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Wagner Oper in Kassel: Ins Herz der Finsternis

Die Schiffbrüchigen und das Romantische: Wagners "Der fliegende Holländer", sehr eigenwillig am Staatstheater Kassel. Von Georg Pepl

Wer Wagner inszeniert, muss sich mit der Erlösungsideologie des Dichterkomponisten auseinandersetzen. "Der fliegende Holländer" lässt sich als eine Vorform von "Tristan und Isolde" verstehen: Sentas Entschluss, in die Nachtwelt des Holländers hinabzusteigen, führt zur Erlösung im Tod. Die Sympathien in Wagners Gedankengebäude sind deutlich verteilt, und deshalb fällt dem verschmähten Liebhaber Erik, einem Vertreter der Tageswelt, vielfach die Rolle eines Langweilers zu.

Ein Abend für Erik!

Regisseur Lorenzo Fioroni kehrt am Staatstheater Kassel die Fronten um. Er zeigt Erik als einzig positive Figur in einer vom Irrationalismus bedrohten Gruppe, als eine Figur, die mit Morsezeichen Licht in die Dunkelheit bringt. Vor düster imposanter Felslandschaft (Bühne: Cordelia Matthes) wird eine Ansammlung Schiffbrüchiger vom personifizierten Romantischen, dem Holländer, heimgesucht. Fioroni findet starke Bilder für die Zerstörung der Vernunft. Während die schiffbrüchigen Damen in der Spinnradszene ihr Aerobic-Programm abspulen, blickt Senta nicht auf ein Gemälde des Holländers, sondern narzisstisch in einen Spiegel, mit dessen Scherben sie am Ende ihrer Ballade einen Suizidversuch unternimmt.

Die Reise ins Herz der Finsternis, via Projektion zur Ouvertüre angekündigt, kulminiert in archaischer Gewalt. In der Chorszene des dritten Aufzugs gehen blutverschmierte Männer auf Frauenfang, was als antipatriarchaler Kommentar gesehen werden kann: Erlösung heißt bei Wagner die Erlösung des Mannes durch die Frau. In Kassel bleibt der Holländer unerlöst. Stattdessen kommt es zur Rettung der Gestrandeten durch propere Seeleute.

Zwar irritieren an Fioronis Inszenierung gelegentlich Unstimmigkeiten zwischen Text und Aktion, die dem Schiffbrüchigen-Szenario geschuldet sind. Gegen seine Romantikkritik ließe sich einwenden, dass auch die taghelle Vernunft Albträume gebären kann. Dezidiertheit und die Kraft zu polarisieren lassen sich seiner Regie aber nicht absprechen. Bei der Premiere gab es Bravo- wie wütende Buhrufe.

Ein Glücksfall, dass der Schweizer Tenor Jörg Dürmüller die Partie des aufgewerteten Erik singt. Er führt seine Stimme, die Wohlklang, Klarheit und Durchschlagskraft vereint, mühelos durch weite dynamische Strecken, gibt seiner Traumerzählung ein fulminantes Crescendo. Die Kasseler Sopranistin Astrid Weber gastiert mit ihrer vielfach bewährten Senta erstmals auf der Opernbühne ihrer Heimatstadt. Eindrucksvoll sind die feinen Schattierungen, die sie in der Ballade entdeckt, und ihr Spiel: das fesselnde Porträt eines labil-narzisstischen Charakters.

Neben den Gastsängern hinterlassen auch die Mitglieder des Staatstheaters Kassel einen guten Eindruck, allen voran Stefan Adam (Holländer) mit kerniger, farbenreicher Stimme und hinreißender Emotion. Als viel versprechender Tenor empfiehlt sich Johannes An (Steuermann), überzeugend Mario Klein (Daland) und Inna Kalinina (Mary). Einen Präzisionsfanatiker wird man GMD Patrik Ringborg nicht nennen können, dafür aber einen suggestiven Ausdrucksmusiker. Auch die Steigerung des sängerischen Niveaus ist ihm zu verdanken.

Staatstheater Kassel: 1., 4., 21., 28. März. www.staatstheater-kassel.de

Autor:  GEORG PEPL
Datum:  25 | 2 | 2009
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