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19. November 2008

Wim Wenders-Film: Vielleicht ein neues Leben

 Von MICHAEL KOHLER
Digitale Bilder haben die Tendenz, sich von der Wirklichkeit zu lösen. Sind analoge besser?  Foto: Senator Film

Wim Wenders' Film "Palermo Shooting" dreht sich wieder um letzte Wahrheiten des Bildermachens. Leider scheint er das Vertrauen in seine eigenen Bilder verloren zu haben. Von Michael Kohler

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Amerika war immer das Sehnsuchtsland von Wim Wenders. Dorthin zog es ihn in Gedanken und so oft wie möglich auch in seinen Filmen. Man stellt sich diese Bewegung vielleicht am besten als reinigenden Gang in die Wüste vor, mit den klassischen Werken Hollywoods als Kompass. So sind seine schönsten Filme entstanden, zuletzt "Land of Plenty", eine kleine Arbeit, mit der sich Wenders die Wartezeit auf den kurzfristig aufgeschobenen Spätwestern "Don't Come Knocking" vertrieb. Es geht darin um die Suche eines Mannes nach sich selbst und die verschütteten Versprechen des American Way of Life. Der Held war natürlich zum Teil auch Wim Wenders selbst, der mit der Digitalkamera noch einmal die wunderbare Freiheit des Filmemachens beschwor.

Im neuen Film von Wim Wenders kehren diese Motive ganz ähnlich wieder, und doch ist beinahe alles anders. "Palermo Shooting" beginnt mit einem Traum, aus dem der erfolgreiche deutsche Fotograf Finn erwacht. Die Surrealisten hätten ihren Spaß an den übereinander stürzenden Motiven gehabt, entscheidend ist jedoch, dass sich der Traum aus digital getricksten Bildern zusammensetzt. Auch wenn Finn aus dem Fenster seines futuristischen Studios schaut, sieht er auf eine wie aus dem Photoshop importierte Landschaft.

Offenbar erschafft der nach dem Vorbild des Düsseldorfer Fotokünstlers Andreas Gursky modellierte Finn nicht nur eine Welt beliebig manipulierbarer Oberflächen. Er lebt auch in einer solchen. Einmal sagt der schlaflose Finn, er wisse kaum noch zwischen Wachen und Träumen zu unterscheiden, und Wenders gibt ihm mit der Machart seiner Bilder recht.

Eines Nachts begegnet Finn dann dem leibhaftigen Tod. Er weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch auch so wirft ihn der rasend schnelle Geisterfahrer aus der Lebensbahn. Nach dem beinahe tödlichen Zusammenstoß steigt Finn aus seinem Wagen und weiß, dass sich alles ändern muss; die beiden Einfahrt-Verboten- Schilder in seinem Rücken signalisieren dem Publikum: Von hier führt kein Weg zurück. In der nächsten Szene lässt Finn eine Schallplatte kreisen, worauf ihm der Geist Lou Reeds erscheint und sein eigenes Lied mit summt.

Da haben wir den klassischen Wenders-Helden: am Ende seiner Gewissheiten angelangt und offen für das Neue. Finn fliegt für eine Auftragsarbeit nach Palermo, bleibt nach erledigter Arbeit dort und geht mit einer analogen Kamera in der malerischen Altstadt auf Entdeckungsreise.

Filmtrailer: Palermo Shooting

Spätestens jetzt schwant einem, worauf Wenders hinaus will: Der digitale Geist soll zurück in seine Flasche, das analoge Bild soll zu seinem angestammten Recht kommen. Eine Pointe hat Wenders allerdings noch buchstäblich im Köcher: Der Tod ist dem Fotografen nach Palermo gefolgt und schießt mit imaginären, im Film digital erzeugten Pfeilen auf ihn. Später wird er Finn erklären, dass ihn sein schlechter Ruf verdrieße, weil man erst durch die Existenz des Todes das Leben zu schätzen wisse.

Ähnliches hat auch Wenders im Sinn: Das digitale Bild ist für ihn der Tod der Wirklichkeit, betont dadurch aber auch noch einmal deren Wert. In "Palermo Shooting" geht es also wieder einmal um die letzten Wahrheiten des Filmemachens.

Selten hat es Wim Wenders seinem Publikum allerdings so schwer gemacht, ihm auf seinem Weg zu folgen. Ein versierter Drehbuchautor war Wenders nie, dieses Mal verwechselt er sein Publikum zudem noch mit einem begriffsstutzigen Kind. Alles wird so lange wiederholt, bis die Botschaft auch beim Einfältigsten sitzt. Das Traurige daran ist, dass Wenders das Vertrauen in seine Bilder verloren zu haben scheint.

Der Tod, sagt Jean Paul, ist ein Pfeil, der im Augenblick der Geburt abgeschossen wurde, und uns am Ende trifft. In "Palermo Shooting" gewährt er dem Helden vielleicht ein neues Leben, jedenfalls verwandelt sich sein Pfeil mitten im Flug in eine Sendung des Liebesboten Amor. Gemeinsam mit der Restauratorin Flavia studiert Finn das Fresko "Triompho de la morte" und findet darauf eine darstellerische Prägnanz, die man im Film schmerzlich vermisst.

An Hauptdarsteller Campino hat das übrigens nicht gelegen. Der Sänger der Toten Hosen weiß aus Erfahrung, wie man sich vor der Kamera bewegt, wie man lässig steht und ohne Worte vieles sagen kann. Früher waren bei Wenders oft die Szenen am schönsten, in denen nichts passierte und eine gänzlich offene Haltung zum Leben und Filmen zum Vorschein kam. Davon ist Palermo meilenweit entfernt.

Palermo Shooting, Regie: Wim Wenders, mit Campino. Deutschland 2008, 124 Minuten.

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