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Wannsee-Konferenz: Konkurrierende Mordbehörden

Vor 70 Jahren besprachen Vertreter des NS-Staates Verwaltungsfragen des Holocaust. Es ging um eine "Parallelisierung der Linienführung" - das Morden hatte zu diesem Zeitpunkt längst begonnen.

Das  Haus der „Wannseekonferenz“ im Januar 2012.
Das Haus der „Wannseekonferenz“ im Januar 2012.
Foto: dapd

Am 2. Februar 1987 veröffentlichte die Ulmer Südwest Presse eine Todesanzeige für Dr. Gerhard Klopfer. Der Rechtsanwalt und Staatssekretär a.D. war im Alter von 81 Jahren verstorben, „nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in seinem Einflussbereich lebten“. Der Anzeigentext empörte im fernen West-Berlin den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Heinz Galinski: Klopfer gehörte zu den Teilnehmern der berüchtigten Wannsee-Konferenz, bei der Staatssekretäre, Ministerialdirektoren, SS- und Polizeioffiziere die „Endlösung der Judenfrage“ koordinierten.

Am 8. Januar 1942 lud Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, vierzehn Vertreter verschiedener Ministerien, SS- und Polizeidienststellen „zu einer Besprechung mit anschließendem Frühstück“ nach Berlin ein. Bei dem Treffen im Gästehaus der Sicherheitspolizei in der Villa Am Großen Wannsee 56-58 am 20. Januar 1942 wurde nicht – wie lange Zeit vermutet – die Vernichtung der Juden beschlossen. Heydrich war vielmehr um eine „Parallelisierung der Linienführung“ bei der Ausweitung des Mordens bemüht, das allerdings längst begonnen hatte.

Schwelle zum Genozid war erreicht

Seit dem Sommer 1941 erschossen SS- und Polizeieinheiten in der Sowjetunion Hunderttausende Juden. Im Oktober setzten die Deportationen von Juden aus dem Deutschen Reich in die Ghettos von Lodz, Riga, Minsk und Kaunas ein. Im westpolnischen Chelmno ermordete seit Dezember ein SS-Sonderkommando Juden in Gaswagen. Die Schwelle zum Genozid war damit am Jahresende 1941 erreicht. In dieser Situation wollte Heydrich die „Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage“ behaupten.

Bereits in der Einladung zum Treffen erinnerte er daran, dass ihn Reichsmarschall Hermann Göring damit beauftragt hatte. Der ursprünglich vorgesehene Termin am 9. Dezember musste jedoch aufgrund aktueller Ereignisse verschoben werden. Nach dem Überfall der japanischen Luftwaffe auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor am 7. Dezember erklärte Adolf Hitler den USA den Krieg. Zeitgleich stoppte die Rote Armee den Vormarsch der Wehrmacht auf Moskau. Die Kriegslage hatte sich damit für das Deutsche Reich gewendet.

Zur Wannsee-Konferenz erschienen Staatssekretäre aus dem Auswärtigen Amt, aus dem Justiz-, dem Innen- sowie aus Görings Superministerium für die Kriegswirtschaft, Ministerialdirektoren aus der Reichs- und der Partei-Kanzlei, Vertreter der deutschen Besatzungsregime in Polen und der Sowjetunion. Wesentliche Teile des Staats- und Parteiapparats wurden so zu Komplizen des Völkermords. Die größte Fraktion der Teilnehmer stellten jedoch Angehörige von SS- und Polizei wie Gestapochef Heinrich Müller und der Deportationsspezialist Adolf Eichmann, der das Protokoll führte.

Mehr als 11 Millionen Menschen

Heydrich eröffnete die Besprechung mit einem Rückblick auf die bisherigen Maßnahmen gegen die Juden, die zur Auswanderung gezwungen werden sollten. Die Kriegslage machte das aber unmöglich. „Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten.“

In die Pläne wurden nicht nur die Juden aus dem Herrschaftsbereich des NS-Regimes einbezogen, sondern auch die aus den Staaten der Verbündeten, der Neutralen und der Kriegsgegner – mehr als elf Millionen Menschen nach Eichmanns Berechnungen. Was ihnen zugedacht war, liest sich im Behördendeutsch so: „Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen.

