Zorn des Publikums. Was großes Missfallen erregte, war das Libretto Francesco Maria Piaves, bestach es doch vor allem durch eines: dramaturgische Löchrigkeit. Arrigo Boito urteilte folgerichtig, der Text sei "wie ein Tisch, der wackelt, man weiß nicht, auf welchem Bein".
Da der Komponist dies - nach der feindseligen Aufnahme dazu auch genötigt - einsah, wurde der Tisch begradigt, Boito als zweiter Dichter hinzugezogen und das revidierte Werk 1881 erneut dem Publikum vorgesetzt.
Gleichviel: Ein Unbehagen bleibt. Zu vieles ist aus dem Drama des Antonio Garcia Gutiérrez, der schon für Verdis "Trovatore" die dichterische Vorlage geliefert hatte, hinausgeschnitten. Handlungsstränge, die notwendig wären, um Motivationen der Protagonisten zu erklären, wurden gekappt, historisch notwendige Hindergründe fielen dem Rotstift zum Opfer.
Insbesondere die Figuren des Paolo und des Gabriele Adorno weisen signifikante psychologische Unebenheiten auf, die auch in der Musik nicht geglättet werden können. So, wie die Oper "Simon Boccanegra" vor uns steht, erscheint sie wie ein Torso, in dessen Körper nur eines eingeschrieben steht: die Macht des Schicksals.
Wohlan, dachte sich wohl der italienische Regisseur Federico Tiezzi, dann machen wir das mal so. Spielen das Stück als schwer wiegendes Historiendrama. Und weil diese düstere Epoche, die auch noch im 14. Jahrhundert düster war, so gut passt zu jenem vermaledeiten Schicksalsschwert, das über allen und allem hängt, wird das Ganze geschichtlich korrekt nachgestellt. Dickes Gemäuer ragt empor bis zum Schnürboden (Bühnenbild: Maurizio Balo), schwere, prächtige Gewänder fallen prächtig und schwer herab bis auf die Zehenspitzen der Sängerdarsteller (Kostüme: Giovanna Buzzi), und immer ist einer da, der bedeutsam und/oder verzweifelt und/oder düster in die Gegend schaut.
Besonder düster schaut Hanno Müller-Brachmann. Er ist der (vokal virile) Verschwörer Paolo, der am Ende zur Hinrichtung geführt wird. Fast so düster wie er schaut Alexander Vinogradow, sein Helfershelfer Pietro; stimmlich ein solider Kompagnon. Der Welten Undank auf seinen Schultern trägt Kwangchul Youns Fiesco, derart abgrundtief blickt er in den Saal und ist sein Bass; der Welten Ungerechtigkeit wiederum hat Fabio Sartori als Gabriele in seine tenoral schmachtenden Kehle verfrachtet.
Was aber echte, wirkliche Tragik ist, das erst erfahren wir durch Plácido Domingo in der Titelfigur. Jeder Fingerzeig ist bei ihm ein Wink des Schicksals, ein Götterbeweis; jede Geste eine, die die Welt einstürzen lassen könnte. Und jeder Ton ein schmerzensreicher.
Fast vergisst man den Abend über, dass Domingo eigentlich Tenor ist: so dunkel und so ballast- reich ist seine Stimme und so brüchig in der Höhe mitunter. Aber zugleich ist es eine Stimme, die den Abend rettet. Weil sie das, was sie singt, beglaubigt und nicht nur vorgibt, diese Beglaubigung bereits zu sein. Natürlich ist Domingo ein Darsteller der alten Schule: Er will die Wirkung des Tragischen, er fordert diese quasi ein. Damit aber entfernt er sich von den Vorgaben der Regie, die statisches Verharren in ein und derselben Position (der Seele, des Geistes, des Körpers) verlangt. Domingo bewegt sich heraus aus dieser Starre. Er gibt den großen Herzensöffner.
An seiner Seite eine Sängerin, die Großes leistet: Anja Harteros als Maria Boccanegra (alias Amelia Grimaldi). Zwar liegt die Tessitura ihrer Partie verglichen mit anderen Sopran-Rollen Verdis relativ günstig. Aber sie erfordert großes Stehvermögen, einen langen Atem, das Gefühl dafür, wie man weite Linien spannt. Anja Harteros besitzt all dies und noch ein bisschen mehr: Aura nämlich, den Hauch des Abgründigen, ein Geheimnis. Und sie passt mit ihrem dunklen, fülligen, warmen Timbre wunderbar in dieses Stück.
Bleibt noch die Frage: Ist das Schicksal träge? Fließt es langsam hinab in den Hades? Daniel Barenboims Antwort ist eindeutig. Flink sind im Orchestergraben nur die in Achteln tippelnden Schritte der Verschwörer. Ansonsten verstreicht die Zeit sattelschlepperschwer. Das Erstaunliche daran: Man genießt es. Und sinkt mitten hinein in diese Weltzeitfermate.
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