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Worte rauben Freiheit: Satanische Camorra

Roberto Saviano und Salman Rushdie teilen in Stockholm Erfahrungen und Werte. Von Hannes Gamillscheg

Trost für einen, der an Todesdrohungen noch nicht so gewöhnt ist: Salman Rushdie legt den Arm um Roberto Saviano.
Trost für einen, der an Todesdrohungen noch nicht so gewöhnt ist: Salman Rushdie legt den Arm um Roberto Saviano.
Foto: rtr

Plötzlich wird das Leben ganz anders. Plötzlich werden alltägliche Dinge zu unübersehbaren Herausforderungen. Plötzlich lebt man an einem geheimen Ort, von Leibwächtern umgeben, in schusssicheren Autos gefahren. Zuerst das Aufbegehren: "Das ist ungerecht!" So sei seine erste Reaktion gewesen, als die Polizei ihm mitteilte, dass ihm die Camorra nach dem Leben trachte, sagt der italienische Autor Roberto Saviano. Dann die bange Frage: "Was habe ich getan? Meine Worte haben mich meiner Freiheit beraubt!"

Salman Rushdie, der indisch-britische Schriftsteller, der seit zwanzig Jahren unter der Todesdrohung islamistischer Extremisten lebt, weiß, wie seinem jungen Kollegen zumute ist: "Als ich das Hotel betrat, in dem Saviano wohnt, konnte ich sofort sehen, wo die Polizisten saßen. Ich habe einen Blick dafür entwickelt", sagte der Verfasser der "Satanischen Verse" dem Publikum im Festsaal der alten Stockholmer Börse. Dort hatte die Schwedische Akademie, die alljährlich den Literatur-Nobelpreis verleiht, die beiden verfolgten Autoren zu einem Gedankenaustausch über das "freie Wort und die gesetzlose Gewalt" eingeladen, und sie waren sich einig in ihren Erfahrungen und den Werten, die es zu verteidigen gilt.

Nicht "als Opfer" habe man sie eingeladen, sagte einleitend Horace Engdahl, der Sekretär der Akademie, sondern um ihren Kampf für die Redefreiheit zu unterstützen. Für Saviano ist es die Pflicht des Schriftstellers, die "Wirklichkeit anschaulich zu machen", auch wenn sie blutig und verbrecherisch ist. Doch mit dem Erfolg seines Buchs "Gomorra", in dem er das Unwesen der neapolitanischen Mafia beschreibt, machte er sich eine Organisation mit "grenzenloser wirtschaftlicher Macht" zum Feind, die 4000 Morde auf dem Gewissen hat. Und musste erleben, wie er geschmäht wurde, nicht die Mörder und ihre Drahtzieher. "Kann es sein, dass der Erzähler für das verantwortlich gemacht wird, was er erzählt und es keine Haftung gibt für die, die tun, was er schildert?"

Die Beschuldigungen, dass er nur Ruhm und Scheinwerferlicht gesucht habe und das eigene Land beschmutze, haben ihn getroffen: "Ich halte den Gestank von Korruption und Verderben nicht aus, aber ich ehre den gesunden Teil meines Landes." Einen Schriftsteller könne man mundtot machen, aber er habe seine Alliierten, die Leser. Wenn diese lesen und verstehen, könne die Wirklichkeit nicht unterdrückt werden. "Nicht ich mache der Mafia Angst, sondern die Leser." Auch Rushdie fühlte sich verletzt durch die Stimmen aus der westlichen Welt, dass er selbst schuld sei an seinem Schicksal, weil er "absichtlich" die Gefühle Gläubiger verletzt habe. "Nicht gut" stehe es um das freie Wort, sagte der 61-jährige Autor und spannte den Bogen von ermordeten Journalisten in Mexiko über die Zensur in China zu den ins Exil gezwungenen größten Dichtern der arabischen Welt.

Der Mensch habe sich stets über die Sprache definiert, er sei ein "Geschichten erzählendes Tier", meint Rushdie, und in einer freien Gesellschaft könne er diese Geschichten stets verändern und neu definieren. In einer unfreien Gesellschaft aber erzählten andere die Geschichten, "und du hast sie zu akzeptieren, so wie wir sie erzählen". So sei das freie Wort eine Frage, die weit über das Recht des Schriftstellers hinausgehe, zu schreiben, was er wolle: "Wenn das freie Wort zum Schweigen gebracht wird, ist das ein Verbrechen gegen die menschliche Natur." Das sei die prinzipielle Dimension der Bedrohung, die er, Saviano und viele andere erlebten.

Viel mehr Raum im täglichen Leben nähmen jedoch die praktischen Aspekte ein: wie lebt man als Bedrohter? Wo geht man einkaufen? Bei welcher Fluggesellschaft ist man als Passagier willkommen? "Sichere Häuser von Regierungsseite gibt es nur in John Le Carrés Romanen", spottete Rushdie, er habe seine Unterkünfte selbst suchen und bezahlen müssen und den Nachbarn verschweigen, wer er ist. "Plausibel zu machen, warum vier physisch starke Männer unter einem Dach leben, ist nicht so einfach", scherzte er, "es war schwerer, die Leibwächter zu verstecken als mich."

Doch die Jahre des Verbergens haben ihn auch gelehrt, dass man die Gefahr nicht übertreiben soll. "So weit die Arme der Camorra auch reichen mögen, sie reichen nicht in jeden Schlupfwinkel", lautete sein Trost an seinen 29-jährigen Kollegen. Doch er erinnerte sich auch an eine Fahrt durch Paris zu Beginn der gegen ihn verhängten Fatwa, als er in einer Panzerglaslimousine den seinetwegen gesperrten Place de la Concorde passierte und die Leute in den Straßencafés auf die Autokolonne starrten. "Da dachte ich: werde ich je wieder zu denen gehören, die im Cafe sitzen, oder werde ich immer in diesem Käfig bleiben?" Er ließ offen, ob er sich noch als Gefangener fühlt.

Dass die Schwedische Akademie das Forum für diese Diskussion bot, war eine Wiedergutmachung für alte Sünden. 1989 hatte sie sich geweigert, eine Solidaritätserklärung für Rushdie zu publizieren, weil sie Politik aus ihrer Tätigkeit ausklammern wollte, worauf mit Kerstin Ekman und dem inzwischen verstorbenen Lars Gyllensten zwei der profiliertesten Mitglieder aus Protest die Akademie verließen. Auch diesmal stieß ein Aufruf Ekmans zur Unterstützung Savianos zunächst auf zögerliche Reaktionen. Die Morddrohung der Camorra sei ein Fall für die Kriminalbehörden und habe nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, erklärte Engdahl, schwenkte jedoch um, als sich eine Reihe von Nobelpreisträgern mit dem Bedrohten solidarisierte. Saviano war dankbar dafür: "Hier zu stehen neben Salman Rushdie, ist der beste Schutz, den es für mich geben kann."

Autor:  HANNES GAMILLSCHEG
Datum:  27 | 11 | 2008
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