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18. Juni 2011

Zeitdiagnose: Ist da draußen jemand?

 Von Hartmut Rosa
Der Protagonist von Pink Floyds Popdrama "The Wall" ist auf der Suche nach den Quellen des Selbst. (Im Bild: Sänger und Bassist Roger Waters bei einem Auftritt) Foto: dpa

Auf der Suche nach einem Widerhall im säkularen Zeitalter: Hartmut Rosa findet stumme und resonante Weltbeziehungen bei Charles Taylor und Pink Floyd.

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Zur Person
Hartmut Rosa

Hartmut Rosa, Jg. 1965, lehrt Soziologie an der Universität Jena. Seine Arbeitsgebiete sind die Zeitdiagnose und Moderneanalyse.

Seine Bücher über Zeitsoziologie und Beschleunigungstheorie stießen auf große Resonanz. Rosas FR-Essay geht zurück auf eine Tagung über „Postsäkuralismus“ an der Frankfurter Goethe-Universität, ausgerichtet vom „Normative Orders“-Exzellenzcluster. Ein Kongressbericht folgt am Montag. fr

In seinem bisher letzten großen Werk, „Das säkulare Zeitalter“, beschäftigt sich der kanadische Philosoph Charles Taylor mit den verschiedenen modernen Möglichkeiten der Welthaltung und Welterfahrung. Deshalb interessiert er sich auch explizit für die emotionalen und existentiellen, für die gelebten und gefühlten Differenzen möglicher und historisch realisierter Weltbeziehungen. Ein Subjekt um 1500 lebt nicht nur in einer ganz anderen Welt als eines um 2000, sondern es ist auch in einer völlig anderen Weise auf die Welt bezogen.

Dies ist die vielleicht interessanteste, wenngleich in der Diskussion kaum beachtete Erkenntnis von „Das säkulare Zeitalter“. Die gedachte, vor allem aber die gefühlte und gelebte Selbst-Welt-Beziehung ist in der mittelalterlichen Welt von der heutigen so radikal verschieden, dass es gewaltiger hermeneutischer Anstrengungen bedarf, sie sicht- und spürbar zu machen. Das kognitive Weltverständnis bildet dann gleichsam nur die bewusste „Spitze eines Eisbergs“. In dieser Auffassung liegt der Grund dafür, wieso Taylor in seinen jüngeren Arbeiten immer wieder Versuche unternimmt, die „soziomoralischen Landkarten der Moderne“ nachzuzeichnen.

Hier wie in den übrigen „politischen“ Schriften Taylors, in denen er Grundpositionen des Kommunitarismus entwickelt, zielt seine Argumentation immer wieder darauf ab, die soziale Welt nicht als eine Welt isolierter Entitäten, sondern als ein geradezu energetisch aufgeladenes, vibrierendes Netzwerk zu konzeptualisieren, dem das Subjekt nicht einfach gegenübersteht, sondern in das es gleichsam „responsiv eingebettet“ ist. Eben deshalb betreibt er einen ungeheuren argumentativen Aufwand um nachzuweisen, dass designatorische Sprachtheorien, die Sprache als „Instrument“ des Subjekts zur Bezeichnung und Kontrolle außerhalb seiner selbst liegender Dinge verstehen, fehlgehen.

Auch und gerade tief schürfende religiöse (die Teilnahme am Abendmahl für einen Gläubigen), ästhetische (die kontemplative Versenkung in eine Symphonie) oder naturbezogene Erfahrungen (der Sonnenaufgang auf einem Berggipfel) als Resonanzerfahrungen können kaum als soziale Anerkennungsbeziehungen gedeutet werden. Dennoch sind sie von fundamentaler Bedeutung für die moderne Identität. Weil die damit verbundene „Erschütterung“ stets und auf nicht vorhersehbare Weise auch ausbleiben kann (trotz des Vollzugs der entsprechenden Praktiken scheint die Welt für das erfahrende Subjekt dann „stumm“ zu bleiben), lässt sich diese Form der Weltbeziehung nicht auf ein kausales oder instrumentelles Weltverhältnis reduzieren.

