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23. Februar 2012

Young Adult: Paare und Paarungen

 Von Daniel Kothenschulte
Wer jenseits der dreißig ist und die bittere Pille erst einmal geschluckt hat, mit „Young Adult“ gemeint zu sein, kann sich auf eine hinreißend bittere Komödie freuen.  Foto: dapd

Charlize Theron spielt eine erfolgreiche Mittdreißigerin auf der Suche nach ihren Wurzeln - und ihrem leider verheirateten Jugendfreund. Eine hinreißend bittere Komödie.

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Man erwartet in amerikanischen Filmkomödien nicht unbedingt persönliche Bekenntnisse ihrer Drehbuchschreiber. Keine Filmautorin allerdings wurde in den vergangenen Jahren so gefeiert wie Diablo Cody, und das macht die Sache anders. Bevor die heute 33-Jährige für „Juno“ einen Oscar bekam, war sie Amerikas bekannteste Ex-Stripperin. Als wir sie damals kurz vor der Preisverleihung trafen, hatte sie sich gerade von Steven Spielberg als Lohnschreiberin einer Teenager-Serie anstellen lassen. Ob das so eine gute Idee war?

Ein Film für Zuschauer jenseits der dreißig

Man mag es bezweifeln, denn ihr neues Werk „Young Adult“ handelt von einem solchen Umweg. Und der bringt Cody zugleich zurück zum intimen Filmstil des „Juno“-Regisseurs Jason Reitman. Charlize Theron spielt – offensichtlich von Codys Karriereschritt inspiriert – eine ebenso erfolgreiche wie unzufriedene Ghost-Writerin von Jugendbüchern auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie ist die gut erhaltene Mittdreißigerin des Filmtitels, die es nach einer gescheiterten Beziehung plötzlich ins Provinznest ihrer verklärten Teenie-Zeit zurückzieht. Ausgerechnet das Vaterglück ihres verheirateten Jugendfreunds weckt in ihr den finsteren Plan, ihn aus einer perfekten Ehe abzuwerben. Wer jenseits der dreißig ist und die bittere Pille erst einmal geschluckt hat, mit „Young Adult“ gemeint zu sein, kann sich auf eine hinreißend bittere Komödie freuen. Wie „Juno“ ist sie pointiert geschrieben und bis in die kleinste Nebenrolle auf den Punkt besetzt.

Die Kunst, die Rituale des Hollywood-Erzählens zu entlarven

Diablo Cody hat das klassische amerikanische Kino so gut studiert, als hätte sie die letzten Jahre nicht im Schreiber-Pool von Steven Spielberg verbracht, sondern in einem jener Bungalows, in denen sich Hollywoods Studiobosse der 1930er-Jahre die besten Autoren hielten. Allerdings hätten damals wohl die Sittenwächter etwas dagegen gehabt, eine Frau zur Filmheldin zu erheben, die alles daran setzt, einen bis dato glücklichen Ehemann zu stehlen. Doch wie bei „Juno“ gelingt es Cody, die Rituale des Hollywood-Erzählens gerade dadurch zu entlarven, dass sie ihnen erst einmal bereitwillig zu folgen scheint. Denn zunächst umfängt uns dieser Film mit heimeliger Vertrautheit. Es gibt genug romantische Komödien über die Rückkehr in die provinzielle Vergangenheit (Ted Demmes schöner Film „Beautiful Girls“ stand hier sichtlich Pate). Noch älter aber ist das Rezept der „Comedy of Remarriage“, in der Paare über Umwege zur eigenen Bestimmung und wahren Liebe finden. Legionen von Filmen sind danach gefertigt.

Spannung bis zum Ende

Intuitiv sympathisiert man also mit den Bemühungen der Heldin, ihre High-School-Liebe zurückzugewinnen. So geschickt ziehen uns Cody und Reitman auf ihre Seite, dass wir die attraktive Frau gern bei ihrem unmoralischen Plan unterstützen würden. Das Verblüffende dabei: Dieses Wohlwollen basiert auf Vorurteilen, die wir im Kino gelernt haben. Da ist zunächst die sentimentale Verklärung der Provinz, welche die späte Heimkehr als plausibel verkauft – obwohl wir doch vielleicht selbst nur zu froh sind, ihr im eigenen Leben entflohen zu sein. Doch haben uns nicht andere Filme wiederum die Emanzipation von Menschen, die sich in der Großstadt behaupten, als ebenso erstrebenswert vermittelt? Und das doch völlig zu Recht! Immerhin hat sich diese Filmheldin sogar in New York einen Namen gemacht, einer Stadt, von der Sinatra sang, wer es hier schaffe, der schaffe es überall.

Also etwa auch in dem Kaff, aus dem man kommt? Das hat er wohl nicht gemeint. „Young Adult“ nimmt wie sein Vorgänger „Juno“ all diese richtigen und falschen Glücksversprechen, steckt sie in eine Tüte und schüttelt sie durch. Dann sind wir überrascht, welches Los am Ende gezogen wird.

Young Adult USA 2011. Regie: Jason Reitman; 94 Minuten, FSK o. A.

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