Schiff ahoi, Schiff ahoi, auf dem Meer kennen wir uns aus." Das Meer besteht aus kantigen Linien, deren ruckartige Bewegungen sich bei genauerem Hinsehen regelmäßig wiederholen. Einen "Zyklus" nennen Trickzeichner diese endlosen Serien weniger Zeichnungen, bei denen die erste Phase gleich der letzten ist. Einmal gezeichnet, auf Folie übertragen und - damals noch handkoloriert - hat nur der Kameraassistent noch Arbeit mit ihnen, der die Bögen wechselt, nachdem er dreimal hintereinander auf den Einzelbildauslöser gedrückt hat.
Kein Kind der 70er Jahre beklagte sich über die unerhörte Vereinfachung in der Trickfilmherstellung, wie man sie damals in Japan perfektionierte. Immerhin war man von der Augsburger Puppenkiste Meereswellen aus Zellophan gewohnt.
Mit der ZDF-Trickserie "Wicke und die starken Männer" wurde das Monopol der Augsburger für kultverdächtige Kindererzählungen im Fernsehen gebrochen - von einem Redakteur, der es wissen musste. Josef Göhlen, der heute 78-jährige Pionier der Familienunterhaltung, hatte schon die literarische Vorlage zum Puppenkisten-Mehrteiler "Bill Bo und seine Kumpane" geschrieben. Diese Räubergeschichte konnte eine gewisse Nähe zur Buchserie des Schweden Runer Jonsson nicht verhehlen: Hier wie dort herrschen nicht gerade Gesetzestreue, und doch will man dem etwas tölpelhaften Bandenführer nichts übel nehmen. Der große Unterschied zu Jonssons 1963 erstmals erschienener und zwei Jahre später mit dem deutschen Jugendbuchpreis prämierten lterarischen Erfindung aber ist das moralische Korrektiv in Gestalt eines Kindes, des blitzgescheiten Knaben Wickie.
"Der schreckliche Sven" ersetzt die Friesen als Feind
Josef Göhlen, der die ZDF-Kinder- und Jugendredaktion leitete, wollte aus Wickie zunächst eine 13-teilige Puppenserie machen. Da es jedoch teurer war, in Deutschland ein Paar Marionetten zu bewegen, als in Japan zehntausend Zeichnungen, öffnete man 1973 einer Kunstform den deutschen Markt, für die sich erst später weltweit der Name Anime durchsetzen sollte - den epischen japanischen Animationsfilm.
Gemeinsam mit den Kollegen aus Österreich und einer Kirch-Firma initiierte das ZDF damals eine auch für Japan neuartige Produktionsform, die Adaption europäischer Kinderbuchklassiker in Serienform. Noch heute wird dieses Rezept nachgekocht.
Zeichentrickserien, die statt dem visuellen Humor der damals im ZDF ebenso populären wie bei Jugendschützern bekämpften "Schweinchen-Dick"-Filme der 1940er und 1950er Jahre oder dem Sitcom-Humor der "Familie Feuerstein" dramatische Erzählbögen spannen, gab es damals nicht.
Die Grundlage des Erfolgs der Serie "Wickie und die starken Männer" war neben den unverkennbaren Figuren und den buntfarbigen Hintergründen vor allem die Qualität der Drehbücher, die Jonssons Romanen bis ins Detail die Treue hielten. Nur in einem Punkt zähmte man das Werk des schwedischen Journalisten: Die Schrecken der Meere waren nun nicht mehr die Friesen, sondern ein wilder Koloss mit altnordischem Namen: "Der schreckliche Sven".
Das US-amerikanische Fernsehen hatte bereits 1966 mit dem führenden Künstler der Mangahefte, Osamu Tezuka, kooperiert. Das Ergebnis, Kimba - der weiße Löwe, erreichte jedoch erst 1977 Josef Göhlens ZDF-Redaktion. Da hatten Wickie und die Wikinger das Territorium bereits erobert. Das produzierende Zuiyo-Studio wurde bald darauf unter dem "Nippon-Animation" die Wirkungsstätte der berühmtesten Anime-Künstler überhaupt, Hayao Miyazaki und Isao Takahata, die - nun nicht mehr im direkten ZDF-Auftrag - die ebenso erfolgreiche Serie "Heidi" schufen.
Bully Herbigs Verfilmung eher einfallslos
Einen zweistelligen Millionenbetrag verwendete jetzt die Constantin-Film auf ihr Wickie-Remake fürs Kino - eine ganze Serie hätte man in Mainz damals dafür bekommen. Und doch betont aller äußerer Aufwand nur die Einfallslosigkeit von Bully Herbigs Annäherung. Dabei ist Herbig kein schlechter Filmemacher: In seinem Debüt "Der Schuh des Manitu" hatte er sich von der vergangenen Ästhetik europäischer Western zu einer auch filmisch überzeugenden Parodie anregen lassen. Sein "Wickie" verrät zwar noch mehr Ehrfurcht vor der liebgewonnen Kindheitserinnerung; doch es ist ein lähmender Respekt, der keinen zündenden Witz hervorbringt.
Wie liebevoll hatten sich Jonsson und die ersten Regisseure von "Wickie", Chikao Katsui und Hiroshi Saito all ihre sagenhaften Burgen ausgemalt, die von dicken Königen, albernen Gauklern und trinkfreudigen Kerkermeistern bewohnt waren. Nichts davon, kein Türmchen und keine Zinne, gibt dieser reiche und doch armselige Kinofilm wieder, dessen kontraproduktive Großmannsucht schon in der Filmmusik ertönt: Komponist Ralf Wengenmeyer beutet hemmungslos die Fernseh-Themen des verstorbenen Tschechen Karel Svoboda aus. Doch wo dieser mit zwei Posaunen und einer Bassgitarre Spannung schürte, erreicht Wengenmeyer nichts mit zwanzig Streichern.
Dass Herbigs "Wickie und die starken Männer" dennoch reichlich Beute an der Kinokasse machen wird, liegt einzig und allein an der Unsterblichkeit der alten Recken: Tjure und Snorre, Ulme und Urobe, Gorm und wer wollte ihn vergessen, Halvar von Flake. Von unstrittiger Größe an Herbigs Film ist sein schrecklicher Sven, hinreißend verkörpert vom Fassbinder-Schauspieler Günther Kaufmann. Als "Whitey" war er schon ein Star, als man 1972 in Japan die erste Wickie-Zeichnung machte.
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