Durchaus in Übereinstimmung mit Hegel pocht Taylor daher immer wieder darauf, dass menschliche Selbstverhältnisse nur dort gelingen können, wo Subjekte sich in den Institutionen und Praktiken, in denen sie handeln, einerseits „wiedererkennen“ und andererseits „zum Ausdruck“ bringen, sich mithin expressiv entfalten können. In einer „naturalistisch“ geprägten modernen Gesellschaft, die dominiert wird von Rechtsverhältnissen, welche gleichsam per definitionem „resonanzfrei“ sein müssen, und von instrumentellen Beziehungen sowie von Institutionen, die so eingerichtet sind, dass sie sich gegenüber den die Identität der Subjekte prägenden Wertüberzeugungen indifferent im Sinne liberaler Neutralität verhalten, machen moderne Individuen daher geradezu notgedrungen verstörende Entfremdungserfahrungen .

Gegen was Taylor daher in seinen wissenschaftstheoretischen ebenso wie in seinen kulturphilosophischen oder politiktheoretischen Überlegungen in wechselnder Gestalt immer wieder von Neuem ankämpft, ist das Schreckgespenst einer Welterfahrung, in der das gleichsam zu einem ausdehnungslosen Punkt geschrumpfte Selbst sich wie durch eine Mauer von allem Lebendigen abgetrennt findet, indem es außerhalb seiner Selbst keine Antwort mehr auf sein naturgemäßes In-die-Welt-Rufen findet.

Eine überaus beeindruckende popästhetische Manifestation findet diese (scheiternde) Weltbeziehung in der von Roger Waters bzw. Pink Floyd konzipierten Rockoper „The Wall“, die 1982 unter der Regie von Alan Parker auch als Musikfilm mit Bob Gel-dorf in der Hauptrolle erschien. Ihren vielleicht erschütterndsten Moment findet sie dort, wo der nur noch medial mit der übrigen Welt verbundene Protagonist, der Musiker Pink, am Rande des Wahnsinns, halbnackt, mit blutenden Fingern an der überaus dichten, undurchdringlichen und unüberwindbaren Wand aus schwarzen Blöcken entlang tastet, während über einem unheimlich-düsteren musikalischen Motiv monoton die immer gleiche Frage – „Is There Anybody Out There?!“ – wiederholt wird. Ist da draußen jemand?! Die einzige Resonanz aber scheint aus Pinks Innerem zu kommen: Die Trennung zwischen Subjekt und Welt hat sich verabsolutiert. In den „Quellen des Selbst“, Taylors großer Rekonstruktion der neuzeitlichen Weltbeziehung, erscheint die Gefahr und die Erfahrung dieser entfremdeten Isolation als die Konsequenz einer naturalistischen Welthaltung, in der das Selbst letztlich zu einem „Punkt“ schrumpft, von dem aus die Welt – einschließlich des eigenen Körpers und des Lebensstils – zu einem Objekt der Wahl und der Manipulation wird. Bezeichnenderweise operiert „The Wall“ denn auch immer wieder mit Szenen, die nicht nur die manipulative Entfremdung des Protagonisten von den Menschen und den ihn umgebenden Dingen, sondern auch vom eigenen Körper zum Ausdruck bringen, was im Film durch teils drastische Auflösungs-, Verfalls-, Verformungs-, Vervielfältigungs- und Selbstverstümmelungsvisionen zum Ausdruck gebracht wird.

Taylor macht nun deutlich, wie die rationalistisch-naturalistische Epistemologie, die liberal-individualistische Moralphilosophie und die politisch-ökonomische Umgestaltung der Welt zusammenwirken, um das atomisierte Selbst in einer beziehungslosen, nicht-resonanten Umwelt gleichsam zu einer überwältigenden „Erfahrungstatsache“ werden zu lassen, die dann unter anderem in solchen rockmusikalischen Kulturerzeugnissen ihre Zuspitzung findet. Natur und Lebenswelt werden gleichermaßen als unabhängig, neutral und vor allem als technisch beherrschbar, offen für den manipulativen Zugriff, verstanden.

