"Die Werke unseres Vizevorsitzenden Wang?" Die Mitarbeiterin des Schriftstellerverbands der Provinz Shandong ist am Telefon offensichtlich überrumpelt. "Dazu kann ich gar nichts sagen, die sind alle so alt." Und über Wangs berühmt-berüchtigtes Gedicht "Stimme aus der Tiefe der Ruinen" will sie nicht sprechen. Natürlich nicht.
Wang Zhaoshan ist einer der rund hundert Autoren, die China auf der Frankfurter Buchmesse offiziell vertreten. Zwar gehören der Delegation große Namen wie Mo Yan und Yu Hua an. Doch die Mehrzahl sind Kaderliteraten - wie Wang Zhaoshan. Seit drei Jahrzehnten verfasst der 56-Jährige Essays, Gedichte und Stücke mit Titeln wie "Wir stehen auf roter Erde". Propagandistische Einwegware: Der chinesische Buchhandel führt kein einziges seiner Werke, selbst das Internet hält kaum Kostproben bereit.
Mit einer Ausnahme: Es war das Erdbeben von Sichuan 2008 mit seinen rund 70.000 Toten, das Wang zu seinem bekanntesten Opus inspirierte. In dem Gedicht, das zuerst in den Qilu-Abendnachrichten erschien, lässt er ein Opfer zu den Überlebenden sprechen: "Naturkatastrophen sind unvermeidlich, wie könnte ich da über meinen Tod klagen", hebt es an.
"Der Parteivorsitzende ruft, der Ministerpräsident auch, die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich." Diese große Liebe erfülle die Toten mit Zufriedenheit, schließt Wangs lyrische Leiche, nur ein Kummer bleibe: "Hätte ich bloß einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab, um Olympia zu schauen und in den Jubel mit einzustimmen."
So viel Schwulst ist selbst für chinesische Verhältnisse unerträglich. In Internetforen wurde Wang mit Spott überzogen. Der berühmte Dichter Ye Kuangzheng bezeichnete Wang als "Verräter an der Lyrik". Der Autor Li Zhongqin, Mitglied des von Wang mitgeführten Schriftstellerverbands Shandong, trat aus der Organisation aus, weil er sich "schäme, mit Wang Zhaoshan in Verbindung gebracht zu werden".
Der populäre Jungautor Han Han ätzte in seinem Blog, Staatsschriftsteller wie Wang seien "Nutten der Politik". Selbst die Zentralregierung distanzierte sich zeitweise. Die englischsprachige China Daily nannte Wangs Gedicht "schmalzig und fürchterlich".
Doch nun tritt Wang in Frankfurt als Musterrepräsentant chinesischer Gegenwartsliteratur auf. "Damit verrät die Regierung mehr über sich, als sie möchte", so die regimekritische Autorin Dai Qing. "Es ist zum Totlachen."
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