Am 24. Dezember vor dreißig Jahren starb Rudi Dutschke in der Badewanne, während im Nebenzimmer Familie und Freunde den Heiligen Abend vorbereiteten. Als ich am nächsten Tag über das Radio oder den Fernseher davon erfuhr, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Es hieß zwar - völlig korrekt - Dutschke sei an den Spätfolgen des Attentats vom 11. April 1968 gestorben, aber unsere Gemütswelt hält sich nicht an Fakten. Sie geht ihre eigenen Wege.
Ende Oktober hatte Hua Guofeng, der Chef der KPChina und Ministerpräsident des Landes, Europa besucht. Auch Deutschland. Ich war in dem Pressepulk gewesen, der ihn im Karl Marx Haus in Trier begleitete. Die abschließende Pressekonferenz fand in Bonn statt.
Für die hatte ich Rudi Dutschke meine Presseakkreditierung - ich arbeitete damals bei der taz - gegeben. Anfang Oktober 1979 waren in China eine Reihe von Dissidenten, die auf Wandzeitungen einen Systemwechsel gefordert hatten, ins Gefängnis gekommen. Unsere Idee war, dass Rudi Dutschke auf der Pressekonferenz Hua Guofeng dazu befragen sollte. Es war uns klar, dass man versuchen würde, die kritischen Frage nicht aufkommen zu lassen. Es war der erste Besuch eines chinesischen Staatschefs in Europa. Nach viertausend Jahren! Niemand wollte sich das historische Ereignis durch ein paar Systemkritiker in Peking und Umgebung vermasseln lassen.
Rudi Dutschke sah das anders. Er nahm unseren Vorschlag begeistert auf. Der orientalischen Despotie die Stirn und den Schwachen, um ihre Rechte Kämpfenden Solidarität zeigen - darin sah er seine Aufgabe. Wir besprachen sehr lange, welche Fragen er stellen sollte.
Aber natürlich kam es nicht dazu. Dutschke war ohne Schwierigkeit in die Pressekonferenz gekommen. Als er aber sich meldete, als sie seine Stimme hörten, war klar: Das war Rudi Dutschke. Er war nicht akkreditiert. Also wurde er von Ordnern aus der Pressekonferenz hinausbugsiert. Aber es fehlte nicht an Kollegen, die von ihm wissen wollten, was er hatte fragen wollen, aber nicht hatte fragen dürfen. So kamen die verhafteten chinesischen Wandzeitungsschreiber doch noch auf die Tagesordnung des Staatsbesuchs.
Ich stand vor dem Saal der Pressekonferenz, brachte Rudi in ein Haus, wo er den Artikel zum Ereignis schreiben sollte. So hatten wir es ausgemacht. Rudi Dutschke aber war müde. Die Sache hatte ihn angestrengt. So sehr, dass er nach vier, fünf Sätzen abbrach und sich erst einmal hinlegte. Ich fand das völlig lächerlich und bat ihn immer wieder, er solle doch weiterschreiben. Er probierte es. Er fand es wichtig, dass am nächsten Tag in der taz stand, dass der demokratische Rechtsstaat der Bundesrepublik einknickte vor den Forderungen eines autoritären Systems. Er war sich im Klaren darüber, dass ein Artikel mit seinem Namen eine ungleich größere Wirkung haben würde als ein von mir verfasster Bericht über das Ereignis. Zumal ich ja noch nicht einmal mit im Raum gewesen war.
Aber er schaffte es nicht. "Wann ist Redaktionsschluss?" Wir hatten noch vier Stunden Zeit. "Ich muss jetzt erst einmal schlafen. Wecke mich in einer Stunde. Dann bin ich fit und schreibe den Artikel in Nullkommanichts." Er war nicht fit, als ich ihn weckte. Er suchte nach Wörtern. Aber er wollte auf keinen Fall, dass ich etwas schrieb und er das dann benutzte.
Es sollte sein Text sein. Alles genau so, wie er es dachte, wie er es sah und wie er es schreiben konnte. Alles ehrlich. Kein Betrug. Dabei entglitten ihm die Wörter. Er begann einen Satz und wusste, als er am Ende war, nicht mehr das Verb, das ihm den Satz eingegeben hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie krank er war. Ich wusste, dass wir ihn missbraucht hatten. Ich fühlte mich schlecht. Er lachte darüber. Wir brauchten Stunden für diesen kleinen Artikel. Aber er schrieb ihn. Zwei Monate später war er tot.
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