Der wütende Rassismus William Frederick Kohlers erstreckt sich auf die ganze Menschheit. Der Professor für Geschichte hasst seine Studenten und Kollegen, diese selbstgerechten Liberalen und „dämlichen Idioten“, er hasst seine Frau, die ihn schon lange nicht mehr in ihr Bett lässt, seine Kinder, und natürlich alle Juden, Nigger und Kanaken. Am meisten aber hasst er sich selbst, diesen fetten, bösen alten Mann, der sein Leben vermurkst hat und jetzt auch noch sein „Großes Werk“ verpfuscht. Eigentlich muss Kohler nur noch die Vorrede für „Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland“ schreiben; aber Voraussetzungen und Konsequenzen, Form und Zweck seines Opus magnum werden ihm immer mehr suspekt. „Ich wollte dieses Buch wie einen Triumphbogen errichten, aber was ist an etwas Schiefem triumphal?“
Wenn er nicht gerade seinem Menschenhass Luft macht oder mit sich selbst hadert, entwirft der „staatlich geprüfte Nazi“ für seine „Partei der Enttäuschten“ bunte Wimpel, Abzeichen und Uniformen (die seinen durch Frakturschrift, SS-Runen und andere typographische Experimente verzierten Roman streckenweise zu einem Bilderbuch machen). Parteien organisieren die menschliche Schwäche, und in diesem Sinne rächt sich Kohler mit einem Inneren Reichsparteitag wüster Pöbeleien und Vernichtungsfantasien für ein Leben voller Enttäuschungen. Hitler war kein Unfall der deutschen Geschichte: Solange es Versager, Frustrierte, zu kurz Gekommene gibt, träumen Menschen überall und immer von der starken Hand eines Führers, von einem „Faschismus des Herzens“, der ihrem ungelebten Leben Sinn gibt.
Kohler fühlt sich in jeder Hinsicht zu kurz gekommen: Sein „mickriger Schniedel“, seine freudlose Kindheit (die Mutter war Alkoholikerin, der Vater ein verbitterter Familientyrann), die verweigerte Anerkennung als Mann und Vater, Schriftsteller und Wissenschaftler nagten von jeher an seinem Selbstbewußtsein. Als Kind floh er in die Traumwelt der Taschenbücher und Comics; ein Deutschlandaufenthalt machte ihn 1938 zum glühenden Nazi. Hitler, erklärte ihm damals der nietzscheanisch durchgeknallte, Mad Meg genannte deutsche Geschichtsphilosoph, war kein Monster: Er habe nur „anderen das Monströse entlockt“ und mit seiner Lektion der Katastrophe „wie Spucke unser Denken aufpoliert“.
Mit den Opfern zu fühlen ist leicht; schwieriger, undankbarer, aber auch verheißungsvoller erscheint Kohler die Identifikation mit den Tätern und jubelnden Mitläufern. „Ich wäre ihm gefolgt, bloß um abzurechnen; bloß um für Konsterniertheit zu sorgen; bloß um mit dem Mund zu kommen, in den ich Heil! ejakuliere; bloß um mich der großen Sippe anzuschließen, die er geschaffen hat … Ich hätte eine Siegermannschaft unterstützt, ich trüge eine verdammt schicke Uniform, ich wäre zwar nur ein kleiner Finger, aber in einer großen Faust.“
Der mittlerweile 87-jährige amerikanische Autor William H. Gass, Verfasser von drei Romanen und sieben Essaybänden, will das Unvorstellbare denken. Der Faschist des Herzens ist nicht wie Louis-Ferdinand Céline oder Ezra Pound ein Überzeugungstäter. Er will mit seinem Buch die Grenzen der Literatur neu abstecken und den Leser in eine Falle locken: Das Böse steckt in uns allen, der Nazi auch und gerade im distinguierten Intellektuellen. Während Kohler im Geiste (und auf dem Stuhl) seines verehrten Meisters Mad Meg Amok läuft, gräbt er im Keller ein Loch. Der Tunnel ist sein eigentliches Lebenswerk, sein „Mein Kampf“. Der Roman „Der Tunnel“, an dem Gass fast dreißig Jahre arbeitete, ist eine monströse Abrechnung mit den Illusionen und Weltverbesserungsutopien des 20. Jahrhunderts, ein peinigendes, peinliches Selbstverhör – und ein Meisterwerk der amerikanischen Postmoderne.
