Zu Friedrich Schillers 250. Geburtstag hat die Klassik Stiftung Weimar eine Ausstellung mit Titel "Schillers Schädel - Physiognomie einer fixen Idee" eröffnet. Es ist schöne Selbstironie, denn die Stiftung war selbst von der Idee besessen, der staunenden Welt das Ding vorzuführen, das einmal Schillers Genie beherbergt hat. Jetzt erklärten Gerichtsmediziner und Genetiker definitiv, dass jener Schädelknochen, worunter für den frommen Schauder einmal "Die Glocke" und "Wilhelm Tell" erdacht wurden, doch nicht Merkmale seiner Schwestern und Söhne in sich trägt.
Die fixe Idee, dass sich am Schädelknochen etwas ablesen ließe, was der darin wohnende Geist ersonnen hat, kommt aus den hirnphysiologischen Spekulationen von Schillers prominentem Zeitgenossen Franz-Josef Gall. Schillers Schädel wurde vermutlich kurz nach seinem Tod aus dem Grab geraubt, nachdem Gall 1798 in Wielands Neuem Teutschen Merkur alle Genies dazu aufgefordert hatte, ihm ihre Schädel zu vermachen, damit er sie für seine Erforschung des Gehirns verwenden konnte.
Am 10. November vor 250 Jahren wurde Friedrich Schiller geboren. Zu diesem Anlass erschienen u.a.: Rüdiger Görner: Schillers Apfel. Szenen, Gedanken und Bilder zu Schillers 250. Geburtstag. Berlin University Press 2009, 144 Seiten, 64 Euro.
Walter Müller-Seidel: Friedrich Schiller und die Poltitik. Verlag C.H. Beck 2009, 400 Seiten , 29,90 Euro. Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. Hanser Verlag 2009, 344 Seiten, 21,50 Euro.
Unser Autor Manfred Schneider ist Professor für Germanistik an der Universität Bochum.
Gall vermutete nämlich, dass sich Begabung und Charakter in Organen des Gehirns ausbildeten und dass herausragende Eigenschaften wie etwa Genialität und Kriminalität von innen her die Hirnschale ausbuchteten und sich von außen ertasten ließen. Da aber kein Genie jener Zeit dem Doktor Gall seinen Schädel in Aussicht stellte, sprangen die Totengräber ein und besorgten dem Mann das nötige Material aus der Tiefe der Friedhöfe.
Wenn sich das Schiller-Jubiläum nun um diese fixe Idee rankt, deutet sich eine Verlegenheit an, dass man sonst nichts Rechtes mehr mit dem einstigen Innen des Dichterschädels anfangen kann. Das scheinen die Nietzsche-Reliquien aus einem anderen Winkel Weimars souffliert zu haben. Denn Anfang 1888 hatte Nietzsche notiert, es sei geradezu kompromittierend, irgendein Wohlgefallen für den Autor Schiller aufzubringen. Wenige Monate später setzte er über den Klassiker in der Götzen-Dämmerung das Wort vom "Moral-Trompeter von Säckingen" in die Welt. Nietzsches Bosheit reicht offenbar noch bis in unsere Tage. Denn kaum ein namhafter Autor im 20. Jahrhundert hat Nietzsches Anathema getrotzt und sich noch intensiv mit Schiller auseinandergesetzt.
Dabei hat kein anderer als Schiller der Willensphilosophie Nietzsches vorgearbeitet und seine ästhetische Theorie auf die Frage nach dem Kraftpotential des Willens zugespitzt. Wenn Nietzsche in der Götzen-Dämmerung den Verbrecher als den starken Menschen "aus dem besten, härtesten und werthvollsten Holze" feiert, dann plappert er dem verachteten Schiller nach. Nahezu alle Theaterthemen, die Schiller aufruft, laden Verbrecher vor. Er bringt nicht nur die kriminellen Brüder Karl und Franz Moor auf die Bühne, sondern ebenso Fiesco, der in Genua einen Staatsstreich verübt, Jeanne d´Arc, als rückfällige Ketzerin 1431 zum Tode verurteilt, sowie die zunächst wegen Gattenmordes angeklagte und 1587 wegen politischer Verschwörung hingerichtete Maria Stuart. Auch die Dramenentwürfe "Warbeck", "Die Polizei", "Die Kinder des Hauses" sind Kriminalfälle. Ebenso schildert die Erzählung "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" von 1787 die kriminelle Karriere eines jungen Mannes. Schließlich steuert Schiller 1792 zu einer deutschen Ausgabe von François Gayot de Pitavals Sammlung aufsehenerregender Kriminalfälle ein Vorwort bei.
In allen diesen Geschichten interessiert Schiller buchstäblich die kriminelle Energie der Täter: das Potenzial großer Handlungen. Und dieses psychologische Interesse an der kriminellen Willensenergie reicht dann tief hinein in seine Ästhetik: Der große Verbrecher ist das prominente Paradigma seiner Kunsttheorie. All dies vor dem Hintergrund, dass seit Mitte des 18. Jahrhunderts der Verbrecher zum Hauptthema der neuen empirischen Menschenwissenschaft emporsteigt. So verlangt beispielsweise Karl Philipp Moritz 1782 in seinem Vorschlag zu einem Magazin für Erfahrungsseelenkunde, dass diese neue Wissenschaft vor allem die Biographien der Verbrecher erforschen soll.
Schillers Theater ist angelegt als moralische Anstalt zur Beobachtung des Wollens, und der Verbrecher verkörpert die außerordentlichen Kräfte des Willens. Der Wille aber ist für ihn keine gesetzesmoralische Größe. Der Wille ist das Handlungspotenzial eines Menschen. Die Menschenwelt unterscheidet sich nicht in erster Linie durch soziale oder moralische Differenzen, sondern nach Willenstypen. Bereits in der Vorrede zu den "Räubern" heißt es, dass der "große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen (hat) als der kleine".
Das große Verbrechen wie die gute Tat erfordern Willenskräfte, die aus der gleichen psychischen Quelle kommen. Durch Schillers gesamtes Werk zieht sich der Gedanke, dass die Differenz zwischen dem edlen Helden und dem Verbrecher lediglich einer zufälligen Verschiebung zuzuschreiben ist. Gemessen in psychischen Energiequanten sind die gute oder die böse Tat gleich. Den positiven oder negativen Helden trennt nur ein Häutchen Zufall voneinander.
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