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Interview: Was war Marx für ein Mensch?

Mario Adorf über Schaffenskraft und -krisen, Revolutionen und den letzten Patriarchen.

Der Schauspieler Mario Adorf ist das Urbild des Patriarchen.
Der Schauspieler Mario Adorf ist das Urbild des Patriarchen.
Foto: dpa

Herr Adorf, mit 80 tragen Sie Ihre Paraderolle endlich auch mal im Titel. Passt „Der letzte Patriarch“ überhaupt noch ins Zeitalter des Managements?

Eigentlich nicht, deshalb bin ich im Film der letzte. Selbst Firmen, die von Persönlichkeiten gegründet wurden, wechseln ihr Führungspersonal aus gegen abstrakte Manager ohne emotionale Bindung an ihre Firma.

Schafft die Krise aus Ihrer Sicht eine neue Sehnsucht nach Führung?

In der großen Blase unrealistischer Werte entsteht neue Sympathie für Führungsanspruch, der auf eigener Schaffenskraft gründet. Ich habe viele dieser Wirtschaftswundertypen kennengelernt als alles in Trümmern lag und niemand glauben mochte, dass es eine neue Kultur, neuen Reichtum, neue Industrie geben könnte. Diese Männer haben sich hingestellt und gesagt: Ich mach das! Sie waren zwar oft rücksichtslos, bisweilen brutal, haben aber etwas geleistet. Als sich das System saturiert hat, wurden die Gestalter durch Sachwalter ohne Bindung ans eigene Werk ersetzt. Ihnen geht es um Karriere, Fortschritt, Geld, nicht Erhaltung.

Spüren Sie das auch in der eigenen Branche?

In der Tat. Gerade international gab es früher Filmproduzenten, die mit eigenem Vermögen für waghalsige Projekte gehaftet haben. In Deutschland fällt mir außer Gyula Trebitsch keiner ein. Wer riskiert heute noch eigenes Geld für eigene Geschichten mit eigener Handschrift? Wenn man eine Idee hat, geht man nicht in die Offensive, sondern sucht sich erst einen Sender oder Verleiher, der es finanziert. Vor der Tat steht die Akquise; da hat das Fernsehen viel Wagemut zerstört. Das steht sinnbildlich für die Gesellschaft insgesamt.

Haben Sie mal eigenes Geld in ein Projekt investiert, das Ihnen so sehr am Herzen lag, dass es ein Scheitern wert gewesen wäre?

Für meine Herzensrolle Karl Marx werde ich es jetzt tun. Bei der Realisierung engagiere ich mich persönlich, weil ich glaube, dass seine Persönlichkeit neues Interesse wachrufen sollte und dies auch tun wird. Gerade in der Krise des Kapitalismus gibt es ein Bedürfnis, zu verstehen, wer der Mann war. Welche Alternative existiert zu diesem System? Was lief bei den Revolutionen falsch? Lag das an ihm? Was war das überhaupt für ein Mensch? Diese Fragen interessieren mich schauspielerisch enorm.

Birgt aber für den Schauspieler Ihres Alters kein Risiko zu scheitern.

Als Schauspieler gerät man generell selten in diese Gefahr, weil man in der Regel zu den letzten zählt, die aufs Pferd springen. Erst dann kann man dem Projekt entgegenkommen, für weniger Gage spielen oder ohne, was ich getan habe. Aber man riskiert doch herzlich wenig.

Das tut man dagegen mit der Rollenwahl, so wie Gert Fröbe nach „Es geschah am hellichten Tag“ lange Zeit kaum Angebote erhielt, weil er fortan aufs Böse gebucht war.

Auch das hat es bei mir gegeben. Man hat mir jahrzehntelang übel genommen, dass ich bei Winnetou N’tschotschie erschossen habe. Als Sympathieträger war ich erst mal passé.

Später wurden Sie zum Prototyp des Patriarchen. Da scheint Ihnen auch dieser Film auf den Leib geschrieben.

Na hoffentlich weniger auf den Leib als auf mein Fähigkeit, ihn mit Leben zu füllen. Es entsprach nie meine Berufsauffassung, mich mit Rollen völlig zu identifizieren. Ein Schauspieler sollte sich wandeln können, in andere Leben hineinversetzen. Deckungsgleichheit ist nicht erstrebenswert.

Dennoch sagen Produzent und Autorin, die Figur sei ohne Sie undenkbar gewesen. Wo liegen dann also die Parallelen zum Patriarchen?

Im Bild, dass die Menschen von meinem Werk haben. Film lebt von visuellen Reizen; dass ich nun verstärkt Patriarchen spiele, hängt auch damit zusammen, dass mein Haar im Alter weiß geworden ist. Das wirkt präsidialer. Trotzdem ist eher der Schauspieler als die Person gefragt, eine Rolle mit Persönlichkeit, Charisma, Charakter zu füllen. Das traut man mir offenbar zu.

Sind das die Attribute des Alters?

Das Alter hilft sicher nicht jedem bei der Vergrößerung des Charismas, aber wenn man über die Anlagen verfügt, ist der Nährboden fruchtbar. Wenn man behauptet, dass ich sie habe, nehme ich das dankbar an; verlassen darf man sich darauf nie. Glaubhaft zu sein bedarf weit mehr als bloßer Ausstrahlung.

Interview: Jan Freitag

Datum:  5 | 9 | 2010
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