Dem scheint Taylor ein romantisch Konzept entgegen zu setzen. Dabei macht er den Kern der romantischen Weltbeziehung in der Idee, oder vielmehr: in der ästhetischen und bisweilen religiösen Erfahrung eines tieferen Einklangs oder Übereinstimmens, kurz: in einer Resonanzerfahrung des Subjekts in der Natur bzw. in der Welt als Kosmos aus. Ausschlaggebend für Taylor ist dabei nicht eine bestimmte philosophische Doktrin oder Überzeugung, sondern eine andere Art der Welterfahrung, die etwa im magischen Idealismus von Novalis oder in Eichendorfs „Wünschelrute“ ihren prägnantesten Ausdruck findet: „Schläft ein Lied in allen Dingen,/ Die da träumen fort und fort,/ Und die Welt hebt an zu singen,/ Triffst Du nur das Zauberwort.“

Was die Subjekte der Moderne davor bewahrt, in die verzweifelte psychische Lage des Pink zu verfallen, ist die anhaltende Wirksamkeit der romantischen Überzeugung einer inneren Verbindung mit den Quellen der Natur und damit eines tieferen Einklangs mit einem „geheimen Lebensstrom“, einer vitalen, die kosmische Ordnung durchwaltenden Energie. Das moderne Selbst bleibt just dadurch einen Spalt breit geöffnet für die Affizierung durch eine größere, gleichsam kosmische Macht.

Allerdings formuliert Taylor auch Zweifel, ob der romantische Expressivismus in seiner säkularisierten, „spätmodernen“ Version aus sich selbst heraus und auf Dauer ausreicht, um modernen Subjekten eine „resonante“ Weltbeziehung zu sichern. Das kreativ und imaginativ sich entfaltende Subjekt versetzt sich gleichsam in eine „Eigenresonanz“, findet jedoch keinen Anhaltspunkt für einen transzendierenden Widerhall. Der romantische Expressivismus liefert daher letztlich keine Antwort auf Pinks existentielle Frage „Is There Anybody Out There?“. Die romantisch-expressive Weltbeziehung vermag aus sich selbst heraus die Indifferenz der Welt nicht zu überwinden: Selbst wenn sich auf diese Weise Resonanzbeziehungen zwischen Selbst und Welt erfahren lassen, ist es für das moderne Subjekte schwer, diese im Sinne einer affirmativ-anerkennenden, einer positiv bejahenden Beziehung zu deuten.

In Eichendorffs berühmtem „Weihnachtsgedicht“ wird eine solche Bejahung allerdings zum Ausdruck gebracht: „Und ich wandre aus den Mauern/ bis hinaus ins freie Feld./ Hehres Glänzen, heil’ges Schauern,/ Wie so weit und still die Welt!//Sterne hoch die Kreise schlingen,/ aus des Schnees Einsamkeit/ steigt’s wie wunderbares Singen – /O Du gnadenreiche Zeit“.

Bemerkenswert scheint mir zu sein, dass auch die Rockband Pink Floyd nicht nur die entfremdete Isolation, sondern auch diese Form der Welterfahrung in ihrem lyrischen und musikalischen Schaffen prägnant zum Ausdruck bringt. Nicht zufällig heißt ein anderes Lied der Band – ein 23-minütiges Soundgebilde, das von der Fachzeitschrift „eclipsed“ jüngst zum zweitwichtigsten Pink Floyd-Song überhaupt gekürt wurde – „Echoes“: Darin werden 23 Minuten lang musikalisch und textlich Resonanzbeziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur, Zeit und Ewigkeit, Licht und Finsternis, „Innen“ und „Außen“, Luft und Wasser moduliert, moderiert und modifiziert.

