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19. Februar 2013

Yoko Ono: Ein wunderbar beseelter Auftritt

 Von Markus Schneider
Zum Geburtstag gehört eine Torte. Martha Wainwright (im roten Kleid) führt die Jubilarin zu ihr.  Foto: Roland Owsnitzki/Yoko Ono

Yoko Ono feiert ihren 80. Geburtstag in der Volksbühne, und zwar altersangemessen: quietschend, kreischend, keckernd und grunzend.

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Yoko Ono bringt noch immer die Gemüter in Wallung. Als der offizielle Teil ihres Konzerts am Sonntagabend in der Volksbühne vorbei ist, stürzt der Schauspieler Alexander Scheer wie ein Hürdenläufer über die Sitzreihen nach vorne, um die Setlist zu ergattern. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass er dazu über Michael Stipe, Ex-Chef von REM, steigen muss, der ihn physisch und mit ein paar dürren Worten darauf hinweist, dass der Zeitpunkt schlecht gewählt sei.

Denn die Standing Ovations des seit ewig ausverkauften Saals waren natürlich kein Abschied, sondern ein zweiter Beginn. Sie leiten – einen Tag vor dem Ereignis – die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag der Künstlerin, Musikerin, Aktivistin und Witwe John Lennons ein.

„Hey Yoko Ono“ hatte gleich zu Beginn das Damentrio Jiga Eva Masumi zu schick puddinghafter Elektrodisco in den Saal gerufen. Und nun klettert Martha Wainright nebst Bruder Rufus auf die Bühne.

Ein toller, bewegender Moment – gerade auch als späte Würdigung einer großen Künstlerin, die lange Zeit die Liste der bestgehassten Frauen im Pop anführte und als angeblicher Spaltungsgrund der Beatles ausdauernd mit rockistischer Einfalt und blankem Sexismus geschmäht wurde.

Dass nicht sie die Beatles entzweite, räumte letztens sogar Paul McCartney ein. Mit Yoko Ono an der Seite reifte Lennon überhaupt erst zu einer Künstlerpersönlichkeit, die auf beeindruckend öffentliche Weise die Rollen als Celebrity, Mann und Vater reflektieren konnte – zweifellos der Einfluss Onos, die sich in ihrem künstlerischen Werk von Beginn an mit den Fixierungen von Kunst und sozialen Rollen beschäftigte.

Denn vor allem war Yoko Ono längst eine anerkannte Künstlerin, als sie, wie sie es einmal in einem Interview auf diesen Seiten formulierte, „über diesen Rocker stolperte“. Sie studiert in Tokio, als erste Frau der Fakultät, ein paar Jahre Philosophie, zieht in den frühen Fünfzigern zum Kunststudium nach New York, wo sie sich, gefördert vom Experimentalmusiker LaMonte Young und Fluxus-Pionier George Maciunas, als Performancekünstlerin einen Namen macht.

In der Volksbühne begrüßt sie das Publikum zunächst mit körnigen Bildern aus ihrem Film „Fly“ von 1970, in denen man eine Fliege beim Weg über einen nackten Frauenkörper begleitet, über Brüste, Bauch und wuchernden Schambusch, eine Fluxus-Variation von Courbets „Ursprung der Welt“.

Kindheit in Tokio, Hochzeits-Bed-In mit Lennon

Danach erst zeigt sie ein kleines Biopic mit Bildern aus der Kindheit in Tokio, vom Konzert mit Free Jazz-Erfinder Ornette Coleman und als Protagonistin ihres berühmten „Cut Piece“ von 1964, einer Performance, während der ihr von Zuschauern die Kleider vom Leib geschnitten werden. Man sieht sie mit Lennon und der gemeinsamen Plastic Ono Band, beim Hochzeits-Bed-In und anderen aktivistischen Szenen, wird an Lennons Siebziger-Hang zu ulkigen Ballonmützen erinnert und an seinen Rückzug in die Vaterschaft.

Schließlich erscheint unvermeidlich die blutige Brille nach dem Attentat 1980 groß im Bild, worauf Bilder von Onos berührendem Auftritt mit dem sechsjährigen Sohn Sean bei der Grammyverleihung 1981 und die anschließend unermüdliche Friedensaktivität folgen.

Sean ist mittlerweile 37 und wirkt stimmlich wie mit Zauselmatte und -bart seinem Vater ausgesprochen ähnlich. Er steht der Mutter auch in der Volksbühne bei, als Chef der 2009 für Yokos „Between My Head and the Sky“ wiederbelebten Plastic Ono Band abwechselnd an Gitarre und Bass, für das ebenso stille wie eindringliche Fukushima-Stück „Higa Noboru“ begleitet er sie auch allein am Flügel.

Er lässt keine Gelegenheit aus, vor ihr rockend auf die Knie zu fallen und kümmert sich rührend, springt ihr bei, wenn sie für einen Einsatz zu spät kommt oder kurz die Setlist aus den Augen verliert, und er gibt ihr Stichwörter für kleine, auch mal charmant desorientierte Ansagen. „Ich wollte eigentlich in Hawaii feiern“, sagt er, „aber Mutter liebt Berlin und hat mich schon als Kind mit Brecht/ Weill gefüttert.“ „Brecht ist der Grund“, jubelt darauf Yoko, „dass ich unbedingt in der Volksbühne auftreten wollte.“

Berliner Ensemble oder Volksbühne – was soll’s angesichts eines derart wunderbar beseelten Auftritts. Die Lederjacke über ihrem traditionellen schwarzen Kostüm wirft sie schon beim eröffnenden „It Happened“ vor sich auf den Boden, um fortan oft singend, meist jedoch quietschend, kreischend, keckernd, grunzend über die Bühne zu tänzeln und zu hüpfen, während die Band jüngere Stücke aber auch gut vierzig Jahre alte Songs wie „Mind Train“ mit einem erstklassigen, lauten und derb matschenden Bluespunkgroove unterlegt.

Die 80-Jährige bewegt sich dabei durchaus altersangemessen eckig, die Gesamtperformance dagegen glänzt durch wundervoll geschmeidige Heiterkeit. Sie buckelt sich durch die New Wave Disco ihres Hits „Walking on Thin Ice“, beugt sich für besonders lustvolle Kehllaute weit herab, reckt kantig immer wieder die Arme zu optimistischen Rettungsparolen für unseren schönen Planeten. „I’m not the only bitch“ kommentiert sie grinsend Peaches’ Gastauftritt für „I’m a Witch“.

„Hey, Yoko Ono“, freut man sich mit ihr, weshalb man schließlich aufs sympathische Bitten Seans einfach mal ganz uncool „Give Peace a Chance“ mit den um Peaches, Robyn Hitchcock und Stipe erweiterten Bühnengratulanten singt. Zum Abschied wackeln in Großaufnahme riesig die nackten Hintern aus Onos 66er-Werk „Bottoms“ über die Leinwand. Und während sich alle von deren historischer Bedeutung ablenken lassen, kommt geistesgegenwärtig Alexander Scheer zu seiner Setlist.

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