Gass bezeichnet sich selber lieber als „Spätmoderner“. Arnold Schönberg, Gertrude Stein oder Beckett stehen ihm näher als Popkultur und Thomas Pynchon. Wie Proust kriecht er auf der Suche nach der verlorenen Zeit tief in das Tunnellabyrinth seiner Erinnerungen, wie Joyce im „Ulysses“ beschreibt er Kohlers Tagesablauf minutiös vom morgendlichen Stuhlgang bis zu seinen sexuellen Begegnungen mit imaginären Geliebten wie Lou, Susu oder Ruth. 1995 erschienen, mit dem National Book Award ausgezeichnet und jetzt endlich von Nikolaus Stingl kongenial übersetzt, ist Gass’ „Großes Werk“ der Inbegriff einer Great American Novel: hypnotisch, poetisch, schwierig, ausschweifend, manchmal rasend komisch. Politisch und moralisch ist es freilich eine Provokation, und entsprechend zwiespältig reagierte auch die amerikanische Kritik. Susan Sontag schwärmte von einem unbarmherzig schönen Meisterwerk, aber die meisten Rezensenten (ganz zu schweigen von den jüdischen Opferverbänden) empfanden Kohlers antisemitische Tiraden als „widerwärtig“: Den Holocaust mit einem mickrigen „Hänschenklein“ zu relativieren, das Ehebett mit Bergen-Belsen zu vergleichen, ist in der Tat eine schwer erträgliche Zumutung.
Natürlich sind Kohler und Gass trotz mancher Gemeinsamkeiten – beide sind in Fargo in North Dakota geboren, Rilke-Übersetzer und profunde Kenner der deutschen Literatur und Geschichte – nicht identisch. Gass hat nicht umsonst über die Philosophie der Metapher promoviert: Im Tunnel, seinem Abgrund und Zufluchtsort, kann er alles „sagen, wofür ich Eier, Luft und Zunge habe“. „Es gibt keine Tabus, nur schlechten Stil“, schrieb er einmal in einem Essay.
Gass hätte seinen Monsterroman gern mit Pop-up-Penissen, Fußnoten, Tintenklecksen und Eselsohren als „dubiosen Dummerjungenstreich“ eines trotzigen Kindes markiert, aber das machte sein Verleger nicht mit. Abgesehen davon ist ein pubertärer Comic in der Regel nicht 1 100 Seiten lang. Der totale Anspruch, die Hegel- und Heidegger-Zitate, der einschüchternde philosophische, geschichtliche und literarische Apparat des Universalgelehrten machen diesen amerikanischen „Tunnel“ zu einem sehr deutschen Konzept- und Ideenroman.
Natürlich lassen sich weder Hitlers „schöne Barbareien“ noch Kohlers düsterer Geschichtspessimismus in einem „disziplinierten akademischen Stil“ beschreiben. „Mein Buch schreit seine Befehle heraus, und die Ereignisse sind darin verteilt wie dekorative Rosinen auf einem Keks; es schnaubt den Wind, in dem es flattert.“ Wunderbar präzise Erinnerungen an die Schiefertafeln, Süßigkeiten und Heuschreckenschwärme einer Kindheit im Mittleren Westen mischen sich mit Szenen einer Ehehölle, gallige Campus-Satiren mit kruden Faschismustheorien, explodierende Sprachsplitter mit obszönen Auschwitz-Limericks und fröhlichen Kalauern, monomanischer Größenwahn mit kleinlauten Selbstzweifeln.
Kohler weiß (wie wohl auch Gass), dass man ihn für seine „abscheuliche Buddelei“ verfluchen wird. Aber Geschichte ist nun einmal eine endlose Kette von Kränkungen, Enttäuschungen und Rache. Kein Licht am Ende dieses Tunnels, nur reine Literatur: „Schreiben heißt sich vor der Geschichte verstecken, sich weigern, irgend zu sterben … schreiben heißt lügen … auf der Lauer liegen“.
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