Wenn „Die Blechtrommel“ von Günter Grass für einen Theaterabend bei der Ruhrtriennale nachgedichtet wird, hört man die Zahnräder der Geschichte knirschen. Denn hier spielt ein „Jahrhundertroman“ in der Jahrhunderthalle, wie das mit EU-Geld renovierte und in einer spektakulären Parkanlage inszenierte Industriedenkmal heißt. Gegen Ende des Romans gelangt Oskar Matzerath aus Danzig in das Westdeutschland des frühen Wirtschaftswunders. Und wir sitzen, ein halbes Jahrhundert später, in den Ruinen des damaligen Aufschwungs. Das gleichnisschwangere Buch, der postindustrielle Spielort in einer strukturschwachen Region: Diese Last könnte manchen erdrücken – den Theatermacher wie den Zuschauer. Aber Regisseur Jan Bosse und sein Team treffen viele Entscheidungen, die einen offenen Blick auf den Stoff, zum Schluss auch auf den Ort ermöglichen.
Die klügste Entscheidung ist wohl, den Roman auf der Bühne nicht mit einer Generalbedeutung behelligen zu wollen. Die Bühne von Stéphane Laimé rahmt den Ritt durch ein halbes Jahrhundert zwar klar als Bunker. Portal, Decke, Wände, Notlampen. Wenn Grass die Geschichte im Wortsinn von unten erzählt, nämlich mit Oskar, der ab dem dritten Lebensjahr weder wächst noch spricht, sondern trommelt und singt, dann spielt man bei Bosse gleich ganz unten –im Keller der Erinnerung. Ein Knast der Ideen ist das aber nicht. Zum einen, weil sich alle sieben Schauspieler mit der Darstellung von Oskar Matzerath abwechseln. Das verhindert die Festlegung auf ein Bild in der Art von „Matzerath meint eigentlich…“. Zum andern bleibt der Abend deshalb so empfänglich für den großen Stoff, weil er sich über das Buch beugt wie über ein Fotoalbum. Man erzählt, widerspricht sich, nein, das war doch anders.
Kurz: Man doziert nicht, man erzählt. Es ist sehr angenehm, diesen Schauspielern zuzuschauen, wie sie die erinnernde Sprechhaltung deutlich machen, bevor sie blitzschnell in eine darstellende Szene wechseln, womöglich in einer anderen Rolle. Ohne auf leisen Pfoten das Parfum der Innerlichkeit ins Gesicht gesprüht zu kriegen, atmet man so eine Luft von großer Aufmerksamkeit.
Ruth Reinecke steht am Anfang alleine auf der Bühne, wenn sie als Matzeraths Großmutter ruhig vom kaschubischen Kartoffelacker und ihrer Begattung unter den vier Röcken erzählt. Es regnet Kartoffeln, das deutsche Gemüse wird bis zum Schluss des Abends nicht weggeräumt. Der Beginn der Geschichte bleibt so präsent. Und auch der zeigende Gestus ruft sich immer wieder in Erinnerung: Vor der Bühne steht ein Regietisch mit Requisiten und einem Hellraumprojektor, der Familienfotos projiziert. Man legt Wert auf die Transparenz der Theatermittel, was manchmal stark an den verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch erinnert.
Besonders wenn die schwangere Mutter mit dem deutschen Ehemann Matzerath und dem polnischen Lover Bronski am See das Kotzen kriegt, weil sie die Methoden des Aalfischers befremden: Grüne Gummischlangen, eben noch Ess-Spielzeug des Kindes, werden zu Erbrochenem – und unter dem Projektor zu zuckenden Aalen. Als der Krieg Danzig erreicht und die Wunden auch die Körper erreichen, langt man gerne zu Einweckgläsern mit rot-nassen Vorräten. Aber das Ensemble des Berliner Maxim Gorki Theaters, wo man „Die Blechtrommel“ ab Ende des Monats im Repertoire spielen wird, die Berliner machen so was ja noch vor dem Frühstück. Doch es geht dabei eher um die Fallhöhen zwischen den Szenen, um die Wechsel von grob zu zart zu unbeholfen.
Manchmal fließend: Das Nazitum von Matzerath Senior hat bei Ronald Kukulies eine schön stumpfe Pantoffeligkeit, die nichts verharmlost, sondern eher die Banalität des Bösen im Blick hat. Und der polnische Pöstler Bronski ist bei Hans Löw mehr ein normal Verstoßener als ein politisch Überzeugter. Der kleine Oskar ist also nicht der einzige, der sich gegen die übergriffige Geschichte wehrt. So zieht sich der „Jarhundertroman“ allmählich in die Ritzen der Ichfindung zurück.
Der Ansatz, die Erinnerung immer mitzuspielen, trifft allerdings mitten in den Roman. Denn auch Matzeraths Erinnerung wird im Buch in Frage gestellt, nicht zuletzt von ihm selbst. Sein Schreien, das Glas zum Zerspringen bringt, sein Trommeln, das der Sprache misstraut: Man kann das als Verweigerung vor den Verhältnissen und ihren Apparaten der Erinnerung sehen. Nicht umsonst wütet Oskar erst in der Schule, dann demoliert er die Fenster des Theaters. Erst in der Kirche versagen seine Kräfte.
Wo man das Buch geschwätzig finden mag, lindert die freie, aber konzentrierte Bearbeitung von Armin Petras den Schmerz. Es bleibt die Lakonik von Grass, die fast an Brecht erinnert. Das Spiel an diesem hellen Abend tut es sowieso.
Der Spieltrieb dreht zwischendurch auch mal im roten Bereich. Dann zeigt Bosse eher Theatermuskeln als er mit Denkaufgaben spielen würde. Aber das meiste wird durch die konzentrierte Leichtigkeit erst schillernd. Wenn Oskar die Sexualität entdeckt etwa, steht die junge Frau vor der Leinwand, durchaus aufreizend. Und der Hellraumprojektor beschreibt sie mit Filzstift – es ist am Ende wieder die Geschichte eines Kindes.
Jahrhunderthalle, Bochum: 11., 12., 14., 15. September. Im Maxim Gorki Theater, Berlin, ab 26. September. www.ruhrtriennale.de www.gorki.de
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