Die meisten Massenmorde hatten auch Überlebende, und um ihre Stimmen geht es hier", sagte Lutz Niethammer während eines Symposiums aus Anlass der Eröffnung eines Videoarchivs, das ab sofort dem Ort der Information am Berliner Holocaust-Mahnmal zu Verfügung steht. Dass Niethammer, einer der Pioniere der Oral History in Deutschland, das ausdrücklich meinte betonen zu müssen, liegt wohl am Widerspruch, der der auf Zeitzeugenaussagen beruhenden Forschungsmethode noch immer entgegengebracht wird. Die wichtigsten Einwände kommen inzwischen jedoch von den Verfechtern der Oral History selbst. Man setzt sich dagegen zur Wehr, als bloße Lieferanten einer "Instant History" betrachtet zu werden, die Geschichte leicht verdaulich macht und von methodischen Komplikationen entlastet.
Asketischer Gesprächsansatz
Aber es geht um weit mehr als nur die Vor- und Nachteile einer Wissenschaftsrichtung. Die Ausstellungs- und Informationsstätte des Berliner Holocaust-Mahnmals hat 80 aus über 800 Interviews mit Holocaust-Überlebenden ausgewählt, die seit Anfang der 80er Jahre vom Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies der Universität Yale aufgenommen worden sind. Es sind, wenn man so will, kritisch edierte Interviews, zu denen Zusatzinformationen über eine Datenbank abgerufen werden können. Die Yale-Interviews ergänzen die Berliner Ausstellung, in der Audio- und Videointerviews mit Zeitzeugen bislang keine Verwendung fanden. Gegenüber anderen Sammlungen, wie zum Beispiel den erst vor wenigen Jahren auf Initiative Steven Spielbergs entstandenen Aufnahmen, so Niethammer, haben die Yale-Interviews den Vorzug einer dichteren zeitlichen Nähe zum Ereignis. Sie seien ein Schatz vor allem für die Geschichtsdidaktik.
Mit einem ebenso bewegenden wie wissenschaftlich präzisen Vortrag stellte Geoffrey Hartman, einer der Initiatoren der Yale-Sammlung, seine Erfahrungen mit der Archivierung von Zeitzeugenaussagen vor. Hartman, 1929 in Frankfurt geboren, konnte als Sohn askenasischer Juden dem Nazi-Terror entkommen, während viele seiner Angehörigen in deutschen KZs ums Leben kamen. In "A Scholar's Tale" (Fordham UP), einer Art intellektueller Autobiografie, schildert Hartman, wie sehr seine Kindheitserfahrung, das nur schwer zu beschreibende Leid und die Ankunft in einer neuen Sprache, später auch seine Laufbahn als vergleichender Literaturwissenschaftler beeinflusst hat.
Hartmans theoretische Überlegungen waren es denn auch, die der von ihm initiierten Sammlung vorausgingen. So habe man sich in Yale für einen asketischen Talking-heads-Ansatz entschieden. Die technisch fast identischen, eher statischen Aufnahmen sollten dazu beitragen, nicht von den Aussagen abzulenken. Noch vor kurzem, so Hartman, seien Zeugnisse von Überlebenden als Geschichten vom Tod betrachtet worden. "Meines Erachtens sollte man sie aber als Geschichten vom Leben wahrnehmen - umgeben vom Tod."
In Yale konnten sich die Zeitzeugen auf ein persönliches Gespräch einlassen, das die Möglichkeit bot, schwierige Erinnerungen mitzuteilen. Entstanden ist so ein vielstimmiges Archiv, das die Subjektivität und die Dynamik der Erinnernden bewahrt. Von wissenschaftlicher Seite ist derlei Interviews stets Skepsis entgegengebracht worden. Wie das spektakuläre, sich als Fiktion entpuppende Beispiel des Binjamin Wilkomirski zeigt, bleibt die Überprüfbarkeit der historischen Fakten schwierig.
Keine Aktenlager
Hartman betonte, dass Archive von Holocaust-Zeugnissen keine Aktenlager seien, in denen offizielle Dokumente aufbewahrt werden. "Ich allein muss jetzt das Archiv meiner Stadt sein", zitierte er einen Überlebenden. Der Ausrottung ganzer Gemeinden zum Trotz, so Geoffrey Hartman, bieten die Interviews die Möglichkeit, eine kollektive Autobiografie zu begründen.
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