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19. März 2015

Völkermord Armenier: „Ja, es ist hart, aber nützlich“

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Gedenken an einem 24. April in Armenien.  Foto: REUTERS

Historiker thematisieren die unrühmliche Rolle Deutschlands während des Genozids an den Armeniern vor hundert Jahren: Die Regierung in Berlin wusste sehr genau, was sich im Gebiet ihres türkischen Kriegsverbündeten in Anatolien abspielte – und sie unternahm nichts.

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Im Juli 1915 sandte der deutsche Botschafter in Konstantinopel ein Telegramm ungeheuerlichen Inhalts ans Auswärtige Amt in Berlin. „Die Umstände und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse zu vernichten“, schrieb Hans Freiherr von Wangenheim über die Deportationen armenischer Zivilisten im Osmanischen Reich.

Es ist vielfach belegt: Unmittelbar nach Beginn des Völkermords an den Armeniern, dem bis zu anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen, wusste die Reichsregierung in Berlin sehr genau, was sich im Gebiet ihres Kriegsverbündeten in Anatolien abspielte – und sie tat nichts.

Hundert Jahre ist das jetzt her. Während noch vor zehn Jahren die (fortbestehende) Weigerung der türkischen Regierung, von einem Völkermord zu sprechen, für hitzige Debatten sorgte, steht im wissenschaftlichen Fokus längst nicht mehr das Ob, sondern das Wie der Ereignisse. Das sagte der Historiker Rolf Hosfeld, Leiter des Potsdamer Lepsius-Hauses, als Veranstalter einer internationalen Historikertagung in Berlin, die kürzlich das diesjährige Erinnern an den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts einleitete. Im Geiste des Orientalisten und Theologen Johannes Lepsius, der ab 1916 umfangreiche Studien darüber publiziert und dem Deutschen Reich eine Mitschuld zugewiesen hatte, wurden die deutschen „Zeugen des Jahrhundertverbrechens“ erstmals zentrales Thema einer derartigen Konferenz.

Im Ersten Weltkrieg befehligten deutsche Generäle osmanische Armeen, in türkischen Provinzstädten residierten deutsche Konsuln, deutsche Geschäftsleute, Lehrer oder Krankenschwestern waren in Anatolien tätig. Tausende Deutsche wurden unmittelbar Augenzeuge, wie während der Deportation in die syrische Wüste unzählige Menschen erschlagen, vergewaltigt, verschleppt wurden. In Briefen und Telegrammen nach Deutschland berichteten Konsuln, Soldaten oder Missionare detailliert über „Enteignung, Massenvertreibung, Vernichtung“ der christlichen Armenier, so der Züricher Genozid-Historiker Hans-Lukas Kieser.

Aber waren die Deutschen nicht nur Zeugen, sondern auch Mittäter des hunderttausendfachen Mords? Hätte die Berliner Regierung als wichtigster Verbündeter Konstantinopels die Massaker beenden können, und warum hat sie es gegebenenfalls nicht getan?

Darüber wurde auf der Konferenz leidenschaftlich gestritten. Einig waren sich die meisten Historiker, dass die deutschen Beobachter zwar über die Deportationen, nicht aber über die geplante Vernichtung der Armenier informiert waren. Ohnehin, so Erik Jan Zürcher von der Universität Leiden, werde es vermutlich nie letzte Sicherheit darüber geben, wer genau den Beschluss zum Völkermord traf. Dieser sei im Februar bis April 1915 in „informellen Zirkeln“ der regierenden Unionisten (Jungtürken) um den allmächtigen Kriegsminister Enver Pascha gefallen.

Das Hauptmotiv der nationalistischen Unionisten war ihre Wahrnehmung der christlichen Armenier als gefährlicher „innerer Feind“, der sich mit äußeren Feinden verbünde und die Einheit des Reiches bedrohe. Diese Sicht teilten viele deutsche Militärs, sahen die Deportationen als „militärische Notwendigkeit“ an und rapportierten dies nach Berlin.

Eine tragende Rolle bei dieser „schamlosen Desinformation“, urteilte der Schweizer Militärhistoriker Carl Alexander Krethlow, spielte der bedeutendste deutsche Offizier im Osmanischen Generalstab, Feldmarschall Colmar von der Goltz, der unverblümt schrieb, man müsse „die gefährlichen Majoritäten in Minoritäten verwandeln“. Obwohl ihn seine Untergebenen genau über die „bewusste und gewollte Vernichtung der Armenier“ informierten, drängte er Berlin nicht zum Handeln.

„Mit seiner Strategie der Verhinderung und Verschleierung trug Goltz zum Völkermord bei“, sagte Krethlow. Die Umsetzung des Deportationsbefehls hätten deutsche Offiziere der mittleren Befehlsebene dann aktiv mitgetragen, ohne jedoch von der geplanten Vernichtung der Armenier zu wissen.

