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Stadtentwicklung: Voreilige Verallgemeinerungen

Berliner Szeneviertel wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Mitte sind beliebte Wohnadressen, doch der Jubel über die Renaissance der Städte lässt sich mit Blick auf die Einwohnerentwicklung nur sehr begrenzt nachvollziehen.

        

Wandel durch Annäherung.
Wandel durch Annäherung.
Foto: zentralbild/dpa

Ein wenig erinnern die Krisenszenarien, die den öffentlichen Diskurs über den Zustand unserer Städte etliche Jahrzehnte begleiteten, an eine berühmte Anekdote aus dem Leben Mark Twains. Als die Zeitungen in der Heimat des Schriftstellers irrtümlich die Meldung von seinem Ableben verbreiteten, telegrafierte Twain, der gerade in Europa weilte, an die zuständige Nachrichtenagentur, er halte die Berichte von seinem Tod für stark übertrieben. Ähnlich scheint es um die Hiobsbotschaften bestellt, die mit dem Niedergang einst prosperierender Industrien und der anhaltenden Suburbanisierung das Ende der Städte gekommen sahen. Denn seit der Jahrtausendwende mehren sich die Schlagzeilen, die von einer „Renaissance der Innenstädte“ künden.

Der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann prophezeite jüngst, der Suburbanisierung, dem dominanten Trend der Stadtentwicklung während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gehe über Kurz oder Lang das Personal aus. Lässt sich also aus der allerorten zu beobachtenden Wiederbelebung heruntergekommener Wohnquartiere und Industrieareale mit schicken Appartements, Büros, Kneipen und Museen schon auf ein Ende der Stadtflucht und eine Wiederbelebung des Urbanen schließen? Skeptiker wenden ein, dass es sich bei der „neuen Lust auf Stadt“eher um eine „gefühlte Renaissance“ als um ein zahlenmäßig ernst zu nehmendes Phänomen handelt.

Bochum, Duisburg, Essen oder Saarbrücken gehören zu den Modernisierungsverlierern

Berliner Szeneviertel wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Mitte scheinen das wachsende Interesse am Wohnen und Arbeiten in der Stadt unterdessen eindrucksvoll zu belegen. Der Zustrom junger Menschen zwischen 18 und 30 Jahren ist ungebrochen und die Geburtenraten liegen über dem Durchschnitt. In der städtischen Gesamtbilanz übertreffen die Abwanderungen ins Umland allerdings noch immer die Zuwanderungen aus der stadtnahen Region, obwohl auch in Berlin der aus der Nachwende-Dynamik gespeiste Drang in die suburbane Idylle inzwischen abebbt. Wenn die deutsche Hauptstadt seit einigen Jahren dennoch wieder steigende Einwohnerzahlen verzeichnen kann, dann verdankt sich das in erster Linie der Zuwanderung aus dem Ausland und aus den alten Bundesländern. Für die vielen Studenten etwa und die jungen Kreativen mit schmalem Geldbeutel, die es nach Berlin zieht, sind die Mieten und die Lebenshaltungskosten dort deutlich günstiger als in New York, London, Paris oder auch in München.

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Nicht nur Berlin, die Mehrzahl der deutschen Großstädte mit mehr als einer halben Million Einwohnern wiesen in den vergangenen zehn Jahren wieder steigende Bevölkerungszahlen auf, wie aus einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht. Gleichzeitig ging auch die Zahl der Beschäftigten in den großen Städten um knapp vier Prozent nach oben, während sie in Deutschland insgesamt stagnierte. Es sind laut DIW besonders die jungen gut ausgebildeten Bevölkerungsschichten mit höherem Einkommen, die sich von den Metropolen mit ihrem attraktiven Beschäftigungsangebot angezogen fühlen.

Aus der „neuen Attraktivität der Großstädte“ bereits eine allgemeine Renaissance der Städte abzuleiten, ist nach Meinung des Stadtforschers Markus Hesse jedoch irreführend: „Begrenzte Ereignisse in bestimmten Städten werden überbewertet, unzulässig verallgemeinert, vorschnell als Ausdruck einer dauerhaften Trendwende interpretiert.“ Die Einwohnerstatistiken geben Hesse Recht. Denn bei den Städten unterhalb der 500.000-Einwohner-Grenze zeichnet sich ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung ab. Während im Westen der Republik seit Mitte der 1990er Jahre die Klein- und Mittelstädte oftmals höhere Zuwächse verzeichneten als die größeren Kommunen, bietet sich im Osten ein umgekehrtes Bild. Dort erweisen sich allenfalls noch einzelne Großstädte als Wachstumsinseln inmitten einer demographischen Schrumpfungslandschaft. Auch in Westdeutschland zeigt sich deutlich, dass der kernstädtische Wachstumstrend nicht alle Städte erfasst. „Insbesondere altindustrialisierte Städte hinken der Entwicklung hinterher“, konstatiert der Raumplaner Stefan Siedentopp von der Universität Stuttgart. Gemeint sind Modernisierungsverlierer wie Bochum, Duisburg, Essen oder Saarbrücken, die weiterhin erhebliche Bevölkerungseinbußen beklagen. Zu den Gewinnern zählen dagegen die Städte, in denen sich neben den Zentralen der global agierenden Konzerne die neuen Dienstleistungsfunktionen der Finanz-, Versicherungs- und Immobilienwirtschaft, Forschungszentren und die Medienbranche angesiedelt haben und die darüber hinaus über ein reiches kulturelles Angebot verfügen.

