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Hartz-IV-Debatte: Wir brauchen eine Ästhetik der Schwäche

Für eine Politik der zweiten Chance, die den sozial Schwachen hilft, brauchen wir ein Gespür für das Scheitern. Unsere Vorstellung von Schwäche darf nicht in die Falle platter Leistungsbegriffe tappen.

Rachs Restaurantschule: Die Azubis sollen heute alleine für die Chefs kochen. Tim schält den Ingwer.
Rachs Restaurantschule: Die Azubis sollen heute alleine für die "Chefs" kochen. Tim schält den Ingwer.
Foto: RTL/Knud Eggers

Jeder will stark sein. Man kann es auf den Trottoirs beobachten, wo die Kultur des Ausweichens deutlich auf dem Rückzug ist. Es kommt darauf an, seinen Weg zu machen. Da könnte es als falsches Signal verstanden werden, anderen den Vortritt zu lassen. Selbst wer nichts hat und wenig darstellt, schreitet breitschultrig voran. „Respekt“ ertönt nicht nur als Vokabel aus beinahe jedem zweiten Rapper-Reim.
Jeder will stark sein, aber immer öfter geraten dabei die Schwachen in den Blick. Was zunächst unter dem Stichwort Unterschichten-Fernsehen diskutiert wurde, hat sich zu einem gesellschaftlichen Hartz-IV-Biotop ausgeweitet. Schlechte Ernährung, schlechter Geschmack und ein auffälliger Mangel an Körperbewusstsein sind die Merkmale eines Milieus, das von sich selbst nichts erwartet und von den meisten abgeschrieben wird. Wenn sie nach ihrer Zukunft befragt werden, sagen sie „hartzen“, aber tatsächlich haben die Hartz-IV-Reformen der rot-grünen Koalition dieses Milieu weniger erzeugt als sichtbar gemacht. An die Stelle eines proletarischen Klassenbewusstseins sind trotzig-prollige Lebenszeichen getreten.
Die einstmals für bare Münze genommene Illusion einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft ist zerplatzt. Es ist schwer, nach oben zu kommen, und es gibt wieder viel Unten. Die formale Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe hat über das Prinzip des Förderns und Forderns unterdessen viele Empfänger von Transferleistungen zurückgespült an die Ränder eines Arbeitsmarkts, der kaum etwas mit ihnen anzufangen weiß. Das ist längst nicht nur ein Versagen des Marktes und seiner Vermittlungsagenturen.
Machen wir uns nichts vor: Es gibt massenhaft Menschen, die den Anforderungen eines geregelten Arbeitsverhältnisses nicht oder nur bedingt gewachsen sind. In den zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnissen, in Ein-Euro-Jobs, aber auch dort, wo sogenannte Mehraufwandentschädigungen gezahlt werden, geht es nicht zuletzt darum, elementare Voraussetzungen wie pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz und die verlässliche Verrichtung einfacher Aufgaben zu erlernen oder wieder einzuüben. Politik und Wirtschaft haben sich lange damit schwergetan, diese Defizite überhaupt zu benennen. Eine Gesellschaft, die auf Qualifizierung und Flexibilität ausgerichtet ist, hat kein Sensorium für eine Phänomenologie der Schwäche.
Früh bemerkt wurde das weite Feld der Unzulänglichkeiten von den Sozialwissenschaften, die in bewusst zuspitzender Diktion von den „Überflüssigen“ sprechen, die wenig können und die keiner will. Sie blieben zurück an den Orten, an denen die Arbeit verschwand. Sie sind keine Verlierer eines konjunkturellen Zyklus, ihre schlechten Aussichten scheinen auf Dauer gestellt.

