In meiner letzten Kolumne hatte ich sie bereits kurz erwähnt; und als ob es sie nach einem längeren Auftritt verlangte, traten sie kurz danach persönlich in Erscheinung: Wildsauen mit Nachwuchs. Im Grunde sind es entzückende Tiere. Gut, die erwachsenen Tiere vielleicht weniger, ihre wild behaarten Ohren und Rüssel erinnern an den Räuber Hotzenplotz. Dafür sind die Frischlinge süße karamellfarbene Tierchen mit weißen Streifen, so akkurat, als hätten ihre Mütter sie eigenpfötig bepinselt.
Kurz vor der Dämmerung tummelten sich also vier Erwachsene und acht Junge auf der Weide der Schafe. Ich bemerkte sie eigentlich nur, weil die Schafe von ihrem Stall aus sämtlich in dieselbe Richtung schauten wie Fußballfans beim Public Viewing. Ihren Blicken folgend, sah ich mehrere dunkle Leiber. Keine fünfzig Meter von meiner Terrasse! „Schweine!“, rief ich aufgebracht, „weg da, ihr Schweine!“ Denn wo Schweine wühlen, wächst kein Gras mehr. Das Gras aber wird von den Schafen als Nahrung gebraucht. Die Wildschweine zeigten keine Reaktion. Ich musste schon deutlich näher kommen und tüchtig mit den Händen klatschen und fuchteln, bis sich die Sauen in Bewegung setzten, gefolgt von den Frischlingen, brav hintereinander wie Perlen an einer Schnur.
Das Stichwort von der Wildschweinplage kommt einem in den Sinn. Egal ob Städter oder Landbewohner, jeder Zeitungsleser hat schon davon gehört. Wildschweine wühlen in Mülltonnen und verwüsten Gärten… vermehren sich unkontrolliert… durchschwammen vor ein paar Jahren während einer Jagd doch tatsächlich unseren schönen Dorfteich! Vor dieser Wildschweinplage retten uns hoffentlich die Jäger, sagt man gemeinhin, aber ich bin skeptisch. Es ist nämlich so, dass die Jäger die Wildschweine nicht nur jagen, sondern auch füttern. Wer in unserer Gegend durch den Wald spazierengeht, wird immer wieder auf kleine Lichtungen stoßen, in denen in Herbst und Winter tonnenweise Futterrüben abgeladen sind. Drumherum vier, fünf Schießstände.
„Kirrplätze“ heißt so etwas offiziell, aber Kirren (also etwa: Anlocken des Wildes) ist laut Niedersächsischem Jagdgesetz „nur in geringen Mengen“ erlaubt und richtiggehendes Füttern sowieso nur im Winter. So heißt es in Paragraph 33 des Niedersächsischen Jagdgesetzes: „(1) Wenn Wild Not leidet (Notzeit), ist für seine ausreichende artgerechte Ernährung zu sorgen. … (2) In der Zeit vom 1. Januar bis 30. April darf Wild auch außerhalb von Notzeiten mit artgerechtem Futter gefüttert werden.“
Beim unbewaffneten Waldanwohner lässt solches Jagdrecht Fragen offen. Warum man notleidendem Wild Futter zukommen lassen soll, es in späteren Monaten aber durch den Wald hetzt und schießt, entzieht sich der nicht-jägerischen Logik. Insbesondere, wenn es um die Bekämpfung einer Plage geht, kommt der Winter doch gerade recht – möchte man meinen.
Doch der Wortlaut des Gesetzes wird ohnehin nicht übertrieben ernst genommen. Noch im Spätsommer, nach der Erntezeit sehe ich Landwirte (die zufälligerweise auch Jäger sind) mit großen Anhängern in den Wald fahren, weil sie noch Rüben „übrig“ hätten. Liebenswürdigerweise lassen sie diesen Überschuss den Wildschweinen zugutekommen. Damit die sich dann prächtig vermehren und frohgemut Äcker und Weide verwüsten. So dass dieselben Landwirte erneut in Klagen verfallen, dass Wildschweine zur regelrechten Plage geworden sind, und gleichsam zur Verteidigung ihrer Lebensgrundlagen das Gewehr aus dem Schrank nehmen müssen.
Dass ich dagegen kein Gewehr im Schrank habe, haben die Wildschweine möglicherweise aus meinen Texten geschlossen. Dies vermutete zumindest eine Nachbarin und erklärte so das unbekümmerte Tummeln auf meiner Weide. Daher trete ich nun abends und gelegentlich auch nach Sonnenuntergang auf die Terrasse, leuchte mit einer Taschenlampe in Richtung Dickicht und rufe den Schweinen zu, dass sie auf der Schafsweide nicht willkommen seien. Dabei bemühe ich mich um einen so bedrohlichen Tonfall wie möglich. Bloß: Weil das gegenüberliegende Dickicht total undurchdringlich ist, sehe ich nicht mal, ob da überhaupt Schweine sind, zu denen ich rede. Schleichen sie sich vielleicht erst an, wenn ich schlafe?
Falls sie dies hier nun lesen, wäre es jedenfalls schön, wenn sie meinen Auftritten ein wenig Respekt entgegenbringen könnten. Ungern würde ich mich der Mehrheitsmeinung anschließen, sie seien nichts als eine Plage.
Hilal Sezgin lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide, zuletzt hat sie das „Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu“ (Verlag Blumenbar) herausgegeben.
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