Herline Koelbl blickte irritiert zurück. Vor einem ihrer Werke im Berliner Martin-Gropius-Bau platziert, schien sie vor den vielen Blitzlichtern zu erschrecken. Darauf angesprochen, sagte sie: "Wissen Sie, man muss sich früh entscheiden, ob man davor oder dahinter stehen will."
Herlinde Koelbl hat dahinter gestanden. Seit mehr als 30 Jahren dokumentiert sie in ihrem abwechslungsreichen fotografischen Werk deutsche Zeit- und Mentalitätsgeschichte, eine Chronistin, die die meiste Zeit ihr eigener Auftraggeber geblieben ist. Künstlerische Unabhängigkeit strahlt ihr Werk von Beginn an aus, als sie hartnäckig die nicht gerade als aufregend empfundene Idee verfolgte, deutsche Wohnzimmer und ihre Bewohner zu fotografieren. Mitte der siebziger Jahre war kaum jemand darauf erpicht, die Sensationen des Gewöhnlichen zu entdecken. Koelbs wichtigstes Arbeitsinstrument, ein einfühlender Blick für die Menschen vor ihrem Objektiv, schien sie bei ihrem Streifzug durch die bundesrepublikanische Privatheit der mittleren Jahre bereits vollkommen sicher zu beherrschen.
Es überrascht, dass die nun gezeigten 450 Arbeiten sowie eine Handvoll Filme die erste umfangreiche Werkschau einer Autorenfotografin ergeben, deren Schaffen längst als kanonisch gelten darf. Ihren Durchbruch bei einem breiteren Publikum hatte sie spätestens 1986, als der Zyklus "Feine Leute" erschien, der einen unerbittlichen, wenn nicht gar bösen Blick auf die Bussi-Gesellschaft warf. Lüsterne Geltungssucht paarte sich hier mit einer piefigen Biederkeit, die die noblen Akteure in ihrer Provinzialität und Statusangst zeigte.
Der denunziatorische Blick auf die feinen Leute hat eine Sonderstellung in Koelbls Schaffen, bevorzugt sie doch eine warmherzige Empathie selbst dort, wo sie enttarnen will. Die meisten ihrer Bilder sind Liebeserklärungen an die Menschen, denen sie im Moment der Aufnahme etwas geraubt, aber auch geschenkt hat.
Obwohl ihr Werk heute als gesellschaftliche Chronik betrachtet werden kann, ist Herlinde Koelbl nicht als Chronistin angetreten. Die notwendige Distanz zu den Porträtierten hat sie sich fast immer geschaffen, indem sie sich einen thematischen Rahmen erzeugte, durch den sie die Welt betrachtete. Männern oder starken Frauen widmete sie sich gewissermaßen wie der Ethnologe bei der Feldforschung einem indigenen Volk. Manche ihrer Arbeiten erinnern an die Werke großer Kollegen wie Robert Mapplethorpe oder Nan Goldin. Aber anders als diese ist Koelbl nicht auf die Demonstration der selbstzerstörerischen Energien aus. Sie zeigt die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers beinahe absichtslos und ohne Botschaft. "Lebensspuren" lautet der Titel eines Kapitels in der Ausstellung, in der Brust und Bauch eines alten weiblichen Körpers ein von Poesie durchdrungenes Faltengebirge ergeben.
Es liegt nahe und klingt trivial zugleich, angesichts der Bilder von Herlinde Koelbl von Zurückerstattung oder Erhaltung der menschlichen Würde zu sprechen. Ihre Sujets sind nah am Kitsch gebaut, aber fast immer hat sie sich zielsicher über solche Zuschreibungen hinweggesetzt. Das Geheimnis ihrer Kunst liegt wohl darin, dass sie bei aller buchstäblichen Objektivität ihres Tuns immer bereit war, sich erschüttern zu lassen.
Ihre wichtigste Serie, sagt Koelbl heute, seien die Porträts jüdischer Menschen gewesen. Das in Eigenregie und ohne finanzielle Absicherung begonnene Projekt war 1989 eines mit ungewissem Ausgang. Heute bildet es eine Enzyklopädie der jüdischen Intelligenz. Die Antlitze so freier Geistesgrößen wie Norbert Elias, Grete Weil und Bruno Bettelheim verraten einiges von deren großer Souveränität, aber auch von deren nie mehr überwundenen existenziellen Verunsicherung.
Weiterhin unabgeschlossen ist die Serie über die Spuren der Macht. 2005 ist die selbstsichere Pose von Kanzler Schröder dahin. Er wirkt derangiert - verloren im Wahlkampf. Ein Jahr später, fern des Machtzentrums, in das er so sehnlichst hineinwollte, hatte er sich wieder gefangen. Bei Koelbl bekommt jeder die Chance auf einen zweiten Blick.
Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, läuft bis zum 1. November. Ein liebevoll gestalteter Katalog ist im Steidl-Verlag erschienen.
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