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Würdiger Antritt: Anmut der Macht

Wie es dem neuen US-Präsidenten Barack Obama gelang, zwanglos mächtig zu wirken. Von Michael Rutschky

Dies alles ist natürlich Kunst. Gerne lassen wir uns von ihr verführen.
Dies alles ist natürlich Kunst. Gerne lassen wir uns von ihr verführen.
Foto: ap

Das wurde rasch bemerkt, als er die Vorwahlen, dann die Wahl zu gewinnen begann, seine außerordentliche körperliche Präsenz. Er besitzt "grace", wie man auf Englisch sagt, Anmut - und seine Präsenz kommt schon gar heraus in seiner Stimme. "Rich" nennt man das auf Englisch, wohltönend, tragend, voll, wobei etwas Metallisches verhindert, dass es bloß schöne Musik ist, Säuseln und Schmeicheln.

Versteht sich, dass das Metallische die Antrittsrede beherrschte, ein scharfer Ton von Entschlossenheit. Was jetzt gesagt wird, gilt; dies ist nicht Reden, sondern Handeln. Heute versammeln wir uns hier, weil wir uns für die Hoffnung entschieden haben statt für die Furcht, für ein gemeinsames Ziel, statt für Uneinigkeit und Streit - dass das eine Sache der Entscheidung ist und kein Schicksal, das halt blind Hoffnung und Furcht, Einigkeit und Streit austeilt, bekräftigt das der Mann nicht mit jedem seiner Sätze?

Zur Person

Michael Rutschky, 1943 in Berlin geboren, studierte Soziologie, Literaturwissenschaft und Philosophie. Bekannt wurde er vor allem durch sein essayistisches Werk.

Zuletzt erschien von Michael Rutschky: "Wie wir Amerikaner wurden", Ullstein Verlag, Berlin/München 2004, 208 Seiten (das Buch ist vergriffen, aber antiquarisch zu haben).

Stets hält er den Kopf ein wenig nach hinten geneigt - zur Anmut kommt zwanglos die Würde hinzu. Sie kommt ihm und allen, die ihm lauschen, zu von den Ahnen, jetzt, in diesem Augenblick. Für uns packten sie ihre Habseligkeiten zusammen und überquerten die Ozeane auf der Suche nach einem neuen Leben, für uns ließen sie sich ausbeuten und besiedelten den Westen, für uns ertrugen sie die Schläge der Peitsche und beackerten die harte Erde, für uns kämpften sie und starben, in Gettysburg wie in der Normandie.

Wie er sich beim Reden mal nach rechts, mal nach links wendet, damit umgreift er die Zuhörer (die ohnehin nichts anderes wollen, als von seiner Rede ergriffen zu werden). Anmut und Würde verbieten, dass daraus eine Umarmung wird; hier spricht kein Demagoge oder Volkstribun. Die Glabella-Falten zwischen den Augen zeigen an, wie hier Anstrengung untrennbar mit Intelligenz kooperiert - während die Querfalten auf der Stirn des 43. Präsidenten George W. Bush immer die vergebliche Mühe anzeigten, das selbstverschuldete Durcheinander zu ordnen.

So sparsam die Handbewegungen sind, der immer mal wieder aufgereckte Zeigefinger verdeutlicht, dass es auch um so etwas wie Belehrung geht. Unsere Gründerväter haben, während sie feindlichen Mächten gegenüber standen, deren Gewalt wir uns kaum ausmalen können, eine Charta aufgestellt, die die Herrschaft des Gesetzes und die Menschenrechte garantiert, eine Charta, die inzwischen das Leben von Generationen beglaubigt. Noch immer erleuchten diese Ideale die Welt, und wir werden sie nicht aufgeben bloß aus Bequemlichkeit.

Ist das der typische amerikanische Prediger, wie er die Rhetorik der Beschwörung beherrscht? In vivo konnte man sich ihr schwer entziehen (wollte es auch gar nicht). Auf dem Papier schaut der Text viel stiller und trockener aus - wir müssen also bei der Performanz bleiben; wie der 44. Präsident auf uns zukommt.

Die Beschwörung des Ursprungs, der Ahnen, ihrer Ideale und Opfer, das kann als Pathosformel schwer daneben gehen. Als der 40. Präsident, dieser alte Filmschauspieler mit den gefärbten Haaren und der Schmeichelstimme, in seiner Antrittsrede erklärte, wir haben jedes Recht, heroischen Träumen nachzuhängen, da wurde dem Rest der Welt flau (dass die Geschichte gut ausging, sogar den Frieden mehrte, ist eine andere Sache).

Es verleiht dem 44. Präsidenten diese außerordentliche performative Kraft, dass er in der eigenen Person das Versprechen, die Hoffnungen der Ahnen verkörpert (die seinesgleichen damals noch gar nicht einschlossen, im Gegenteil). Eben legte er den höchsten Eid der Nation ab - und 60 Jahre zuvor wäre sein Vater noch nicht einmal in einem Restaurant der Hauptstadt bedient worden. Demgegenüber waren die berühmten Sätze des 35. Präsidenten - frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage dich, was du für dein Land tun kannst - Rhetorik, jawohl.

Das historisch Einmalige der Stunde zu beschwören, diese Pathosformel kann erst recht misslingen. (Jede Zeitungsmeldung über was-weiß-ich möchte verkünden, dies sei jetzt einmalig in der Geschichte.)

Da fällt auf, wie diskret, wie selbstverständlich der 44. Präsident die Mühen und Leiden der Emanzipation seit dem Bürgerkrieg, seit den Kämpfen der sechziger Jahre aufrief - klar, er selber beweist ja in diesem Augenblick, dass der Kampf und die Arbeit gut ausgingen, und so kann er wie selbstverständlich die Ahnen, den ursprünglichen Gründergeist der Vereinigten Staaten von Amerika aufrufen, dass er sich in seiner Berufung neu bilde und vollende. Und dieser Geist werde die unermessliche Arbeit, die anstehe - in der Ökonomie, im Schulwesen, in der Umwelt, in den Beziehungen zum Rest der Welt - beseelen. Sie mögen sich öffnen, die Fäuste, die in der islamischen Welt noch geballt sind. Ja, wir hörten es, wir waren angesprochen. Dies war nicht bloß der Wille zur Macht, heroic dreams, es war die Macht selber, Ästhetik der Erscheinung.

Dies alles ist natürlich Kunst. Umso deutlicher, als die Rede - wie die strahlende in Chicago, als der Sieg errungen war - zwanglos improvisiert schien, gerade eben jetzt formuliert. Dies markiert einen weiteren Unterschied zwischen den USA und dem alten Europa, eine Brillanz der politischen Rhetorik, die man hierzulande eher für gefährlich hält. Aber wir sind ihrer Verführung doch erlegen, nicht wahr? Der erste Unterschied ist, wie zwanglos in Amerika hier die Religion mitwirkt. Dort haben wir sie genossen, die Worte des Predigers, hier wären sie unerträglich.

Autor:  MICHAEL RUTSCHKY
Datum:  22 | 1 | 2009
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