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22. Januar 2013

Wilhelm Genazino: Spaziergänger und Filou

 Von Christian Thomas
Der Jäger und Sammler abstruser Alltäglichkeiten auf der Pirsch: Wilhelm Genazino. Foto: dpa

Seine Helden wollen Antihelden sein, seine Komik liegt im Alltäglich-Harmlosen: Der Frankfurter Schriftsteller und Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino wird heute 70 Jahre alt.

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Da geht er. Schon unterläuft er. Das Übliche ganz bestimmt, während er den Leser an die Hand nimmt für seine „Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“. Es sind nicht die ersten „Spaziergänge“, die Wilhelm Genazino veröffentlicht. So geht er schon lange, bummelnd, die schnöde Realität säumend. Denn leer ist die Geschäftigkeit. Kurios die vorbeiflutende Betriebsamkeit. Wie dieser ganzen Lage begegnen?

Das Werk, auch das Romanwerk Wilhelm Genazinos fußt auf der Passion der Flanerie. Immerzu läuft er, so ist er aktiv. Stellt sich doch gerade auf Spaziergängen eine starke Empfindsamkeit für Abwegiges ein. Denn Flanerie ist in besonderer Weise gezielte Zielunsicherheit. Zielunsicherheit ist ein typisches Genazino-Wort. Und die Empfindsamkeit für die Zielunsicherheit hat Wilhelm Genazino, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, nicht nur zu Frankfurts größtem Flaneur gemacht; er ist bis heute auch ein Filou geblieben. Der Flaneur dringt in die Stadt ein, aber er bleibt bei diesem Vorgehen ein Aktivist im Abseits. Ein Sektierer ebenso wie ein Spötter. Die Treue dazu hat sich der Schriftsteller Wilhelm Genazino bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Was unscheinbar anmutet, ist es nicht

Zur Beglaubigung vielleicht ein nagelneues Zitat? Wo doch bereits der Buchtitel der Spaziergänge vielversprechend ist: „Tarzan am Main“. Wir müssen es, der Sperrfrist wegen, umgehen. Sie läuft erst in der kommenden Woche ab, eine Woche nach dem Geburtstag des Büchnerpreisträgers (2004), eine Woche vor der Buchvorstellung in Frankfurt, im Literaturhaus. Es wird sich an diesem Ort erweisen, dass Genazinos listig-lockere Ansammlung von „Tarzan“-Miniaturen nicht nur eine Frankfurtflanerie darstellt. Sie liest sich auch als Flanerie durch das Berufsleben des Schriftstellers Genazino.

Davon wie von den Umwegen im Laufe einer Schriftstellerexistenz erzählt auch das vorletzte Buch Genazinos, „Idyllen in der Halbnatur“. Vor einem halben Jahr erschienen, lasen sich die „Idyllen“ als eine vorläufige ästhetische Bilanz des Romanciers Genazino, der unter den großen deutschen Gegenwartsschriftstellern ein Großmeister „veritabler Mini-Menetekel“ ist. Denn was unscheinbar anmutet, ist es nicht.

Das Harmlose hat eine jederzeit unheimliche Ausstrahlung. Genazinos Mini-Menetekel sind Keimzellen des Komischen. Ein gutes Beispiel ist der Roman „Die Liebesblödigkeit“; auch hier agiert ein Protagonist, der in seinem täglichen Verhalten Peinlichkeiten nicht nur produziert sondern regelrecht akkumuliert. Einerseits ist er seiner Umgebung ein eher unscheinbarer Zeitgenosse, ein Anpassungsartist. Zugleich aber ist er beseelt von einer großen Sehnsucht nach einer unangepassten Existenz, auch sexuell. Da machen die Männer Genazinos einen oft renitenten Eindruck. Sehr komisch die Wirkung auch in diesem Kontext, zumal die Blamagen (im Bett) groß sind.

Genazinos Helden wollen im Grunde Antihelden sein, Akteure jenseits der gesellschaftlichen Norm. Im Tagtraum gehen sie eine Existenz jenseits der Konventionen ab, viele von ihnen dösen von einem gerissenen Außenseitertum im Getriebe der Angestelltenwelt. In ihr, der Angestelltenwelt, hat Wilhelm Genazino seine Fremdlinge von Anfang an angesiedelt, so bereits mit seinen „Abschaffel“-Romanen. Genazino hat mit ihnen nicht debütiert, aber die „Abschaffel“-Trilogie machte ihn in den 1970er Jahren bekannt. Hier stand der erste Satz, so etwas wie ein Keimzellensatz, wie man heute weiß: „Weil seine Lage unabänderlich war, musste Abschaffel arbeiten.“

Das Unabänderliche durchzieht das Gesamtwerk Genazinos, und zwar unerbittlich. Genazinos Romanfiguren sind prekär (mit sich selbst) Beschäftigte. Zu einem einigermaßen befriedigenden Leben sind sie permanent nur provisorisch in der Lage. Mag auch das Romanwerk Genazinos sehr handlungsarm sein – groß ist die innere Hektik der Figuren.

Nehmen wir ein Zitat aus einem etwas ins Abseits geratenen Werk, dem Wirtschaftswunderroman „Die Liebe zur Einfalt“; da lesen wir: „Das Leben war etwas, das noch einzutreten hatte.“ Aus dem Pathos einer hilflos gespreizten Formulierung ergibt sich der unverwechselbare Genazino-Ton, das komische Sprechen seiner Figuren. Ein immer etwas übertriebenes Sprechen, das die Wirklichkeit verfehlt, aber heimlich Wünsche und Triebe bekennt.

Kein einziger Protagonist Genazinos ohne extreme Marotten, ohne Idiosynkrasien gegenüber seiner unmittelbaren Umgebung. Diese starken Abneigungen, diese Überempfindlichkeiten werden ungemein gepflegt, bis hin zum Peinlichen. Diese Pflege, die eine ausgeprägte Selbstpflege ist, dient dem Durchwursteln unter Lebensumständen, die eine einzige große Überforderung darstellen.

Eine Lage, die einzig Schieflage ist

Wie die ganze Misere artikulieren? Da hat dann der Leser das exquisite Leseglück, dass die Egomanen Genazinos ausgewiesene Aktivisten des inneren Monologs sind. Die Verstiegenheiten in ihn hinein sind horrend, die Folgen einer enormen Innerlichkeitsinkontinenz beträchtlich: „Immer bewegen sich schwere Dinge in meinem Innern“, heißt es in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Weil das gesellschaftliche Ich eine „wacklige Erfindung (geworden) ist“, steht das Genazino-Ich dem nicht nach, erst recht nicht als Akteur in heiklen Liebesverhältnissen, in denen er sich dann auch wund legt. Die Lage ist eine einzige unabänderliche Glücksferne.

In den „Idyllen in der Halbnatur“, einer fulminanten Selbstbeschreibung des eigenen Werks, einer bestechenden Selbstoffenlegung des poetologischen Programms wimmelt es von sinnfälligen Zitaten. „Umhergehen“, heißt es, „sei eine Art Entgegenkommen für die überall verborgenen Ereignisse der Poesie.“ Es gibt für dieses Umhergehen Bedingungen – die fundamentalste: Stets will die Flanerie mit sich mutterseelenallein sein. Sie duldet keinen Augenzeugen bei ihrem asozialen Schlendern und Schauen. Doch nicht nur deshalb vollzieht sich das Umhergehen unter besonderen Bedingungen. Was diese in den Büchern Wilhelm Genazinos freigeben, offenbart eine Lage, die eine einzige Schieflage ist.

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