Von den "Überflüssigen" ist die Rede


Wer die Überflüssigen sind und wie sie sich verhalten, kann man derzeit in der RTL-Sendung „Rachs Restaurantschule“ sehen. Im Format einer Dokusoap bringt der Hamburger Sterne-Koch Christian Rach die Generation der Verlierer und Ausgeschlossenen zurück an den Herd und probiert mit ihnen eine ambitionierte Restaurantgründung. Die jungen Leute sind fahrig und antriebsschwach. Manch einer ist körperlich kaum in der Lage, im Job in der Küche zu bestehen. Einige kommen aus dem Knast.
Die Macher der RTL-Sendung führen die Schwächen der Generation Chancenlos vor, aber noch mehr setzen sie auf den Zündeffekt, den das Projekt auslösen soll. Anders als bei den Casting-Shows für Sänger und Topmodells, in denen rasche Teilhabe am Starsystem suggeriert wird, geht es hier um die Botschaft, dass Chancen nicht voraussetzungslos zu haben sind. Für Rach ist das Restaurant im Hamburger Chile-Haus ein demonstrativer Versuch, unternehmerische Verantwortung neu zu definieren. Die Gescheiterten sollen eine Rückfahrkarte lösen.
Die Formel vom großen Scheitern ist seit einiger Zeit auch der Taktgeber des politischen Diskurses. Wer die Dekadenz der trägen Leistungsempfänger zum Thema seiner Erzählung vom nationalen Niedergang macht, kann sich der Aufmerksamkeit der unzufriedenen Mittelschicht gewiss sein.
Ganz falsch liegen die Sprecher der populistischen Katheder auf der Ebene der Beschreibung nicht. Was daraus folgen könnte, wird aber meist im politischen Palaver über spätrömische Dekadenz und andere Exkurse in die Geschichte geschreddert. Thilo Sarrazins Kritik an der Integrationsverweigerung nachwachsender Migrantengenerationen und am dumpfen Hedonismus der Unterschichten hätte als politische Intervention allenfalls fruchtbar sein können, wenn er einen Optionsraum für zweite Chancen anzubieten hätte. Christian Rachs Herdgehilfen stellen ja unter Beweis, dass einige es trotz schlechter Prognosen schaffen wollen und werden. Zu einer Politik der zweiten Chancen bedarf es eines Gespürs für das Scheitern und einer Vorstellung von Schwäche, die nicht in die Falle eindimensionaler Leistungsbegriffe rennt.
Geht es in der Wirtschaft immer um Zahlungen und Nicht-Zahlungen, so sind auf den gesellschaftlichen Märkten meist diverse Währungen in Umlauf, die nicht unbedingt kompatibel sind. Soziale Integrität bringt Anerkennung, meistens aber kein Geld. Der Wert situativer Intelligenz und Originalität wird nicht immer sofort erkannt. Charme und Attraktivität garantieren nicht zwangsläufig berufliche Karrieren. Es käme also darauf an, den Funktionsmechanismen der Effizienz eine Ästhetik des Scheiterns und der Schwäche an die Seite zu stellen, die offen ist für die Fragilität individueller Biografien, ohne sie sozialromantisch zu verklären. Rachs Beispiel zeigt, dass soziale Reintegration nicht im pädagogischen Kokon erfolgen muss.
Am weitesten war diesbezüglich der künstlerische Mehrkämpfer Christoph Schlingensief. Seine Gründung der Partei Chance 2000, die das Scheitern als Chance propagierte, war mehr als eine schrille Intervention. Schlingensief war zur Stelle, wenn es darum ging, die Akteursfiktionen von Ausgeschlossenen, Behinderten und Pauperisierten zu erweitern. Er organisierte keine Revolutionen der Randständigen, sondern animierte diese zum gesellschaftlichen Mummenschanz auf Marktplätzen und Bühnen.
In einem Essay über das Soziale und das Asoziale (Merkur, Heft 9/10 2010) zeichnet Klaus Hartung eine Entwicklung nach, die seit den fünfziger Jahren die Sozialhilfe sukzessive von einer diskriminierenden Armutsfürsorge in ein System sozialer Rechte transformierte. Auf die Abweichenden und Ausgegrenzten wurden dabei im Namen einer optimistischen Anthropologie hohe Erwartungen projiziert. Irgendwann sei diese positive Anthropologie aber abhandengekommen, während sich der Sozialstaat in eine Transferverwaltung mit ständig wachsenden Kontrollbürokratien verwandelt habe. Inzwischen haben wir es ohne Zweifel mit einem paternalistischen Staat zu tun. Die einzige Schwäche, die er zugibt, ist die, kein Geld zu haben. Ein Gefühl für das geschmeidige Nebeneinander von staatlicher Souveränität und sozialen Selbstregulierungskräften hat er nie besessen. Es wäre falsch, alle Defizite an den Staat zu adressieren. Was der Staat nicht kann oder will, ist immer auch eine Chance für die Gesellschaft.
Bei der hier angeregten Theorie der Schwäche geht es keineswegs um eine Wiederbelebung eines Karnevals der Subversion. Die Logik des paternalistischen Staates bedarf vielmehr einer Gegenerzählung, in der Episoden der Nachlässigkeit und Trägheit auf ihre gesellschaftlichen Ressourcen hin abgeklopft werden. Die Typen, die einem auf der Straße mit großer Raumverdrängung entgegenkommen, müssen einem nicht unbedingt sympathisch sein. Die Begegnung mit ihnen verrät aber einiges darüber, was auf den Straßen los ist.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  29 | 9 | 2010
Kommentare:  8
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