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11. Juni 2013

Walter Jens: Eine Instanz politischer Querulanz

 Von 
Walter Jens 1982 bei der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt: Der Literaturwissenschaftler, Philologe und Schriftsteller kann zu diesem Zeitpunkt auf ein großes Werk zurückblicken. 1947 hatte er mit dem Schreiben begonnen, im Laufe der Jahrzehnte entstanden Romane, Dramen, Hörspiele und Essays. 1950 kam er als Dozent an die Universität Tübingen, wo er 38 Jahre lang lehrte und den bislang bundesweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik aufbaute. 1950 stieß er auch zu der legendären Schriftstellervereinigung "Gruppe 47". Im selben Jahr gelang ihm der Durchbruch als Erzähler mit dem utopischen Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten".  Foto: dpa

Walter Jens ist tot – ein radikaldemokratischer Intellektueller, der wie wenige andere die Bundesrepublik prägte.

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Walter Jens ist tot – ein radikaldemokratischer Intellektueller, der wie wenige andere die Bundesrepublik prägte.

Als Walter Jens im Frühsommer 2003 gemeinsam mit seinem Freund, dem Theologen Hans Küng, von Bundespräsident Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, erschien die traute Runde im Berliner Schloss Bellevue wie ein Abschiedsgruß der alten Bundesrepublik. Gemeinsame Freunde aus Tübinger Zeit, eine Handvoll akademische Kollegen sowie Journalisten vergewisserten sich ihrer besten Jahre im Rahmen eines angenehm zurückhaltenden Protokolls. Johannes Rau, wohl schon von Krankheit geplagt, aber noch nicht gezeichnet, würdigte zwei kritische Geister, Weggefährten wohl auch. Vom ersten Mann im Staate wurde Jens ob seines unerschrockenen Widerspruchsgeistes belobigt. Gemeinsam machte man Scherze über das erreichte Alter.

Ein paar Monate später war die Atmosphäre eines milden Blicks zurück für immer zerstört. Walter Jens wurde damit konfrontiert, dass eine Karteikarte aufgetaucht war, die ihn als NSDAP-Mitglied auswies. Auch er? Der strenge Warner und Mahner? Die weit spektakulärere Affäre um die SS-Mitgliedschaft von Günter Grass stand zu diesem Zeitpunkt noch aus.

Er erinnere sich nicht, gab Jens zu Protokoll, jemals einen Antrag unterschrieben zu haben. Es war absurd genug, das Lebenswerk des Rhetorikprofessors, Schriftstellers und Publizisten an die Messlatte jugendlicher Politisierung legen zu wollen. Entgegen eines Gutachtens des Münchener Instituts für Zeitgeschichte hielt es der Historiker Götz Aly durchaus für möglich, dass Jens Opfer einer Zwangsrekrutierung gewesen sein könnte und vertiefte sich aus gegebenem Anlass in die Biografie des Literaturversessenen.

In seinen Stellungnahmen zur aktuellen Debatte hatte Jens darauf verwiesen, 1941/42 als Student einen unrühmlichen Vortrag über „Entartete Literatur“ gehalten zu haben. Thomas Mann habe er ferner als „Ästhet mit der Tendenz zum Abgrund“ bezeichnet. Wenig später hatte der Student Jens seinen Thomas Mann gründlicher gelesen und die Frucht seiner Lektüre, abermals in Vorträgen, kundgetan. Es war der Beginn einer lebenslangen Wertschätzung des Dichters.

Götz Aly kommt bezüglich der Akte Jens zu dem Schluss: „Entscheidend bleibt, dass sich Walter Jens die Möglichkeit zur Umkehr – noch während der NS-Herrschaft – bewahrte.“ Als Alys Text im April 2004 erschien, war nichts mehr umkehrbar. Walter Jens war an schwerer Altersdemenz erkrankt, an deren Folgen er am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren gestorben ist.

Es gibt viele Gründe, mit der Nacherzählung des Lebenswerks von Walter Jens, Jahrgang 1923, weiter vorn zu beginnen. Aus einem bildungsbürgerlichem Hamburger Elternhaus stammend – der Vater Bankdirektor, die Mutter Lehrerin –, wurde die republikanische Gegenrede zu seinem Brot der frühen Jahre.

Dabei hatte er zunächst als Prosaschriftsteller begonnen. Unter dem Pseudonym Walter Freiburger hatte er bereits 1947 die Erzählung „Das weiße Taschentuch“ veröffentlicht. Es folgten weitere Romane, die ihn zur Gruppe 47 brachten, der er seit 1950 angehörte und die, trotz aller späteren Desillusionierung den Ruf behielt, das einflussreichste Kraftzentrum der bundesrepublikanischen Geistesgeschichte zu sein.