Innerhalb der Städte sind es häufig nicht die Zentren, die am stärksten wachsen, sondern die preiswerteren Randlagen. Vor allem in den wirtschaftlich dynamischen Großstädten konkurrieren die zahlungskräftigen Gruppen um den begehrten und entsprechend teuren innerstädtischen Wohnraum. Die Geringverdiener bleiben dabei auf der Strecke. Sie müssen an den Stadtrand oder ins weitere Umland ausweichen, wie besonders in süddeutschen Städten zu beobachten ist.

Vieles deutet darauf hin, dass suburbane Lebensformen besonders bei den einkommensstarken Schichten an Anziehungskraft eingebüßt haben. Während die Stadtflucht in Ostdeutschland nahezu zum Stillstand gekommen ist, hat sie im Westen nach dem Boom der 1990er Jahre zumindest an Tempo verloren. Das zeigen auch die Zahlen, die der Raumplaner Frank Osterhage vom Dortmunder Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in 78 deutschen Stadtregionen erhoben hat. Demnach weist am Ende des vergangenen Jahrzehnts unter den ostdeutschen Stadtregionen nur noch Berlin einen Negativsaldo bei der Stadt-Umland-Wanderung auf.

Nicht mehr die Großbetriebe, sondern kleine Unternehmen prägen die städtische Ökonomie

Im Westen Deutschlands zeigt sich der Umschwung zwar verhaltener. Aber auch hier sind in vier von zehn Kernstädten Wanderungsgewinne gegenüber dem Umland zu beobachten. Der Exo-dus ins suburbane Eigenheim könnte jedoch wieder an Fahrt gewinnen, wenn sich in den wirtschaftlich erfolgreichen Städten der Druck auf die Wohnungsmärkte weiter erhöht. Dass die Bevölkerungsentwicklung von der wirtschaftlichen Situation der Städte abhängt, ist in der Geschichte nicht neu. Gewandelt hat sich mit dem „Abschied vom Industriezeitalter“ jedoch die ökonomische Basis. Der Dienstleistungssektor, die Wissensökonomie und die Kreativwirtschaft gelten heute als Motoren des Wachstums. Nicht mehr die Großbetriebe, sondern kleinere Unternehmen prägen die städtische Ökonomie. Handarbeit ist der Kopfarbeit gewichen. Und die neuen kreativen Klassen setzen auf räumliche Nähe, erleichtert sie doch den persönlichen Austausch. Urbane Orte zum Leben und Arbeiten gewinnen deshalb an Bedeutung.

Die dichten, gemischt genutzten Altbaugebiete in den Innenstädten bieten dafür die besten Bedingungen. Im Café gleich neben dem Büro lassen sich Projekte planen, und in den Stockwerken darüber bieten geräumige Appartements den passenden Wohnraum. Denn das Wohnen in der Innenstadt wird für die Angehörigen der kreativen Klasse zunehmend „zu einer Frage der existenziellen Sicherheit“, wie Hartmut Häußermann es nennt. Die neue Arbeitswelt mit ihren oft befristeten oder prekären Beschäftigungsverhältnissen bietet immer seltener die finanzielle Sicherheit, die nötig ist, um sich ein Haus im Grünen leisten zu können. Stattdessen erfordert sie eine ständige Präsenz im beruflichen Umfeld, um beim nächsten Projekt vielleicht wieder dabei zu sein.

Doch es sind nicht nur die Singles und kinderlosen Doppelverdiener aus den neuen Dienstleistungsbranchen, die die Innenstädte als Wohnorte wiederentdecken, sondern auch die klassischen Suburbaniten von gestern, die materiell abgesicherten jungen Familien mit Kindern. Flexiblere Arbeitszeiten, die vom geregelten Acht-Stunden-Tag abweichen, zwingen zu einer Organisation des Alltags, die mit dem Leben weit draußen vor den Toren der Stadt nur noch selten vereinbar ist. Und die Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen, verbunden mit zunehmender Berufstätigkeit der Frauen, lässt sich mit dem Bild der sorgenden Hausfrau im Eigenheim nur noch schwer in Einklang bringen.

Dagegen wird der demographische Wandel mit sinkenden Zahlen bei den 18- bis 30-Jährigen nicht nur das Personal der Suburbanisierer weiter reduzieren. Auch das Gros der städtischen Zuwanderer stammt heute aus dieser Altersgruppe. So scheint zumindest unsicher, ob die dominanten Dienstleistungszentren, die gegenwärtig die Hoffnung auf eine Renaissance der Städte beflügeln, auf ein dauerhaftes Bevölkerungswachstum hoffen dürfen. Schon jetzt jedenfalls zeichnet sich ab, dass es im Wettbewerb der Städte neben der Ansiedlung von Unternehmen immer mehr um die kreativsten Köpfe gehen wird.

Autor:  Werner Girgert
Datum:  11 | 7 | 2011
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