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19. Februar 2016

Verdun: Der Tod des Kriegers

 Von 
Französische Soldaten in der „Todesschlucht“ von Fort de Vaux bei Verdun.  Foto: REUTERS

Am 21. Februar vor einhundert Jahren begann um den französischen Ort Verdun eine Materialschlacht, die 300 000 Menschen das Leben kostete.

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Die Schlacht um Verdun begann am 21. Februar 1916 um kurz nach 7 Uhr mit einem Angriff der deutschen fünften Armee auf das rechte Ufer der Maas. Man kann darüber streiten, wann die Schlacht endete. Man hat sich darauf geeinigt, dass das am 19. Dezember 1916 geschehen sein soll. Der Frontverlauf war zu diesem Zeitpunkt fast wieder identisch mit dem am Tag des Angriffs. In den Monaten während dieser Zeit war es immer wieder zu kleinen Verschiebungen – mal in die eine, mal in die andere Richtung – gekommen. Es war die längste Schlacht des Ersten Weltkrieges. Sie fand auf einer Fläche von etwa 80 Quadratkilometern statt. 300 000 Soldaten kamen ums Leben, weitere 400 000 wurden verwundet, gefangengenommen oder blieben „vermisst“.

Verdun wurde zum Sinnbild des Krieges: Hunderttausende Tote, zerstörte Landschaften, Schützengräben, Giftgas und nirgendwo ein Sieger. Verdun war das Ende des Kriegers. Es ging nicht mehr um Kampfgeist und Heldentum. Es ging darum, bereit zu sein, sich abschlachten zu lassen.

Um Verdun kämpften ausschließlich Franzosen und Deutsche. Die deutschen Truppen kamen aus bestimmten Gegenden. So wurde in manchen Orten Deutschlands „Verdun“ damals zum Synonym für „gefallen“. Es gibt dort noch immer Dorfkirchen, in denen die Totenkränze hängen mit einem Band, auf dem steht „Für das Vaterland gefallen vor Verdun“.

Marschall Pétain dagegen verteidigte das Gebiet um Verdun nach dem Paternosterprinzip. Die unterschiedlichsten Truppen waren jeweils nur kurz in der Schlacht, wurden schnell wieder von neuen aus ganz anderen Gegenden Frankreichs ersetzt. Das senkte zwar nicht die Verluste, es sorgte aber dafür, dass Verdun weniger zu einem Symbol des Todes als vielmehr des erfolgreichen Widerstandes gegen einen deutschen Angriff wurde. Obwohl natürlich niemandem entging, dass man zum Abtransport der Truppen nur halb so viel LKWs brauchte, wie man benötigt hatte, um Männer an die Front zu bringen.

Ein Blick auf einen Eingang des Fort de Douaumont.  Foto: rtr

Die Schlacht um Verdun wurde geführt, da war der damalige Chef des deutschen Generalstabs, Erich von Falkenhayn, längst der Auffassung, dass der Krieg für Deutschland und Österreich militärisch nicht mehr zu gewinnen war. Seit im April 1915 die zweite Ypernschlacht – trotz des Einsatzes von Giftgas – nicht hatte gewonnen werden können, sah Falkenhayn keine Chance mehr für schnelle Siege. Er führte einen Krieg, bei dem es nicht um den militärischen Sieg ging, sondern um die Verbesserung politischer Verhandlungspositionen.

Die Materialschlacht war in Angriff genommen. Das Ziel war nicht mehr, Terrain vom Feind zu erobern, sondern möglichst viele Gegner zu töten. Die Hoffnung, die andere Seite würde ermattet aufgeben, wurde – jedenfalls an der Westfront – zur ultima ratio aller Strategie.
Herfried Münkler schreibt in „Der Große Krieg“: „Es hätte sicherlich Mut dazu gehört, in dieser Situation offen einzugestehen, dass alle Leiden vergeblich gewesen waren. Unter den führenden Akteuren – und das betrifft nicht nur die Verantwortlichen in Berlin, sondern auch die Regierungen der anderen Länder Europas – hat sich keiner gefunden, der dazu bereit gewesen wäre. Der Krieg wurde somit auch darum weitergeführt, weil sich die Politiker vor Auseinandersetzungen im Innern fürchteten.“

Die „patriotische“ Stimmung, deren Entstehung die Regierungen so befeuert hatten, stand einer vernünftigen Lösung des Konflikts spätestens seit Mitte 1915 im Weg. Auch für diese (selbst)mörderische Konstellation steht „Verdun“. Thomas Mann, der den Krieg freudig begrüßt hatte, schrieb schon am 25. Februar 1916 an Paul Amann: „Ich bin des Hasses, der Beschuldigungen, des leidenschaftlichen Selbstgefühls, bin des ‚Krieges‘ überaus müde, bin tief zur Weichheit, zum Frieden, selbst zur Reue geneigt... Unser Irrtum war, dass dies ein ‚Krieg‘ sei, ein Zwischenfall, nach dem alles ungefähr wieder so sein werde, wie vorher. Aber es ist ja höchstwahrscheinlich eine Umwälzung aller inneren und äußeren Dinge, eine Gesamtrevolution... An ihrem Ausgang steht kein ‚Sieg‘, keine Entscheidung für eine der beiden Parteien. .. Die Wahrheit ist, dass alle Völker gemeinsam nach einem höheren Ratschluss an der Erneuerung und Wiedergeburt Europas, der europäischen Seele arbeiten.“

Die Kriegsgräber von Verdun erinnern an die Gefallenen.  Foto: imago/blickwinkel

Das ist gar nicht so weit entfernt von dem, was Falkenhayn damals sagte. Man fragt sich, ob nicht vielleicht viele damals schon so dachten wie die beiden. Dann hätte der Mut zur Wahrheit doch eine Chance gehabt, Europa aus der Katastrophe zu führen. Verdun hätte es nicht zu geben brauchen.