In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist.“

Heydrich legte großen Wert auf eine genaue Definition des zu deportierenden Personenkreises. Die Nürnberger Gesetze von 1935 bestimmten zwar, wer als Jude, als „Halb“- oder als „Vierteljude“ galt, doch gab es über die Auslegung immer wieder Konflikte. Der Staatssekretär aus dem Innenministerium Wilhelm Stuckart warnte daher vor der „unendlichen Verwaltungsarbeit“ bei der „Bereinigung der Mischehen- und Mischlingsfragen“. Da über diesen Punkt keine Einigkeit erzielt werden konnte, vertagte Heydrich das Problem auf eine Folgebesprechung.

In der Besprechung wurde Klartext geredet

Vier Tage nach der Konferenz sandte er das Protokoll an die Teilnehmer. Anders als im Dokument, das sich an Tarnbegriffe wie „Evakuierung“ oder „Endlösung“ hält, wurde laut Eichmann in der Besprechung Klartext geredet. Auch Karrierebeamte wie Stuckart, den Eichmann als „sehr heiklen Gesetzesonkel“ beschrieb, sprachen von „töten und eliminieren und vernichten“. Josef Bühler, der den Generalgouverneur für die besetzten polnischen Gebiete vertrat, bat darum, „die Judenfrage in diesem Gebiete so schnell wie möglich zu lösen“. Da er die Mehrzahl der Juden als „arbeitsunfähig“ einstufte, war allen bewusst, was das bedeutete: Den sofortigen Mord an mehr als 2,5 Millionen Menschen. Wie das geschehen sollte, war im Januar 1942 jedoch noch nicht klar.

Von den dreißig Ausfertigungen des Besprechungsprotokolls ist nur eine überliefert. Robert Kempner, Stellvertreter des amerikanischen Chefanklägers in den Nürnberger Prozessen, entdeckte das Dokument 1947 in den Akten des Auswärtigen Amtes und machte es zum Beweismittel im Verfahren gegen dessen Mitarbeiter. In den Vernehmungen täuschten die Staatssekretäre und Ministerialbeamten Erinnerungslücken vor, leugneten das Protokoll erhalten zu haben oder beteuerten ihr Unwissen über die Bedeutung von „Evakuierung“ und „Sonderbehandlung“.

Klopfer, der als Zeuge im Prozess gegen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes aufgerufen war, behauptete hartnäckig, von der „Judenausrottung“ bloß „gerüchteweise“ gehört zu haben. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Klopfer, von Kollegen bereitwillig mit Persilscheinen ausgestattet, als „minderbelastet“ eingestuft.

Eichmann sagte über die Wannsee-Konferenz aus

Die bundesdeutsche Justiz zeigte erst Anfang der 1960-er Jahre Interesse an seiner Vergangenheit, als Eichmann in Jerusalem ausführlich über Ablauf, Ziele und Teilnehmer der Wannsee-Konferenz aussagte. Nach zwei Jahren stellte die Ulmer Staatsanwaltschaft 1962 ihre Ermittlungen gegen Klopfer wegen Beihilfe zum Mord ein. Der ehemalige SS-Gruppenführer sollte noch mehr als zwanzig Jahre in Ulm eine Anwaltskanzlei führen.

Gerhard Klopfer starb am 29. Januar 1987 als letzter Teilnehmer der Wannsee-Konferenz, wenige Tage nach der Gedenkfeier zum 45. Jahrestag in Berlin. Fünf Jahre später eröffnete nach langen politischen Kontroversen am historischen Ort in der Villa am Großen Wannsee eine Gedenk- und Bildungsstätte.

Autor:  Andreas Mix
Datum:  20 | 1 | 2012
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