Doch Jens zog die Laufbahn eines ordentlichen Professors bald der freischwebenden Dichterexistenz vor. Von 1965 bis zu seiner Emeritierung im Juli 1988 hatte er in Tübingen den seinerzeit neu eingerichteten Lehrstuhl für Rhetorik inne und praktizierte die Lehren seines Faches nicht eben selten an Beispielen aktueller politischer Auseinandersetzungen. Neben Heinrich Böll und Günter Grass wurde Walter Jens zu einer der zentralen politisch-moralischen Instanzen der Bundesrepublik, die neben der selbstverständlichen Pflicht des Intellektuellen, sich einzumischen, eine gegebenenfalls auch gegen den Staat gerichtete Zivilcourage zu ihrer Paradedisziplin erklärten.

Walter Jens übte dieses Rollenbild auch dann noch ungebrochen aus, als Zweifel am Selbstverständnis des Intellektuellen schon längst nicht mehr nur aus konservativen Feindgebieten kamen. Der groß gewachsene, schlaksige Jens gefiel sich durchaus als Instanz politischer Querulanz. Radikaldemokratische Gesinnung wusste er dabei mit protestantischer Ethik zu verschmelzen. 1984 gipfelte sein Engagement für die Friedensbewegung in der Teilnahme an einer Sitzblockade vor dem amerikanischen Atomwaffendepot Mutlangen, wofür er zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Jens stritt gerichtlich weiter, das Urteil wurde später vom Bundesverfassungsgericht wieder aufgehoben.

Bekannt für seine rhetorische Schärfe, überraschte Jens allerdings immer wieder durch milde Nachsicht. Als der Komponist Karlheinz Stockhausen den Angriff auf das World Trade Center 2001 als ästhetisches Ereignis zu deuten geneigt war, gestattete Jens dem künstlerischen Genie Stockhausen, auch einmal etwas Dummes zu sagen.

Eine nicht gerade kurze Wegstrecke der intellektuellen Biographie des Walter Jens, zu dessen bleibenden Leistungen gehört, die beiden deutschen Akademien der Künste nach 1989 als deren Präsident vereinigt zu haben, ließe sich auch entlang des Fußballs erzählen. Seine früh öffentlich gemachte Begeisterung für den Sport dürfte ihm in den 70er Jahren dann auch eine Einladung zu einem Festvortrag eingebracht haben, dessen Vorbereitung er gewissenhafter ausführte, als seinen Auftraggebern vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) lieb war. Jens hatte nur oberflächlich in den Chroniken geblättert und war dabei auf die völlig unaufgearbeitete und gänzlich unreflektierte Nazivergangenheit des Verbandes gestoßen. Seine Rede, die in dem Appell mündete, dass man sich endlich an die Durch- und Aufarbeitung der institutionellen Verstrickung begeben möge, ist längst ein Meilenstein deutscher Sportgeschichte. Die Episode belegt ferner, dass Jens die Rolle des öffentlichen Sprechers nicht nur behauptet, sondern, wenn es darauf ankam, auch beherzt eingenommen hat.

Zur intellektuellen Leitfigur mit ausgeprägter Volksnähe wurde Walter Jens nicht zuletzt als Fernsehkritiker. Unter dem Pseudonym Momos befasste er sich in der „Zeit“ mit dem illegitimen Flimmermedium und verhalf ihm so zu einer gewissen Würde. Die Rolle des Gottes des Tadels nahm er auch in politischen Zusammenhängen gerne ein.

Zu der außergewöhnlichen Biografie des Literaturwissenschaftlers gehören schließlich auch zwei Sachbücher über Katja Mann sowie deren Mutter, Hedwig Pringsheim, die er gemeinsam mit seiner Frau Inge verfasste, mit der Jens seit 1951 verheiratet war. „Katjas Mutter“ erschien 2005. Die Arbeit an dem Buch, berichtete Inge Jens im März 2008 in einem bewegenden Gespräch über die Demenzerkrankung ihres Mannes, war ihm bereits schwer gefallen. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren oder verzettelte sich in unbedeutenden Details. Zum Schluss konnte er wohl auch nicht mehr die Mannschaftsaufstellung des TSV Eimsbüttel hersagen, die auswendig zu kennen, er sich immer gerühmt hatte.

Seine letzten Jahre verbrachte der schwer demenzkranke Jens völlig zurückgezogen, gleichwohl wurden auch seine Erkrankung und ihre Folgen öffentlich, wie sein ganzes bisheriges Leben. In zwei Büchern beschrieb Sohn Tilman Jens den Zustand des Vaters und machte den Kranken damit erneut zum Gegenstand heftiger Debatten.

Am Tag der Nachricht seines Todes betrübt vor allem, dass der Intellektuelle Walter Jens schon lange Abschied genommen hatte, von der Welt, in der wir leben.

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