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Vertreibungsverbrechen: Was geschah in der Iglauer Sprachinsel?

Der wenig beachtete Roman „Bergersdorf“ über ein 1945 an Sudetendeutschen verübtes Massaker bewahrheitet sich. Das Verbrechen wird nun auch verfilmt.

Bergersdorf
Der Roman "Bergersdorf" von Herma Kennel.
Foto: Verlag

Über die Toten war Gras gewachsen. Anfang dieser Woche wurde eine Wiese am Rande der südmährischen Ortschaft Dobronín (Dobrenz), etwa 150 Kilometer südöstlich von Prag, umgegraben. Dabei hat die tschechische Polizei die sterblichen Überreste von sechs Menschen geborgen, die im Mai 1945 vermutlich Opfer eines an Sudetendeutschen verübten Massakers wurden.

Zwischen dem 12. und 19. Mai 1945 sollen tschechische Rotgardisten deutsche Bewohner der umliegenden Dörfer gezwungen haben, ein Grab auszuheben. Anschließend seien 15 Sudetendeutsche erschlagen und verscharrt worden. Einer der mutmaßlichen Täter, so die tschechische Polizei, lebe noch. Es sei der Sohn des Anführers des Massakers. Der heute 83-Jährige habe als 18-Jähriger an dem Vertreibungsverbrechen teilgenommen.

Die Polizei hatte die Ermittlungen aufgenommen, nachdem neue Dokumente in Archiven sowie verschiedene Zeitzeugenaussagen aufgetaucht waren. Über das Massaker in der deutschen Sprachinsel Iglau, heute Jihlava, hat der tschechische Filmemacher David Vondracek Vorarbeiten zu einem neuen Film aufgenommen.

Vondracek ist in Tschechien kein Unbekannter. In seiner Dokumentation „Töten auf tschechische Art“ zeigte er u.a. Dokumentaraufnahmen von Erschießungen deutscher Zivilisten. Der im Mai im tschechischen Fernsehen ausgestrahlte Film hatte heftige Diskussionen über die Rolle der Tschechen nach Kriegsende ausgelöst. Es gehe ihm nicht um Anklage oder Abrechnung, so David Vondracek. „Ich meine, die Phase der Selbstreflexion über die Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg steht erst am Anfang.“

Das sieht auch die deutsche Schriftstellerin Herma Kennel so, die gemeinsam mit Vondracek bei der Bergung des Grabes von Dobronín anwesend war. In ihrem 2003 veröffentlichten Roman „Bergersdorf“ (Vitalis Verlag Prag) hatte Kennel die Vorgänge, die zum Massaker führten, nicht nur ausführlich geschildert, sondern auch Täternamen genannt. „Bergersdorf“ lautet der Titel ihres Romans, der von der hiesigen Kritik weitgehend unbemerkt blieb. Immerhin hatte die taz das Buch lobend rezensiert und vermutet, dass es sich wohl um eine wahre Geschichte handelt.

In „Bergersdorf“ erzählt Herma Kennel die Geschichte ihrer Schwiegermutter, deren Vater von 1919 bis 1945 Bürgermeister des heutigen Dorfes Kamenná war, ein Nachbardorf von Dobronín, das nach 1939 von den Nazis zum SS-Dorf Bergersdorf ernannt worden war.

Kennel geht es nicht um geschichtspolitische Aufrechnung

Herma Kennel hat für die Rekonstruktion der Familiengeschichte ihres Mannes jahrelang recherchiert. Im Prager Staatsarchiv fand sie konkrete Hinweise, ein tschechischer Freund hat für sie nicht zuletzt Zeitzeugen befragt. Die Stimmung in dem Dorf, in dem damals 92 Tschechen und 249 Deutsche lebten, spitzte sich zu, als es nach einem SS-Mann namens Berger in Bergersdorf umbenannt wurde. Gewiss seien die Deutschen stolz gewesen, so Herma Kennel in einem Interview mit dem Tschechischen Rundfunk. Erst seit vier Jahren im Großdeutschen Reich und schon ein SS-Dorf, habe man sich gesagt. Es habe aber keine Ausschreitungen gegenüber der tschechischen Bevölkerung gegeben, so Kennel.

Der mutmaßliche Anführer des Massakers sei Robert K. gewesen, Glasmacher im Werk Deutsch Schützendorf, ein Kommunist, der die Rotgardisten beim Vertreibungsfuror angeführt habe. Er ist 1974 in Neudorf an der Neiße bei Gablonz gestorben. Sein Sohn Robert soll nunmehr der einzige noch lebende Tatbeteiligte sein.

Er sei später Mitarbeiter des tschechischen Geheimdienstes gewesen, heißt es. Die Polizei ermittelt gegen ihn, und juristisch wird es dabei um die Frage gehen, ob der möglichen Tat durch einen Anhang zu den so genannten Benes-Dekreten Straffreiheit gewährt wird. Möglich ist aber eine Anklage wegen des Verdachts auf Völkermord.

Herma Kennel geht es nicht um geschichtspolitische Aufrechnung. „Die deutsche Seite soll wissen, was die Nationalsozialisten hier von 1939 bis 1945 angerichtet haben. Und gerade die jüngere tschechische Generation soll wissen, was sich im Mai 1945 und vielleicht auch noch die folgenden Monate hier an schlimmen Dingen, an Morden und Plünderungen abgespielt hat.“

Schon möglich, dass der Fall auch auf der vom 16. bis 18. September in der von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung veranstalteten Tagung über „ethnische Säuberungen“ zur Sprache kommen wird. Es ist die erste große Veranstaltung der zuletzt so umstrittenen Stiftung. Dass es dabei eben nicht nur um Verbandsinteressen und politische Ranküne geht, belegen die grausigen Entdeckungen im tschechischen Dorf Dobronín.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  19 | 8 | 2010
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