Angesichts des Umstandes, dass Pink Floyd einerseits nicht nur eine der kommerziell erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten sind, sondern im Lichte der Tatsache, dass ihre Musik längst ohne sie in den Konzertsälen der Welt zelebriert wird, zugleich eine der vermutlich nachhaltigsten, während andererseits völlig unklar scheint, worauf diese Nachhaltigkeit beruht (die Musiker sind als Personen praktisch unbekannt, die Band hatte fast keine radiotauglichen Singlehits, der Harmonien, Rhythmen und Instrumenteneinsatz sind im Vergleich zu den anderen Artrockbands wie Yes oder Emerson, Lake and Palmer höchst unvirtuos), möchte ich die These vertreten, dass das Geheimnis von Pink Floyd eben darauf beruht: Dass ihre Musik nicht nur Resonanzerfahrungen zu vermitteln vermag, sondern zugleich andere Formen der Welterfahrung und der Entfremdung (man denke neben „The Wall“ etwa auch an „Welcome to the Machine“, „Dogs“ oder „Money“) be- und verarbeitet.

Hat das selbst erst einmal aufgehört, an die Mauer zu hämmern und auf Resonanz zu lauschen, verwandelt sich ihm die Pink-Frage „Is There Anybody Out There?!“ rasch in die von Taylor selbst aus einem anderen Popsong zitierte und probehalber sogar nach dessen Interpretin als „Peggy Lee-Achse“ bezeichnete Frage: „Is that all there is?!“ Ist das alles, was da ist?! Das Verstummen der Welt für die inneren „Ohren“ der Subjekte könnte, so die Befürchtung, eine nicht-intendierte, paradoxe Nebenfolge des modernen Autonomie-, Effizienz- und Selbstwirksamkeitsstrebens sein.

Diese Angst kommt in Rousseaus Entfremdungsdiagnose der „Eigenliebe“ ebenso zum Ausdruck wie in Marx’ Entfremdungskonzept (und überhaupt in der ihm folgenden Tradition der Entfremdungstheoretiker), aber sie scheint ebenso deutlich auch in Webers „Entzauberungsnarration“, in Lukacs’ Verdinglichungsvorstellung oder in Adornos Konzeption der total werdenden instrumentellen Vernunft mitzuschwingen, und vermutlich ist sie sogar noch in Habermas’ Vorstellung einer „Kolonialisierung“ der (resonanten) Lebenswelt durch die „kalten“ Systemimperative der Bürokratie und der Wirtschaft präsent; für Axel Honneths grundlegende Unterscheidung zwischen Anerkennungs- und Missachtungsbeziehungen scheint sie ohnehin geradezu konstitutiv zu sein. Zentral aber ist das Resonanzverlangen und dessen Scheitern auch in den Werken der Existenzialisten, insbesondere in Albert Camus’ Idee der Geburt des Absurden aus dem Schweigen der gleichgültigen und unvernünftigen Welt angesichts des anthropologisch-unvermeidbaren menschlichen In-sie-hinein-Rufens.

Was diese Überlegungen daher nahe legen und anregen, ist nicht ein weiterer philosophischer Versuch zur Klärung der Frage, ob die Welt nun antwortet, wie Taylor glaubt, oder schweigt, wie Camus meint, sondern eine systematische Soziologie der Weltbeziehung, welche die kulturellen, strukturellen und institutionellen Voraussetzungen, Bedingungen und Kontexte untersucht und bestimmt, unter denen Subjekte individuell und kollektiv die Welt als resonant oder aber als feindlich, gleichgültig oder stumm erfahren. Ganz im Sinne der 11. Feuerbachthese von Karl Marx ließe sich daraus vielleicht ein Indikator dafür gewinnen, unter welchen Bedingungen menschliches Leben gelingen oder misslingen kann; ein Indikator für Lebensqualität mithin, der weit über die Maßstäbe materiellen Wohlstandes und auch menschlicher Fähigkeiten hinausreicht. Denn unter den Bedingungen von Hunger, Not und Knappheit oder in sozialen Ausbeutungs- oder Unterdrückungsverhältnissen werden sich resonante Weltbeziehungen kaum realisieren lassen.

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