Beobachter reagierten schockiert

Als die Massenmorde nicht mehr zu übersehen waren, reagierten viele deutsche Beobachter schockiert, doch führte dies nicht zu offiziellen Konsequenzen. So beklagte der armenierfeindliche Botschafter Wangenheim plötzlich die „Vernichtung der armenischen Rasse“. Als er im Oktober 1915 an einem Schlaganfall starb, wurde er von Paul Graf Wolff Metternich abgelöst – dem einzigen Deutschen, der von einer hohen Position aus das Morden stoppen wollte, doch er wurde schnell wieder aus Konstantinopel abberufen.

Die Angst, den wichtigen türkischen Verbündeten zu verlieren, gab den Ausschlag dafür, nichts zu tun – gemäß dem berüchtigtem Diktum des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg von Ende 1915: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.“ Christin Pschichholz von der Universität Potsdam deutete die deutsche Haltung darüber hinaus als „kolonialen Pragmatismus“ im Rahmen der Kriegsziele, da Berlin sich damals ein deutsches Protektorat auf türkischem Boden erhoffte. So blieb es bei der „zutiefst traurigen, beschämenden Hinnahme des Völkermords an den Armeniern“, wie es der Marburger Historiker Ulrich Sieg ausdrückte.

Aber begründet dies eine deutsche Schuld am Genozid? Die Antworten fielen differenziert aus. Hans-Lukas Kieser sprach von „qualifizierter Mitverantwortung“, Ronald G. Suny von der University of Michigan deutlicher von „Komplizenschaft“ und „krimineller Verwicklung“. Am weitesten ging Jürgen Gottschlich, in Istanbul lebender Journalist und Autor eines neuen Buches über Deutschlands „Beihilfe zum Völkermord“: „Die Deutschen wussten, dass es um Vernichtung ging, hätten sie stoppen können, haben es aber nicht getan.“

Gottschlich stellte den deutschen Marineattaché Hans Humann vor, einer der einflussreichsten deutschen Offiziere in Konstantinopel und enger Freund des Völkermörders Enver Pascha. „Humann war als Mann, der im Hintergrund Fäden zog, maßgeblich an der Entscheidung zum Völkermord beteiligt“, analysierte Gottschlich. Auf einen Bericht aus Mosul über massenhaft im Tigris treibende Leichen notierte er zynisch: „Ja, es ist hart, aber nützlich.“

Nur an der Macht interessiert

Wie Gottschlich zeigte sich auch der armenische Historiker Ashot Hayruni aus Jerewan überzeugt, dass die Deutschen als einzige die Verbrechen hätten verhindern können, doch seien sie nur an der Macht interessiert gewesen. Dabei hätten einzelne Militärs bewiesen, dass humanitäre Interventionen möglich waren. So verhinderte General Otto Liman von Sanders die Deportation der Armenier aus Smyrna (Izmir), und von der Goltz erreichte, dass die Armenier aus Mosul zunächst nicht vertrieben wurden.

Beide Offiziere begründeten ihre Intervention mit militärischen Motiven. „Es ist kaum zu bezweifeln, dass die damalige deutsche Regierung auf den osmanischen Bündnispartner hätte einwirken können, um den Völkermord an den Armeniern zu verhindern“, folgerte Hayruni.

Von einem kaum aufgearbeiteten Kapitel, den zivilen Rettern verfolgter Armenier, berichteten mehrere Forscher, die unter anderem die Rolle des türkischen Gouverneurs von Aleppo und christlicher Missionsgesellschaften hervorhoben. Die Pariser Kaukasushistorikerin Claire Mouradian erläuterte, wie ein im Vertrag von Sèvres geplantes internationales Tribunal im Vertrag von Lausanne 1922 zugunsten einer Amnestie für alle zwischen 1914 und 1922 verübten Verbrechen aufgegeben wurde: „Indem die Henker nicht verfolgt wurden, konnten sie neue Verbrechen begehen. Von dort gibt es eine Verbindung zur Shoa – denn man wusste um die Straflosigkeit des Genozids.“

Bei einer abschließenden Podiumsdiskussion im Berliner Deutschen Historischen Museum sagte der SPD-Politiker Markus Meckel, es sei an der Zeit, dass das deutsche Parlament nicht nur seine „Scham“ über die deutsche Rolle wie in einer Entschließung vor zehn Jahren bekunde, sondern endlich den Völkermord als solchen anerkenne. Unter Beifall fügte er hinzu: „Ich wünsche mir, dass unser Bundespräsident Gauck am 24. April zum offiziellen Gedenktag in Jerewan ist.“

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