Der Stellungskrieg, das Leben in den Schützengräben, ist damals viel beschrieben, bedichtet, gezeichnet worden. Es wurde auch in der Heimat nachgespielt. Kriegervereine und Wehrverbände führten zur Belustigung der Zuschauenden nicht nur in Berlin Wehrübungen durch. Nach der Show stiegen die Damen und Herren des Publikums in die Gräben und bekamen so einen kleinen, erträglichen Happen Frontgefühl vermittelt.

Die Wirklichkeit des Krieges sah anders, aber eher noch surrealer aus. Die Granatentrichter waren gefüllt mit Wasser. Die Soldaten, die davon tranken, erkrankten schwer. Denn das Wasser war mit Giftgas durchsetzt und in ihm schwammen zerfetzte Leichenteile.

Der niederländische Literaturhistoriker Geert Buelens erklärt in „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“: „Der Krieg war eine Orgie – der Gewalt, aber auch spektakulärer Klang und Lichteffekte, die in einer Welt vor Hollywood und Techno-Party eine magische Wirkung haben konnten.“
Der französische Picassofreund, Autor und Frontsoldat Guillaume Apollinaire schrieb in seinem Gedicht „Merveille de la guerre“ (Der Krieg ein Wunder):

„Wie schön die Raketen die Nacht erleuchten/... Doch wäre es noch schöner, gäbe es noch mehr/ Derweil betrachte ich sie wie eine Schönheit, die sich schenkt und gleich vergeht/ Mir scheint, ich wohne einem großen Festmahl bei, von Blitzlicht tageshell erleuchtet/ Ein Festmahl ist’s, das die Erde sich gönnt/ Sie hat Hunger und öffnet lange bleiche Münder/ Die Erde hungert, und das hier ist ihr Belsazar-Festmahl, kannibalisch.“

Französische Soldaten begleiten deutsche Gefangene.  Foto: rtr

Die Soldaten erlebten einen Lärm, der vielen von ihnen das Gehör raubte. Sie lebten in einem Gestank, von dem kein Bild, kaum ein Text uns eine Vorstellung vermitteln kann. Das alles gehört zu Verdun, wie auch die Briefe der Soldaten nach Hause, in denen sie sagten, es gehe ihnen gut, „nur bitte, bitte, schickt mir Eau de Cologne!“

All das gehört zur „Erziehung vor Verdun“. Verdun stand auch für die Schönheit des Schreckens, für das Erhabene. Man war ein Teil davon. Wenn man bereit war, sein Leben dran zu geben. Die Bildungselite, die an allen Fronten in den Tod zog, machte sich die Erfahrung der industriell betriebenen Auslöschung zu einem ästhetischen Erlebnis. Man kann das in vielen Briefen und Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg nachlesen. Die Tatsache, dass zur Erhabenheit des Ereignisses der eigene Untergang gehörte, minderte dessen Wert nicht. Es steigerte ihn. Die Frontsituation von Verdun und der anderen monatelang sich hinziehenden Stellungsgefechte des Ersten Weltkrieges bereitete die Menschheit auf die Bombennächte des Zweiten vor.

Man hat viel darüber gesprochen, wie weit Hitlers Wagnerbegeisterung und die „Götterdämmerung“ ihn nicht mehr oder weniger unterbewusst in die Erhabenheit eines Untergangs hineinmanövriert hätten. Das mag so sein. Aber man darf Falkenhayn nicht vergessen und Thomas Mann nicht. Der Erste Weltkrieg war spätestens seit Mitte 1915 für die Mittelmächte verloren. Verdun war der Beginn der Götterdämmerung und am Ende war die Welt von gestern untergegangen. „Rache für Versailles“ war die politische Parole des deutschen Nationalismus nach 1919.

Das schloss immer auch ein, Verdun rückgängig zu machen. Das meinte nicht nur, diesmal die französischen Stellungen schnell zu nehmen, sondern auch, die traumatische Erfahrung der Sinnlosigkeit des Krieges, aller mit ihm verbundenen Anstrengungen, der körperlichen und seelischen Verletzungen, ja des Todes doch noch zu widerlegen und aus einer Materialschlacht, aus einem industriellen Gemetzel, wieder einen Kampf der Krieger zu machen.

Der französische General Joseph Joffre (l.) und General Philippe Petain.  Foto: rtr

Gleichzeitig aber war Verdun nicht nur ein Mythos, sondern auch eine Erfahrung, von der man ahnte, dass man ihr nicht entkommen konnte, wenn man sich einließ auf einen Krieg. Desto größer die Anstrengung, der Welt und sich selbst das Gegenteil zu beweisen. Desto überwältigender aber – spätestens – nach Stalingrad der Blick in den Spiegel, in dem man 1943 wieder erkannte, was man 27 Jahre zuvor schon einmal gesehen hatte.

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges drängten Verdun zurück in die Geschichte. Wir ahnen heute, dass der Faszination der Ohnmacht zu erliegen ebenso gefährlich ist wie der der Macht. Beide hängen immer wieder unauflöslich miteinander zusammen. Auch das gehört zur „Erziehung vor Verdun“.

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